INSIDE im Test

(Artikel)
Benjamin Strobel, 04. Juli 2016

INSIDE im Test

Alptraumhaft

Immer wieder werden Grusel- oder Horrorgeschichten als regelrechte Alpträume bezeichnet. Dabei sind sie oft gar nicht so traumartig. Der Horror - seien es Geister, Vampire oder Freddy Kruger - lässt sich oft beim Namen nennen. Er ist greifbar. INSIDE schafft es mehr noch als den Horror das Traumartige einzufangen. Es ist schemenhaft und undeutlich. Der Spieler ist Gast in einem Alptraum, den er nicht versteht.

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INSIDE beschwört das tiefe, innere Gefühl herauf, das etwas nicht stimmt. Dabei schlüpft der spirituelle Nachfolger von LIMBO so eng es nur geht in die Schuhe seines Vorgängers. Zu Beginn findet man sich (erneut) als Junge in einem finsteren Wald wieder. Es raschelt, Hunde bellen in der Ferne. Man rennt los, weil die Regeln des Traums es diktieren. Die Flucht vor dem Links immer weiter ins Rechts wird schon bald durch echte Verfolger motiviert. Warum renne ich? Wohin geht es? INSIDE macht eine diffuse Angst spürbar, wie man sie nur aus Träumen kennt. Das Spiel vermittelt eine Bedrohung, die man deutlich spürt, aber doch nicht ganz versteht.

Träume haben keine Tooltipps
Nicht was INSIDE tut, macht es zum Alptraum, sondern das, was es nicht tut. Es erklärt nicht, es zeigt keinen Text. Es hat kein HUD. Es gibt kein Tutorial und keine Cutscenes. Es wird kein Wort gesprochen. INSIDE kommuniziert allein durch Environmental Storytelling. Es spricht zu uns in Bildern. Das Artdesign ist schlicht, aber bildgewaltig. Die Bildsprache ist vor allem emotional sehr wirkungsvoll. Es ist sogar so gut, dass es nicht mal Artworks zum Spiel gibt - Screenshots reichen völlig aus. Jede Szene ist eine perfekte Komposition, die sich zu einem Mikronarrativ zusammensetzt: So brennt sich beispielsweise das Bild von totem Vieh unwiderruflich ins Gedächtnis. Die pure Masse von totem Fleisch lässt einen wissen, dass Tod in der Luft liegt. Doch erst die Reihe von immer neuen, bedrückenden Bildern lässt langsam erahnen, was passiert ist - ohne es vollständig preiszugeben.

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INSIDE ist in allen Belangen so simpel wie möglich. Das gilt nicht nur für die Erzählung, sondern auch für das Gameplay des Puzzle-Platformers. Schalter drücken und Kisten schieben sind abgedroschene Genrekonventionen, die sich in INSIDE wieder frisch anfühlen. Es ist ein Spiel, in dem eine einzige Kiste genügt, um mehrere Räume mit Rätseln zu füllen. Eine. Kiste. Dabei wird keine Mechanik je auf die Spitze getrieben. Das Spiel fordert niemals, "und nun noch mal in schwer mit fünf Kisten und umgekehrter Physik bei Flackerlicht". Es ist insofern auch kein sehr schwieriges Spiel. Aber jedes Rätsel ist durchdacht und die meisten sind richtig clever. Dazu braucht es nicht mehr als Springen und eine Aktionstaste. Während andere Spiele in Tooltips ertrinken, benötigt INSIDE keinerlei Erklärung. Bevor es eine Sache komplizierter macht, macht es lieber etwas Neues.

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Fazit
INSIDE übertrifft LIMBO. Beide Spiele ähneln sich strukturell sehr, doch INSIDE schlägt seinen Vorgänger in allen Aspekten: Die Rätsel sind womöglich leichter, aber deutlich abwechslunsgreicher. Das unfassbare Artdesign ist nicht nur schlicht, sondern schlichtweg großartig. Vor allem aber ist die Erzählung deutlich stärker und schließt mit einem atemberaubenden Ende ab. In den letzten Spielminuten habe ich nur laut "WAS WAS WAS?" gerufen und dann den Mund einfach offen gelassen bis die Credits rollten.

Mit etwa vier Stunden Spielzeit ist INSIDE recht kurz. Ich kann verstehen, dass viele von dieser vergleichsweise kurzen Zeit abgeschreckt sein werden. Sicher, andere Spiele bieten längere Geschichten oder endlosen Wiederspielwert. Inside ist etwas, an das ihr euch erinnern werdet. Etwas, über das ihr sprechen wollt. Es ist die Art Spielerahrung, die ich nur mit Portal vergleichen kann. Es ist nicht nur ein Spiel, sondern ein Erlebnis. Es schockiert, überrascht und macht nachdenklich. Ihr müsst euch das ansehen. Ben

INSIDE wurde auf der Xbox ne getestet. Ein Testmuster wurde uns von Playdead zur Verfügung gestellt.

INSIDE

(Ranking)
S
RANK
Herausragend. S-Spiele erweitern Horizonte. Sie bieten intensive Erlebnisse oder halten den Spieler noch lange am Bildschirm gefesselt. Selbst wenn man sie nicht jedem empfehlen kann, will man doch mit jedem über sie reden.

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24. April 2017 um 21:02 Uhr
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Sparte - Wenn es nicht bei drei auf dem Baum ist, testen wir es.

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Spiele des Artikels

RELEASE
29. Juni 2016
PLATTFORM
PC
Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.
Xbox One
Plattform - Nachfolger der Xbox 360 von Microsoft. Angekündigt am 21. Mai 2013, ist die Heimkonsole am 22. November 2013 in Deutschland und weiten teilen Eruopas erschienen.

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