The Descendant

(Artikel)
Benjamin Strobel, 25. April 2016

The Descendant

Episodisches Adventure als Sparversion

The Descendant ist ein episodisches Adventure mit Fokus auf Story und Atmosphäre. Ihr denkt jetzt sicher, das muss doch von Telltale Games sein. Oder von diesen anderen, die Life Is Strange gemacht haben. Aber nein, hier war das Indie-Studio Gaming Corps am Werk. Kennt ihr nicht? Ich auch nicht. Aber schauen wir uns ihr Spiel an!

the-descendant-1

Vorweg: Die Tatsache, dass ein narratives Adventure-Spiel erscheint, das nicht von Telltale ist, finde ich erfrischend. Es ist großartig, dass Telltale das Genre wieder mit Leben gefüllt hat, aber umso besser ist es, dass nun auch vermehrt andere Studios etwas dazu beitragen. The Descendant kommt dabei als die Ultraleicht-Variante des episodischen Spiels daher. Die erste Episode hat eine gute Stunde Spielzeit, kostet aber auch nur 2,99 Euro. Das lässt sich in überschaubarer Zeit durch den Verkauf von Steam-Sammelkarten bezahlen!

Das Setting kann man am besten als Mischung aus Post-Apokalypse und Sci-Fi beschreiben. Die Menschheit wurde durch eine Klima-Katastrophe fast vollständig ausgelöscht. Zum Glück hatten sich die Leute schon darauf eingestellt und eine handverlesene Auswahl von Personen in Cryokammern tief unter der Erde in Sicherheit gebracht. So genannte "Hausmeister" wurden damit betraut, diese Archen der Menschheit zu überwachen und zu warten, bis es sicher ist, die Überlebenden aus dem Kälteschlaf zu wecken. Der Spieler erlebt die Geschichte aus zwei verschiedenen Perspektiven, die zu unterschiedlichen Zeiten spielen: Einmal als Hausmeisterin Mia, kurz nachdem sie ihren Job als Hausmeisterin antritt, und einige hundert Jahre später den Hausmeister Donnie, der in den verbleibenden Archen nach Überlebenden sucht.

the-descendant-2

Spielerisch orientiert sich The Descendant recht stark an den Adventures von Telltale. Das Dialogsystem ist komplett identisch, inklusive der Option nichts zu sagen und den typischen Anmerkungen des Spiels, dass die Figuren sich alle Sätze des Protagonisten genau merken werden. Die englischen Sprecher sind durchaus ziemlich gut, allerdings haben sie in der ersten Episode noch nicht allzu viel zu sagen. Zumindest solche Dialoge, in denen man auch Antworten auswählen darf, sind hier noch relativ rar.

Klick statt Stick: Leider unterstützt The Descendant keinen Controller. Maus und Tastatut müssen reichen.
Dabei fällt schnell auf, dass das Studio bei der Entwicklung wohl etwas auf Sparkurs gehen musste: Mimik und Gestik der Figuren sind recht begrenzt, was bei einem storylastigen Spiel wirklich schade ist. Auch an anderen Stellen muss das Spiel immer wieder auf Animationen verzichten, beispielsweise wenn man Türen öffnet. Hier wird der Bildschirm einfach schwarz und das Klicken des Türschlosses ertönt - nicht wirklich schlimm, hat mich aber manchmal aus der Illusion gerissen. An anderer Stelle bekommt eine Figur einen Pin-Code per Funk durchgegeben und ich habe erwartet, dass ich ich ihn eintippen soll, dann wurde die komplette Sequenz aber doch in einer Cutscene abgewickelt. Häufig wirkt es so, als hätten die Entwickler am Ende des Budgets noch viele Ideen übrig gehabt, die dann einfach rausgeflogen sind oder gekürzt werden mussten.

Was mir dagegen durchweg gut gefallen hat, ist die Musik. Die Tracks in der ersten Episode haben etwas Mystisches und Spannendes, das wirklich gut Atmosphäre aufbaut, auch wenn in den Gesichtern der Figuren nicht so viel passiert. Zusammen mit den tauglichen Synchronsprechern funktioniert das Ganze trotz der Einsparungen.

Anders als bei Telltale-Spielen gibt es mehr Rätsel als Quick-Time-Events, allerdings sind sie nicht besonders schwierig. So geht es beispielsweise darum, Kabel der richtigen Farbe zu verbinden oder Ventile in der richtigen Reihenfolge zu drehen. Allerdings versagt das Game Design völlig, wenn es darum geht, Objekte einzusammeln. Items kann man nämlich nur dann in der Umgebung entdecken, sobald man das Event ausgelöst hat, das sie zwingend erforderlich macht. Ich kann die Brechstange also nicht aufsammeln, wenn ich sie das erste Mal sehe. Meine Intuition, dass dieses Objekt schon irgendwie nützlich sein wird, genügt dem Spiel nicht. Erst wenn ich vor dem Stromkasten stehe, den ich nicht öffnen kann, gewährt mir das Spiel nach etwas Gerenne auch die Brechstange. Das ist unheimlich anstrengend. Vor allem, wenn man rechtzeitig sieht, welche Objekte später noch wichtig werden. Wenn schon Schnitzeljagd, dann doch bitte eine clevere.

the-descendant-3

Leider muss man sagen, dass die kurze Spielzeit kaum ausreicht, um The Descendant gut einzuschätzen. Die Story weckt mit ein paar mysteriösen Ereignissen durchaus meine Neugier, bricht aber dann sofort ab, bevor sie richtig losgeht. Es ist auch schwer zu sagen, ob die leichten Rätselaufgaben auf Dauer zu eintönig werden. Ich bin mir noch nicht sicher, wie störend die sparsame Mimik und Gestik der Figuren wirklich ist oder ob ich einfach nur verwöhnt vom ganzen Motion-Capturing bin. Insgesamt hauen Idee und Atmosphäre schon irgendwie hin, aber man merkt immer wieder, dass nicht die Peseten einer AAA-Produktion dahinter stehen. Für 2,99 Euro kann jeder mal reinschauen. Ob sich aber der Season Pass (11,99) lohnt, solltet ihr vorsichtig abwarten. Ben

The Descendant wurde auf dem PC getestet. Ein Testmuster wurde uns von Gaming Corps AB zur Verfügung gestellt.

Kommentare

Bisher hat dieser Artikel keine Kommentare. Sei der erste, der einen Kommentar veröffentlicht!
Gast
16. Dezember 2017 um 04:23 Uhr
GASTNAME
E-MAIL (nicht öffentlich)
      
SICHERHEITSFRAGE
Mit wie vielen "d" schreibt sich "dailydpad"?
ANTWORT

Themen

Indie
Themengebiet
Review
Sparte - Wenn es nicht bei drei auf dem Baum ist, testen wir es.

Gefällt dir unser Artikel?

Spiele des Artikels

RELEASE
24. März 2016
PLATTFORM
PC
Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.

Ähnliche Artikel