Hardcore

(Artikel)
Benjamin Strobel, 14. April 2016

Hardcore

Bildgewaltiger Actionfilm aus der Ego-Perspektive

Hardcore markiert die Erfüllung eines feuchten Gamer-Traums - es ist ein Videospielspektakel im Kinoformat. Der Action-Film des russischen Regisseurs Ilya Naishuller ist ein First-Person-Shooter auf großer Leinwand. Der 90-Minuten-Streifen ist ein ekstatisches Erlebnis, sowohl visuell gewaltig also auch körperlich fordernd.

Als die Credits rollen, bin ich noch immer in den Sitz des Hamburger Kinos gepresst, das ich für eine Pressevorführung von Hardcore besucht habe. Meine Muskeln sind angespannt, meine Hände sind feucht. Es war ein wahnsinniger Trip ohne Verschnaufpausen. Am Ende weicht das Adrenalin der Erschöpfung und leichten Kopfschmerzen. Hat es sich gelohnt? Ja.

Achtung! Es folgen kleinere Spoiler.

Hardcore tritt in die Fußstapfen von Non-Stop-Actionfilmen wie Crank. Die Ego-Perspektive ist für ein solches Unterfangen aber kein Gimmick, sondern macht den Film ungleich intensiver. Der Zuschauer sitzt fest im Kopf des Protagonisten, hinter dem sich im wahren Leben ein Schauspieler mit GoPro-Kameras auf dem Helm verbirgt. Jeder waghalsige Sprung macht die Höhen fühlbar, jeder Faustschlag die Erschütterung spürbar. Diese Wucht des Films ist auf der einen Seite wahnsinnig beeindruckend, auf der anderen Seite aber auch sehr anstrengend. Das liegt nicht nur an der schier pausenlosen Actionkoreographie, sondern auch an der wackligen Helmkamera. Der Regisseur schickt seine Zuschauer mit der brutalen Achterbahnfahrt jedoch ganz bewusst an ihre Grenzen.

Eine Altersfreigabe ab 18 Jahren hat der Film übrigens nicht zum Spaß. Wer kein Blut sehen kann, sollte seinen Magen besser schonen und sich Hardcore nicht geben. Gerade in den martialischen Kampfszenen wird die Nähe zu den knackenden Knochen und blutigen Gedärmen auch für stärkere Mägen schon mal unangenehm. Die übertriebene Gewalt steht jedoch im Lichte einer völligen Absurdität, die sich durch den Film zieht und ihm letztlich auch den Ernst nimmt. Unter der Haube des Cyborg-Protagonisten Henry ist der Zuschauer wiederholt mit dem Tod seines Sidekicks konfrontiert, der wie selbstverständlich jedes Mal respawnt. Sharlto Copley spielt hier eine großartige Nebenrolle, die dem Film zwischen all den Actionszenen eine humoristische Seele einhaucht - und damit auch die effektive Abwesenheit eines richtigen Protagonisten kompensiert. Seine großartigen Monologe vor dem stummen Helden sind wie kleine skurrile Inseln, auf denen man sich kurz ausruht, bevor der nächste Flammenwerfer, Helikopter oder Panzer bildgewaltig die Szene sprengt. Die Auswahl dieser ikonischen Szenen dient dabei nicht nur dem puren Actionfeuerwerk, sondern huldigt gekonnt die Gepflogenheiten von First-Person-Sootern.

Der Trailer bietet auch einen Vorgeschmack auf den ungewöhnlichen Soundtrack des Films.

Hardcore ist am Ende des Tages aber mehr als ein bildgewaltiges Augenzwinkern zu Videospielen, das über Respawns witzelt. Die Ego-Perspektive liefert unglaubliche Schauwerte, vom Sturz aus dem Flugzeug bis zu Verfolgungsjagden auf Motorrädern und über Häuserdächer. Das offenbart nicht nur ein cinematographisches Geschick, all diese Szenen täuschend echt zu präsentieren, sondern auch gigantische Leistungen der Stuntmen, die mehr als einmal dafür verantwortlich sind, dass es echt aussieht, weil es echt ist. Als Zuschauer vermag man nicht zu unterscheiden, wo der Stunt aufhört und die Tricktechnik beginnt - beides wäre gleichermaßen beeindruckend.

An dieser Stelle muss ich eigentlich nicht mehr erwähnen, dass es bislang nichts Vergleichbares gibt. Dennoch: Im Videospiel ist die Ego-Perspekive zwar zum Alltag geworden, doch im Film ist sie ein innovatives Novum, das nach langer Zeit endlich neue Schauwerte ins Kino bringt. Vor einigen Jahren hatte die Verfilmung von Doom sich vorgewagt, Szenen aus der ersten Person zu drehen, war dabei aber weder handwerklich so gut, noch so konsequent in der Umsetzung. Der Exzess in der Ego-Perspektive macht Hardcore zwar anstrengend, aber einzigartig und sehenswert. Ein bombastischer Actionstreifen gleichermaßen für Film- und Spielefans. Ben

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24. Juli 2017 um 12:27 Uhr
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