SUPERHOT im Test

(Artikel)
Rian Voß, 25. Februar 2016

SUPERHOT im Test

Nur keine Hektik

Früher hatte ich einen Freund, mit dem ich auf dem Weg zur Schule immer die wildesten Ideen für Videospiele gesponnen habe. Ein Strategiespiel, in dem man nicht die Menschen, sondern die Häuser steuert! Pokémon, aber mit hundert verschiedenen Elementen! Einen Schul-Manager! GTA in 3D! SUPERHOTs Konzept klingt so simpel, dass ich es mir mit diesem Freund damals ausgedacht haben könnte: Ein Egoshooter, in dem die Zeit nur voranschreitet, wenn man sich selbst bewegt.


Das einzige Ziel einer jeden Mission ist es, rote Männchen zu töten. Manchmal haben sie Waffen, manchmal ballen sie die Fäuste oder gehen mit Baseball-Keulen auf den Spieler los. Eine Mission startet mit drei pistolenbewährten Männern in einem Aufzug. Die Spielfigur öffnet die Augen und gaaaaanz langsam heben sich drei Läufe. Geht man nach links, rechts, vorne oder hinten, heben sie die Arme schneller. Haut man einem in die Fresse, kann man ihm die Pistole abluchsen und seine Kollegen abknallen, aber die nutzen derweil die beschleunigte Zeit aus, um einen nonchalant in den Rücken zu schießen. Und ein Treffer ist das sofortige Aus. Knifflig.

Der Fahrstuhl, den man in dieser Mission kein einziges Mal verlässt, ist die essentielle Fragestellung von SUPERHOT: Wie bringe ich die anderen Scheißkerle um, bevor sie mich umlegen? Alles andere ist fast nur Flair. Wenn auch unbeschreiblich cooler Flair. Die Story-Kampagne leistet einen hervorragenden Job, den Spieler in ungeahnte Situationen zu stoßen und ihn intuitiv zu seinem Glück zu zwingen. Mal beginnt das Spiel mit einem rasenden Auto, das nur zwei Meter davon entfernt ist, einen in den Rollstuhl zu setzen. Mal steht man in einem oberen Stockwerk eines Wolkenkratzers und zwischen einem selbst und der Aussicht stehen nur ein Typ und die Worte "Lass ihn fliegen!"

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In Echtzeit wären alle Missionen enorm kurz. Am Ende des Auftrags darf man sich die Mordserie ohne Entschleunigung anschauen und man kann gar nicht so schnell blinzeln, wie sich die Aufnahme wiederholt. Während des Auftrags sieht es aber ganz anders aus. Man kriecht förmlich vor sich hin, achtet auf jeden Schuss, der sich von jeder Seite lösen könnte, und weicht den schwarzen Geschossen mit dem roten Schweif gekonnt aus. Ich möchte echt nicht mit den beiden Typen tauschen, die am Ende eines gestaltlosen Ganges stehen und dabei zusehen müssen, wie ein Typ an ihrem Dauerfeuer vorbei und direkt auf sie zuläuft.

Auch wenn das Konzept "Entwaffnen, ballern, ausweichen, wiederholen" sehr gut und funktional umgesetzt wird, merkt man doch zu jeder Zeit, wie durch und durch indie SUPERHOT doch ist. Klar ist die Grafik hochgradig stilisiert und hey, ich mag den klotzigen Low-Poly-Look, aber nach einiger Zeit langweilt sich selbst mein Auge in dieser Ödnis aus Grau und Rot. Auch wirken die eigenen Bewegungen enorm starr, was man insbesondere im Echtzeit-Replay bemerkt. Hinter abgefeuerten Waffen steckt optisch kein Wumms. Wenn man einem Feind die leere Waffe in die Fresse schmeißt, dann bewegt sich das Objekt disjunkt zur Animation der Hand. Das stört den Ästheten, ist aber an sich Kritik auf hohem Niveau, denn rein funktional könnte SUPERHOT kaum etwas besser machen. Die Levels sind gut designt und das Spiel macht Spaß. Punkt.

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Die Story ist dabei recht flugs durchgespielt. In ein bis zwei Stunden werdet ihr euch durch die 32 Missionen durchgekämpft haben. Immerhin gibt es neben dem stupiden Morden auch tatsächlich eine Geschichte, wenn auch eine sehr einfache. Es geht dabei um einen Typen, der von einem Freund einen Crack zugeschickt bekommt, mit dem man ein Spiel in Entwicklung auf den Firmenservern zocken kann. Das findet die Firma nicht so gut. Und so entwickelt sich eine Bedrohung, die teilweise gruselig real wird. Wenn ihr die Story voll auskosten wollt, dann kann ich euch nur empfehlen, SUPERHOT mit einer VR-Brille zu spielen. Ich weiß, die Oculus Rift ist noch nicht ganz da, von daher ist SUPERHOT seiner Zeit ein wenig voraus, aber ich kann nur sagen: es lohnt sich.

Glücklicherweise hört das Spiel nach zwei Stunden nicht auf, sondern ihr könnt auf eine Fülle von Endlosmodi und Modifikatoren für die Story zugreifen. Keine Waffen, härtere Schläge und weitere freispielbare Modifikatoren werden eure Attentäterskills testen. Im Endless-Modus tötet man sich dagegen entweder durch unendliche Gegnerwellen oder muss so viele Feinde wie möglich in einer bestimmten Zeit ausschalten. Wer auch nur ein wenig das Highscorefieber in sich trägt, wird hier nicht widerstehen können.

SUPERHOT ist ein quirliges Konzept, das ziemlich langweilig hätte sein können. Zum Glück wussten die Designer, was sie taten: Funktionales Gameplay, intuitive Steuerung und kleine, fokussierte Level machen SUPERHOT zu einem spaßigen Shooter, der vielleicht nur ein wenig mehr Story und optischen Feinschliff vertragen könnte.

SUPERHOT wurde auf dem PC (Windows 10 64-Bit, 16 GByte RAM, Intel Core i5-4690, Nvidia GeForce GTX 970) getestet. Ein Testmuster wurde uns von SUPERHOT Team zur Verfügung gestellt.

SUPERHOT

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RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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01. Juli 2016 um 17:09 Uhr
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25. Februar 2016
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Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.
Xbox One
Plattform - Nachfolger der Xbox 360 von Microsoft. Angekündigt am 21. Mai 2013, ist die Heimkonsole am 22. November 2013 in Deutschland und weiten teilen Eruopas erschienen.

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