Kholat im Test

(Artikel)
Vivian R., 20. Februar 2016

Kholat im Test

Pfadfinder-Grundkurs mit Monstern

Es ist Winter, es ist nachts, Vollmond, wir sind in einem Wald und das auch noch ganz alleine – mich Weichkeks bringt das Szenario alleine schon zum Schlottern. Die Entwickler des Horror-Spiels Kholat dagegen dachten sich: Da geht noch mehr. Und würzten die gemütliche russische Winterlandschaft mit ein paar übernatürlichen Gruselelementen und einer mysteriösen Hintergrundgeschichte.

Kholat Schnee2

Verschollen am Djatlow-Pass
Und diese Geschichte ist inspiriert von den Geschehnissen am Djatlow-Pass im Ural-Gebirge. Vor knapp fünfzig Jahren verstarben dort neun Studenten bei einer Ski-Reise unter mysteriösen Umständen, die heute noch Fragen aufwerfen. Das polnische Entwicklerstudio IMGN.PRO bietet mit dem Horror-Survival-Spiel Kholat seine ganz eigene Interpretation der Vorkommnisse an: Als unbekannter und stimmenloser Protagonist verschlägt es uns zum den Djatlow-Pass (im Winter, nachts, Vollmond, alleine und so weiter), wo wir Zeuge übernatürlicher Geschehnisse werden. Die Geschichte entfaltet sich vor uns nur langsam durch Tagebuchseiten, Notizen und Artikel, die wir auf unserem Weg durch den Pass finden müssen.

Einziger Begleiter ist dabei eine Stimme in unserem Kopf – in der englischen Sprachausgabe gesprochen vom Schauspieler Sean Bean –, die uns mit Fortschreiten der Geschichte immer mehr an unserem Geisteszustand zweifeln lässt.


Doch nicht so ganz alleine
Wie gesagt, sind wir der einzige Mensch auf dem Pass. Die Betonung liegt auf "Mensch". Denn immer wieder stoßen wir auf unheimliche Schattenmänner, die durch den Schnee patroullieren und uns töten, sobald wir ihnen zu nahe kommen oder sie uns entdecken. Da wir uns genre-typisch nicht verteidigen können, suchen wir das Heil in der Flucht. Blöd nur, dass unserem Held im hohen Schnee schnell die Puste ausgeht. Das zwingt uns dazu, bessere Ausweichstrategien zu suchen und uns langsam durch das Gebiet zu bewegen, sollten wir irgendwo einen Gegner vermuten.

Ein richtiger Athlet sind wir auch ansonsten nicht, denn auch springen oder klettern, was im Gebirge vielleicht von Vorteil wäre, ist unmöglich. Dies führt schnell zu kleinen Frustrationsmomenten, wenn uns ein Gebiet durch ein gerade mal hüfthohes Hindernis versperrt bleibt. Auf der Flucht vor einem Gegner ruckeln wir so über winzige Steine und manchmal versperrt uns schon ein kniehoher Busch den Weg in die Sicherheit. Da hilft nur: sich umdrehen und hoffen, dass man es schon weit genug weg geschafft hat.

Neben den Schattenmännern gibt es im Wald aber auch noch ein paar freundliche Gestalten. Goldglühende Menschenwesen, die zwar nicht mit uns sprechen, aber uns, drohen Gefahren, den richtigen Weg weisen. Sobald sie erscheinen, sollten wir ihnen folgen.

Kholat Kerzen

Leider verlieren die Schattenmänner schnell ihren Grusel-Reiz. Dies liegt auch an dem recht sparsamen Speichersystem. Kholat speichert unseren Fortschritt nur, wenn wir ein Lager erreichen oder eine neue Notiz finden. Da beide recht rar gesät sind, können zwischen dem letzten Speicherstand und dem Zeitpunkt unseres Todes gerne mal dreißig Minuten Erkundungszeit liegen. Zudem wollen uns nicht nur die Schattenmänner an die Wäsche, sondern auch die Natur hat es auf uns abgesehen: Wir stürzen Abhänge hinunter, versacken plötzlich in tiefen Schneelöchern oder krachen durch Eis – anders als die Gegner, können wir solche Ereignisse nicht immer sehen und somit umgehen. Das trägt zwar weiter zur dichten Atmosphäre bei, ist aber durch das Speichersystem auf Dauer sehr frustrierend.

So ist es mir passiert, dass mein letzter Speicherpunkt direkt auf der Route eines Gegners lag, der dann auch noch direkt hinter mir startete, sodass ich fünf Versuche brauchte, um diesem zu entkommen, nur um dann glatt dem nächsten Gegner in die Arme zu laufen. Schaut man den Kreaturen oft genug direkt in die orange leuchtende Visage, geht der Horror dann doch recht schnell selbst für Weichkekse wie mich flöten.

Kholat Karte b

Mit Kompass und Karte gegen Schnee und Ungeheuer
Was man gruselig findet und was nicht, ist ja genau wie Humor eine ganz persönliche Sache. Für mich hätte es die Schattenmänner gar nicht gebraucht, um in mir Angst aufkommen zu lassen. Denn Kholat schafft es, eine dichte Atmosphäre selbst in Gebieten, in denen wir einmal ungestört sind, aufzubauen und eine tiefe Immersion zu erzeugen. Dafür sorgen zum einen die sparsam eingesetzten, subtilen und dadurch noch intensiver werdenden Audioeffekte: Bäume knarren und ächzen, Büsche rascheln, Wölfe heulen und der Wind braust uns immer in genau solchen Momenten um die Ohren, in denen man sowieso schon hinter jedem Stein ein Monster vermutet. Dabei kommt Kholat in weiten Teilen ohne billige Jumpscares aus, das heißt, Gegner und unheimliche Elemente tauchen nicht ständig aus dem Nichts auf und werden uns voll auf die Nase gedrückt.

Auch das Gefühl von Verlorensein unterstützt die Atmosphäre noch. Durch den Schneesturm orientieren wir uns nur mit Hilfe einer Karte und eines Kompasses. Andere Erkundungsspiele zeigen uns zumindest noch unsere Position auf der Karte an – bei Kholat werden auf dieser lediglich die Fundorte der Notizen eingezeichnet. Um nicht die Orientierung zu verlieren, zücken wir den Kompass und halten Ausschau nach geographischen Besonderheiten. Wie gut, dass eigentümliche Orte die einfarbige Ödnis auflockern: Wir stolpern durch Höhlen im Kerzenschein (was romantischer klingt als es ist), verbrannte Wälder und tief unter der Erde liegende Bunker.

Kholat Bunkerb

Unabhängig von der gewählten Sprachausgabe sind alle Notizen, die wir finden, im "Original" auf Russisch geschrieben, uns wird lediglich die Übersetzung in schlichter Schriftart präsentiert. Auch unser Kompass zeigt die Himmelsrichtungen nicht mit N und S, sondern mit den kyrillischen Buchstaben С (für Norden) und Ю (für Süden) an. Schade, dass es nicht auch eine passende russische Sprachausgabe dazu gibt. Die alternative polnische Sprachausgabe bietet immerhin ein wenig osteuropäischen Flair.

Dass wir ansonsten aber recht wenig mit der Welt interagieren dürfen, trübt das Immersionsgefühl etwas. Wir laufen vor Gegnern weg, sammeln Notizen und versacken im Schnee – mehr haben wir nicht zu tun. Ein Glück, dass die Landschaft dafür umso schöner ist, sodass wir wenigstens etwas zum Schauen haben. Hier sei jedoch gesagt, dass das Umschauen häufig auf Grund von Einbrüchen in der Bildwiederholungsrate zu einer Ruckelpartie verkommt, selbst auf Rechnern, auf denen Kholat in weiten Teilen flüssig läuft.

Nachdem wir den Schattenmännern, Schneestürmen und Orientierungsproblemen zum Trotz alle Tagebuchseiten gefunden haben, machen wir uns bereit für das Ende. Das wiederum ist so mysteriös und offen wie die Geschehnisse im Spiel. Wir verlassen Kholat mit mehr Fragen als Antworten – und das ist gut so. Das Ende lädt uns zum Interpretieren und Diskutieren ein – und das Internet ist voll mit Spekulationen – und wird so den vorangegangen Spielerfahrungen als auch den tatsächlichen historischen Vorfällen gerecht.

Kholat Schnee

Ich bin eigentlich kein Freund von Horror-Spielen, aber Kholat hat es immer wieder geschafft, dass ich noch einmal alle Stärke in mir sammelte, um mich durch den Grusel zu kämpfen. Vor allem die dichte Atmosphäre und das innovative Gameplay, in dem wir uns nur mit Hilfe von Kompass und Karte durch den Djatlow-Pass bewegen, macht Kholat zu einem ganz besonderen Spieleerlebnis. Schade nur, dass ausgerechnet die Gegner in uns schnell mehr Frust als Horror erzeugen.

Kholat wurde auf dem PC (Windows 7 64-bit, 8 GByte RAM, AMD FX-8150, AMD Radeon R9 280 3GB) getestet. Für den Test hat sich der Redakteur das Spiel selbst gekauft.

Kholat

(Ranking)
B
RANK
Anständig. Stärken und Schwächen halten sich die Waage. Positive Überraschungen sind genauso selten wie negative. Unterm Strich muss man seine Spielzeit keinesfalls bereuen.

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24. September 2016 um 22:48 Uhr
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09. Juni 2015
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