Rise of the Tomb Raider im Test

(Artikel)
Benjamin Strobel, 08. Dezember 2015

Rise of the Tomb Raider im Test

Grabräubern erster Güte

Ich mochte Crystal Dynamics' Reboot von Tomb Raider - obwohl er nicht perfekt war. "Zu viel Action, zu wenig Abenteuer" lässt sich die Kritik von damals zusammenfassen. Rise of the Tomb Raider nimmt dieselben Zutaten des Vorgängers, aber bringt sie in ein neues Verhältnis. Unser Test zeigt, was Lara aus ihren Fehlern gelernt hat.

Weg damit
Auf die Frage, wie er aus dem rohen Material kunstvolle Tierfiguren schaffe, soll ein Bildhauer geantwortet haben: "Ich schlage alles weg, was nicht nach Löwe aussieht." Manchmal kommt das Wesen einer Sache dann besonders gut durch, wenn man weglässt, was nicht dazugehört. Etwas Ähnliches haben Crystal Dynamics bei Rise of the Tomb Raider gemacht: was nicht passte, kam eben weg. So gibt es deutlich weniger Ballereien, auf den Multiplayer-Modus wurde vollständig verzichtet. Stattdessen gibt es mehr von dem, was übrig bleibt: mehr Erkundung, mehr Survivial und bessere Rätsel. An die Stelle des Online-Multiplayers tritt übrigens ein Challenge-Modus, in dem man verschiedene Spielabschnitte für einen Highscore wiederholen kann.

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Eine große Schwäche von Tomb Raider (2013) war die "ludonarrative Dissonanz": erzählerisch wurde Lara als verletzliches Mädchen inszeniert, spielerisch gab sie Hundertschaften die Kugel. Der Widersprüch löst sich im Nachfolger gleich von zwei Seiten auf. Einerseits verzichtet das Spiel auf große Gemetzel und begrenzt die direkte Konfrontation auf ein Minimum. Andererseits haben wir es mit einer erfahrenen Figur zu tun, für die es nun plausibler erscheint, wenn sie zum Überleben auch über Leichen geht. Nur eine Trauma-Bewältigung bleibt weitgehend aus - eine verpasste Chance.

Früh lässt sich feststellen, die Stärke von Rise of the Tomb Raider nicht in seiner Geschichte liegt. So geht die Story kaum über (durchaus unterhaltsame) Genre-Klischees hinaus: Lara liefert sich ein Wettrennen mit einer Geheimorganisation um einen legendären Schatz, der ewiges Leben verspricht. Da schaut Indiana Jones verdutzt aus der Wäsche, die Geschichte hat er schonmal gehört. Wenn Lara zum wiederholten Male an der Klippe baumelt, weil mal wieder etwas unter ihr zusammengebrochen ist, rollt man zwar kurz mit dem Augen, kann es dem Spiel aber schnell verzeihen. Wenn man gigantische Gräber in Syrien und glitzernde Eiskavernen in Sibirien erkundet, sind die Klischees vergeben und vergessen. Die Atmosphäre von Erkundung und Abenteuer stehen zumeist im Vordergrund - und da kann der Titel punkten.

Würdiges Grabräubern
Die Metroidvania-Struktur war schon eine große Särke des Vorgängers. Die Areale des Spiels sind grundsätzlich offen und miteinander verbunden; ob man überall hingelangen kann, hängt aber davon ab, ob man das richtige Equipment schon gefunden hat. Rise of the Tomb Raider setzt umso mehr auf dieses Prinzip, indem es Lara in noch größere Areale wirft, in denen es viel zu entdecken gibt. Wer neugierig alle Ecken durchschnüffelt, wird mit Hintergrundgeschichte, wichtigen Ressourcen und einer Vielzahl von Gräbern belohnt. Auch wenn die nötige Ausrüstung noch fehlt, werden interessante Ort auf der Karte verzeichnet, sodass man später leicht zurückkehren kann. Dank Schnellreisepunkten ist der Rückkehr auch kein Stein in den Weg gelegt.

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Die Gräber sind besonders lohnenswerte Leckerbissen, auf die ich mich mit dem all dem Hunger stürzte, die der Vorgänger in mir zurückgelassen hatte. Tomb Raider speiste abenteuerlustige Spieler noch mit einer Handvoll Gräbern ab, die nicht größer waren als der Keller eines Wohnhauses - und auch kaum mehr Rätsel boten. Rise of the Tomb Raiders Gräber sind zwar keine Wasser-Tempel der Marke Ocarina of Time, aber etwas Licht muss im Hinterstübchen schon brennen, um die Rätsel zu lösen. Schön ist dabei auch, dass die meisten Gräber ein bestimmtes Thema haben (z. B. Wasser oder Feuer), sodass keines wie das andere ist. Das kluge Spieldesign verhindert außerdem, dass man versehentlich in Gräber stolpert, die man noch nicht lösen kann. Man kann übrigens auch kein Item übersehen, das später unzugänglich wird, sodass man ein neues Spiel starten müsste. Perfektionisten können ganz entspannt ins Spiel gehen, dürfen Sammelobjekte auch mal ignorieren, um der Story nachzugehen und können die Schnitzeljagd auch später nachholen. Obwohl es viel zu entdecken gibt, ist das Sammeln kein Selbstzweck: entweder wird man mit Hintergrundgeschichte belohnt oder mit wichtigen Ressourcen.

Mehr Fleisch am Survival-Gameplay
Ausgeprägter als im Vorgänger geht es in Rise of the Tomb Raider darum, wichtige Ressourcen zu sammeln. Anstatt nur Schrott aus Kisten zu bergen, gibt es nun unterschiedliche Ressourcen, die man für Kleidung, Waffen, Munition und Heilung benötigt. Man muss Tiere jagen, um Felle zu erhalten, in Höhlen kann man Erze abbauen. Braucht man Pfeile, muss man sich Äste abbrechen und Federn aus Vogelnestern räubern. Aus Pilzen kann Lara Gift herstellen, Blätter von Heilpflanzen kann sie zur Arznei verarbeiten, um sich im Kampf zu heilen. Auf höheren Schwierigkeitsgraden regeneriert man gar nicht mehr automatisch, sondern ist immer auf vorbereitete Mittelchen angewiesen. Oft muss man sich entscheiden, ob man Ressourcen für größere Upgrades hortet oder für alltägliche Kleinigkeiten verbraucht. Da sich alle Ressourcen erneuern, muss man aber mit keiner zu krassen Verknappung rechnen.

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Der Survival-Aspekt wird deutlich immersiver, weil die Ressourcen nicht beliebig sind. Benötige ich mehr Felle für ein neues Wams, muss ich gezielt auf Jagd gehen. Ähnlich wie Far Cry muss ich beispielsweise Wildschweinen oder Bären nachstellen, deren Felle für bestimmte Upgrades unerlässlich sind. Während Bären einen fordernden Kampf verheißen, sind scheue Tiere wie Rehe schwierig zu erwischen. Die schreckhaften Schisser pesen um die nächste Ecke, wenn sie nur die leiseste Ahnung bekommen, dass sich Laras Verdauungsgase zu einem Pups formen könnten. So ist das Jagen und Sammeln von Ressourcen nicht nur wichtiger, sondern auch abwechslungsreicher als zuvor.

Schleichen statt ballern
Bei Shooter-Einlagen wurde gehörig abgespeckt. Lara hat noch immer Gewehre und Flinten im Gepäck, aber nur selten fordert das Spiel den Pflichtgebrauch. Meistens nur dann, wenn Lara ihr Repertoire um einen Schießprügel aufstockt, gibt es auch einen kurzen Abschnitt, der stark nahelegt, sie auch zu verwenden. Die meiste Zeit aber lässt Rise of the Tomb Raider die Wahl, ob man seine Feinde niedermähen möchte oder etwas behutsamer vorgeht. Weil der offene Kampf oft den ersten Schritt ins Grab bedeutet, bietet sich Stealth als eine sichere Alternative an. Lara kann ihre Feinde unbemerkt in Büsche zerren, von Bäumen auf sie herabspringen oder sie in günsigen Augenblicken von hinten schnappen. Ihre Überlebens-Instinke (aka Detective Vision) markieren farblich, ob ein Feind im Sichtfeld seiner Kollegen steht oder sicher gepflückt werden kann. Studiert man gut die Bewegungsabläufe der Wachen und bringt etwas Geduld mit, kommt es nur selten dazu, dass man erwischt wird - und wenn, dann hat man meisten selbst Schuld. Ähnlich wie bei Far Cry kann man einzelne Gegner auch weglocken, indem man einen Pfeil in seine Nähe schießt. Wie ein gutes Hündchen geht die Wache mal nachschauen, was da los ist. Selten stellen die Feinde dabei ihre geistige Gesundheit in Frage, sondern reagieren auf einen Pfeil-Fund auch damit, die Umgebung zu durchsuchen. Laras neue Möglichkeiten zu klettern, sich zu verstecken und in jeder Lebenslage einen Stealth-Angriff durchzuführen, machen das Schleichen in Rise of the Tomb Raider sehr befriedigend und fügen sich großartig in den Rest des Spiels ein.

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Egal ob man schleicht, ballert, rätselt oder Gräber sichtet, Rise of the Tomb Raider sieht toll aus. Jede Bewegung hinterlässt Spuren im Schnee, Äste bewegen sich im Wind und zahlreiche Wildtiere machen die Kulisse lebendig. Mehr als einmal bietet das Spiel prächtige Aussichten, die Screenshots auf Postkarten-Niveau ermöglichen. Ohne Frage kann sich der Titel neben The Witcher 3 als eines der schönsten Spiele des Jahres einreihen. Im Wind flatternde Strähnen mit Haarphysik gibt es aber nur für Lara. Andere Figuren müssen mit den üblichen Polygonhauben auskommen, die mal besser und mal schlechter wegkommen.

Zeitexklusiv auf Xbox-Konsolen
Ein kleiner Dämpfer für die Euphorie: für dieses Jahr bleibt Rise of the Tomb Raider exklusiv für Xbox-Konsolen. Eine PC-Version ist für das erste Quartal 2016 geplant, die PS4 bekommt erst Ende des kommenden Jahres Unterstützung von Lara.

Das ist wirklich schade, denn der Titel überzeugt auf allen Ebenen. Wer den Vorgänger gespielt hat, kann an jeder Ecke herausspüren, wie kompetent die Kritik von damals umgesetzt wurde. Die großen Fehler wurden ausgemerzt und die Stärken weiter ausgebaut. Und es sieht hervorragend dabei aus! Da verzeiht man auch die Klischee-Geschichte aus der Genre-Kiste. Rise of the Tomb Raider ist ein Action-Adventure erster Güte und ein Must-Have für alle Xbox-Besitzer.

Rise of the Tomb Raider wurde auf der Xbox One getestet. Ein Testmuster wurde uns von Microsoft zur Verfügung gestellt.

Rise of The Tomb Raider

(Ranking)
S
RANK
Herausragend. S-Spiele erweitern Horizonte. Sie bieten intensive Erlebnisse oder halten den Spieler noch lange am Bildschirm gefesselt. Selbst wenn man sie nicht jedem empfehlen kann, will man doch mit jedem über sie reden.

Kommentare

Adrian
12. Dezember 2015 um 11:46 Uhr (#1)
Ich freue mich schon darauf, wenn Rise of the Tomb Raider auf die PS4 kommt und hoffe darauf, dass die Zeitexklusivität keinen negativen Einfluss auf die Entwicklung für PC und PS4 hat. Spannend fände ich die Frage, ob Microsoft nur dabei geholfen hat, Tomb Raider auf der Xbox One fantastisch aussehen zu lassen, oder ob sie auch in Sachen Story die Finger mit im Spiel hatten... aber das werden wir wohl nie erfahren. Auf jeden Fall habe ich mal wieder richtig Lust auf ein bisschen Grabräubern, aber bis dahin muss ich ja leider noch ein bisschen warten :(
Gast
18. November 2017 um 03:56 Uhr
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RELEASE
13. November 2015
PLATTFORM
PC
Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.
Xbox 360
Plattform
Xbox One
Plattform - Nachfolger der Xbox 360 von Microsoft. Angekündigt am 21. Mai 2013, ist die Heimkonsole am 22. November 2013 in Deutschland und weiten teilen Eruopas erschienen.

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