Halo 5: Guardians im Test

(Artikel)
Benjamin Strobel, 16. November 2015

Halo 5: Guardians im Test

Starr vor Angst

Der Master Chief kehrt zurück. Mit Halo 5: Guardians machen 343 Industries ihren zweiten großen Schritt im Halo-Universum. Doch nach wie vor lastet ein große Erbe auf ihren Schultern. Kann das erste Halo-Abenteuer auf der Xbox One den hohen Ansprüchen gerecht werden?

Im Weltall nichts Neues
Halo 5 verspricht eine epische Kampagne mit der "spektakulärsten Jagd der Videospielgeschichte". Mächtig großes Versprechen. Nach den ersten Spielstunden deutete sich allerdings schon an, dass der Titel sich damit etwas übernommen hat. Gerade der Anfang ist schwach: viele Innenareale, Korridore und streng lineare Passagen - schnödes Leveldesign. Gleichzeitig kommt die Story nicht richtig in die Gänge und bringt das Drama der "spektakulärsten Jagd" nicht so recht herüber. Erst in der zweiten Hälfte nimmt die Kampagne Fahrt auf. Das Spiel offenbart vermehrt offene Gebiete mit verschieden Pfaden, Geheimwegen und zahlreichen Möglichkeiten, sich fortzubewegen. Es gibt tolle Fahrzeugkämpfe und wie immer eine bunte Auswahl verschiedener Vehikel. Ein Level lässt einem sogar die Wahl, ob man fliegen oder zu Fuß gehen möchte. Die großen, offenen Level sehen toll aus, sind abwechslungsreich und lassen dem Spieler häufig die Wahl, wie er vorgehen möchte. Allerdings ist ein bisschen traurig, dass ich das loben muss. Schon 2001 konnte man in Halo: Combat Evolved mit dem Warthog durch riesige Areale fahren - und es war großartig! Fast 15 Jahre später hat sich eigentlich nicht viel getan. Nach all den Jahren ist Halos größtes Problem sein eigenes Erbe: im Grunde ist alles schon da gewesen, vom Korridor bis zum Scorpion-Kampf.

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343 Industries möchten Halo 5 mit neuen Gesichtern frischen Wind geben. Die Geschichte wird nicht mehr nur aus der Perspektive des Master Chiefs erzählt, der allein ferne Welten durchstreift und krasse Oneliner unter dem Helm hervorknurrt. Dem ehemalige Einzelgänger steht sogar ein ganzes Team zur Seite! Der Chief folgt gegen seine Befehle einem Ruf von Cortana, obwohl niemand so recht weiß, was sie eigentlich möchte. Mit dem Chief und seinem Team Blue spielt man allerdings nur etwa ein Drittel der Missionen. Für den Rest der Zeit übernimmt man Team Osiris unter der Führung von Spartan Locke, der dem Master Chief nachjagt, um ihn einzufangen. Für das Spiel bedeutet diese Konstellation, dass man immer zu viert unterwegs ist, auch wenn man allein spielt. Ähnlich wie in Gears of War wird der Team-Aspekt dadurch betont, dass man sich gegenseitig aufhelfen kann, wenn man gestolpert ist abgeschossen wurde. Nur wenn die KI-Mitstreiter oder eure Kollegen im Ko-op nicht schnell genug sind, müsst ihr beim letzten Checkpoint wieder anfangen. Es ist also deutlich schwieriger geworden, so richtig zu sterben, was das Spiel insgesamt leichter macht. Jeder, der Erfahrungen mit Shootern hat, sollte daher direkt mit auf dem Schwierigkeitsgrad Heroisch starten, damit es kein zu gemütlicher Sparziergang wird. Als Halo-Veteran fand ich sogar Heroisch noch immer etwas zu leicht. Legendär, der höchste Schierigkeitsgrad, zieht dafür deutlich mehr an als in früheren Spielen. Nach wenigen Treffern gibt man schon den Löffel ab, sogar Fahrzeuge halten kaum etwas aus. Wer eine richtige Herausforderung sucht, findet sie hier.

Leider kann man diesen Wahnsinn nur noch online miteinander teilen. Der Koop-Modus für bis zu vier Spieler funktioniert nur über Xbox-Live, lokalen Splitscreen gibt es nicht mehr. Damit ist Halo 5: Guardians das erste Halo in der Geschichte, das keinen Spolitscreen unterstützt. Den Couch-Koop vermisst man hier sehr.

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Und dann gibt es Missionen, in denen man nichts tut. Die Waffe ist gesenkt, kein Gegner weit und breit. In diesen Abschnitten muss man lediglich mit anderen Personen sprechen und kann das Areal ein wenig erkunden, wenn man neugierig ist. Aber es wirkt schon etwas merkwürdig, wenn man diese Fragmente zwischen den üblichen Levels findet. Es ist beinahe so, als hätten 343 Industries noch mehr in dieser Richtung geplant, aber nicht mehr genug Zeit gehabt. Stattdessen wandert man fünf Minuten durch ein Dorf, spricht mit zwei Leuten und bekommt einen Erfolg für das absolvierte Level. Es hätte deutlich mehr Sinn gemacht, diese Teile nahtlos in die Level zu integrieren. So wirken sie etwas allein und deplatziert. So wie dieser Absatz.

Alter Spartaner, neue Tricks
Die wohl größte Neuerung in Halo 5 sind die neuen Bewegungsmöglichkeiten: Sliden, Dashen, Rempeln, Schweben und Stampfen. Hier hat man wohl aus Titanfalls Erfolg gelernt und die Spielfiguren deutlich agiler gemacht. Allein die Bewegung durch ein Level macht schon Spaß. Wenn man sprintet, kann man entweder mit einem Slide elegant hinter die nächste Deckung sausen oder eine Rempelattacke auf ahnungslose Opfer verüben. Die typischen Halo-Sprünge sind noch immer hoch und langsam, doch jetzt können die Spartaner eine knapp verpasste Kante auch greifen! So kann man sich geschwind hinaufziehen anstatt jämmerlich in den Abgrund zu segeln. Zielt man im Sprung, setzt die Schwerkraft für einen Moment beinahe ganz aus: man schwebt und hat einen kurzen Moment zum Zielen aus der Luft. Etwas Änhliches passiert, wenn man die Schlagtaste gedrückt hält - damit lädt sich die Stampfattacke auf. Saust man einem Gegner damit auf den Kopf, gibt es kein Entrinnen. Es ist nicht einfach, mit diesem Angriff zu zielen, aber ein Treffer ist umso befriedigender. In Feuergefechten sind mit dem Dash schnelle Richtungswechsel möglich oder ein rettendes Huschen hinter die nächste Deckung. Wer sich seine Moves für den richtigen Moment aufspart, lann sich vor allem im Multiplayer-Modus entscheidende Vorteile erspielen.

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Im Vergleich zur Multiplayer-Beta wurde die Bewegungsgeschwindigkeit leicht heruntergeregelt und fühlt sich wieder deutlich mehr nach Halo an. Laufen und Schießen folgen der bekannten Rhythmik, die man mit Halo-Vorerfahrung sofort wiedererkennt. Das ist ein Spielgefühl, das Halo 5 ganz besonders von anderen Shootern wie Call of Duty oder Battlefield unterscheidet - und es ist gut, dass es zurückkehrt. Die neuen Bewegungsabläufe fügen sich perfekt in altbekannte ein. Damit gelingt Halo 5 der Spagat, bewährte Mechaniken zu erhalten, aber sie gleichzeitig wieder frisch wirken zu lassen. Die neuen Möglichkeiten entfalten vor allem im Multiplayer etwas mehr Tiefe, weil man fast immer noch eine Überraschung aus dem Spartanerhelm zaubern kann.

Multiplayer-Variation
Der Multiplayer-Modus spielt noch immer ganz oben mit. Die klassischen Teamspiele für acht Spieler bestehen aus Team-Deathmatch, Capture the Flag, King of the Hill, SWAT und dem neuen Spielmodus Breakout (sowie besonderen Weekend-Playlists wie beispielsweise Shotty Snipers). Breakout ist völlig anders als das übliche Halo-Erlebnis und bringt auch einen Satz eigene Karten mit. Ähnlich wie in Counter-Strike hat jeder Spieler nur ein Leben und kein Schild. Entweder muss man die Flagge in der Mitte der Map einsammeln oder alle Spieler des gegnerischen Teams besiegen. Hier ist es besonders wertvoll, sich abzusprechen und taktisch vorzugehen. Anders als in üblichen Modi werden Alleingänge hier hart bestraft und können für ein Team schnell zum Verhängnis werden. Abwechslung und hoher Anspruch an Taktik machen Breakout zu einer tollen Ergänzung für Halo.

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Die Loadouts aus Halo 4 kehren nicht zurück. Alle Spieler gehen mit den gleichen Waffen und Fähigkeiten in ein Match und können sich auch durch Killstreaks nichts dazu verdienen. Neuerdings werden dafür besonders starke Waffen (wie der Raketenwerfer oder das Sniper-Gewehr) inklusive Spawn-Zeit auf der Map angezeigt. Während man früher Spawn-Zeiten und Waffenverstecke auswendig lernte, geht es hier eher darum, nicht wie der letzte Depp als erstes zum Raketenwerfer zu rennen, sobald er erscheint. Dann kann man seinen durchlöcherten Kadaver nämlich von der Wand kratzen. Spawnende Waffen werden damit zu Mini-Objectives auf der Karte, die man taktisch umkämpfen kann. Insgesamt wirkt dieses System deutlich fairer und vor allem neuere Spieler wissen schneller, was auf der Karte los ist (etwa: alle rennen nach 30 Sekunden zum Sniper) und haben auch eine Chance an die begehrten Waffen zu kommen.

Anders sieht es im neuen Warzone-Modus aus. Auch hier hat man sich ein Stückweit von Titanfall inspirieren lassen und mischt das 24-Spieler-Gefecht mit computergesteuerten Feinden auf. Waffen und Fahrzeuge sind keine Selbstverständlichkeit in diesem Modus, sondern müssen bestellt werden, sobald man genug Punkte gesammelt hat. Das neue Requisitions-System basiert darauf, dass man spielübergreifend Punkte sammelt, die man für Booster-Packs ausgeben kann. In den Boostern findet man dann Waffen und Fahrzeuge, die man im Warzone-Modus nutzen kann, um sich die entsprechende Artillerie aufs Feld zu holen. Das führt allerdings dazu, dass der Spielausgang sehr davon abhängen kann, ob Leute gute Karten haben und ob sie auch bereit sind, diese im Spiel auszugeben. Ich habe in mehreren Spielen beobachtet, dass die Leute ihre Karten zurückhalten, sobald sie am Verlieren sind. Ab einem bestimmten Punkt möchte niemand seine Karten verschwenden, wenn man das Gefühl hat, ein Match ohnehin zu verlieren. Dass ein Match mal gedreht wurde, habe ich nicht erlebt. Auch wenn die Idee ganz interessant wirkt, ist sie offenbar noch unausgereift und schadet dem Spiel eher als dass sie hilft.

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Big Team Battles für 16 Spieler fehlen derzeit. Erst nächste Woche soll dieser klassische Modus mit vier neuen Karten nachgeliefert werden. Das sind auch deshalb gute Neuigkeiten, weil die bisherigen Maps nur wenige Highlights bieten. Ähnlich wie in der Kampagne finden sich auch in der Map-Auswahl viele Halo-Standards, jedoch keine ikonische Karte wie ihrer Zeit Blood Gulch, Lockout oder Sword Base.

Sehr gut, aber nicht perfekt
Technisch überzeugt Halo 5 vor allem akustisch durch sehr gute Sounds und einen hervorragenden Soundtrack, der sich stärker als Halo 4 auf seine Vorgänger zurückbesinnt. Das Artdesign bleibt dagegen nah an dem, was wir aus Halo 4 kennen, vor allem wegen der zahlreichen Forerunner-Strukturen, die in vielen Levels dominieren. Optisch macht der Titel durchaus etwas her, geht aber keine zusätzliche Meile, um einen so richtig umzuhauen. Der Grund für die Einsparungen wird schnell klar: Halo 5 läuft mit konstanten 60 FPS und das kommt dem Spiel sehr zugute. Von dem flüssigen Bild profitiert man vor allem beim Zielen, aber auch wenn man sich durch die Level bewegt und umsieht. Einziger Wermutstropfen ist der fehlende Splitscreen-Modus, der mit 60 Bildern pro Sekunde wohl nicht zu realisieren war.

Halo 5: Guardians ist ein Spiel auf hohem Niveau. Nichts anderes erwartet man von einer großen IP, die es bis zum fünften Teil geschafft hat. Aber es ist ein ängstliches Spiel, das kaum etwas Neues wagt. Gerade im Level-Design findet man nur Standards wieder, die wir so oder so ähnlich schon in anderen Halo-Spielen gesehen haben. Erst spätere Level gewähren einen Einblick in offenere Areale und weniger lineare Strukturen, die zum besten gehören, was das Spiel zu bieten hat.
Der Multiplayer-Modus sorgt mit neuen und alten Modi für Abwechslung. Die neuen Bewegungsmöglichkeiten bereichern das Gameplay und geben Halo mehr Tiefe ohne dem Spiel seine Seele zu rauben. Am Horizont wartet bereits ein kostenloses Update, das neue Maps und Modi nachliefert. Halo 5 ist vielleicht nicht das spektakulärste Halo der Videospielgeschichte, aber noch immer ein sehr gutes Spiel. Ben

Halo 5: Guardians wurde auf der Xbox One getestet. Ein Testmuster wurde uns von Microsoft zur Verfügung gestellt.

Halo 5: Guardians

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

Kommentare

Adrian
17. November 2015 um 08:54 Uhr (#1)
Ich muss sagen, dass ich gerade für Halo eine Xbox in meinem Zimmer stark vermisse.
Auf der PS3 gab es mit Killzone noch einen starken Konkurrenten, der aber dennoch ziemlich anders war - jetzt gibt es zwar immer noch Killzone: Shadow Fall, aber das ist ja eher... Naja :D
Mir fehlt einfach diese Art von Spiel auf der PlayStation, ich muss aber noch mit mir selbst ausmachen, ob es sich überhaupt lohnt eine Xbox One zu kaufen und dann zusätzlich pro Jahr 100€ für beide Online-Dienste aus dem Fenster zu werfen.
Rian
17. November 2015 um 09:45 Uhr (#2)
Protip: PS4 verkaufen. :D
Adrian
17. November 2015 um 11:07 Uhr (#3)
Niemals, dafür sind die anderen Sony-Franchises zu mächtig und die Konsole zu gut :D
blackmaniac
17. November 2015 um 23:39 Uhr (#4)
*stellt eine Wii U in den Raum*
Gast
16. Januar 2018 um 23:49 Uhr
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27. Oktober 2015
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Xbox One
Plattform - Nachfolger der Xbox 360 von Microsoft. Angekündigt am 21. Mai 2013, ist die Heimkonsole am 22. November 2013 in Deutschland und weiten teilen Eruopas erschienen.

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