Final Fantasy 9 im Test

(Artikel)
Paul Rubah, 04. Mai 2015

Final Fantasy 9 im Test

Spatzen und Tauben, Dächer und Hände

Ich mag es simpel. Ich esse meine Brote mit Butter. Ich wasche meine Unterwäsche auf 60 Grad, den Rest auf 30. Ich suche nach einfachen Lösungen, statt von hinten durch die Brust ins Auge zu gehen. Ich freue mich über Actionfilme, in denen der Protagonist konsequent ein einziges Ziel verfolgt. Meine liebste Eissorte ist Vanille.

Das soll nicht heißen, dass ich Langeweile vorziehe. Wer Marshmellow-Creme nicht mit Erdnussbutter gemischt hat, hat nicht gelebt. Meine Wollsocken und die von meiner Mutter gestrickte Mütze muss ich von Hand waschen. Nichts fühlt sich toller an, als ein komplexer Plan, der wie am Schnürchen funktioniert. Auch ein Zeitreise-Tohuwabohu wie der Film Primer spricht mich an. Meine zweitliebste Eissorte ist Sesam-Maultasche.

Ich will damit sagen, dass ich Final Fantasy 7 mit seinem Cyberpunk-Endzeit-Fantasy-Gemisch sehr zu schätzen weiß und mir das Materia-Slot-System durchaus Freude bereitet. Aber mein liebstes Final Fantasy dreht sich um den affenschwänzigen Casanova-Dieb Zidane und seine Truppe aus merkwürdigen Typen in einer leicht steampunkig angehauchten aber ansonsten sehr puren Fantasywelt.

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Das Titelbild ist von Remainaery! Zeichne mal wieder mehr, Mädchen! Gratis! Du brauchst kein Essen, aber wir mehr hübsche Bilder!
Dabei ist die Story von Final Fantasy 9 gar nicht mal ohne. Ich würde sogar sagen, dass das Ding mal wieder viel zu kompliziert ist. Wie so oft verkrachen sich ein paar Länder, einige haben Geheimwaffen, eine böse Figur zieht im Schatten die Drähte, doch dahinter ist noch ein weiterer verschwiegener Plot und das alles dröselt sich zu einem Debakel für den Protagonisten auf, das eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre. Hochkomplex und gar nicht mal so gut!

Aber warum ist Final Fantasy 9 dann doch charmanter als der ganze Rest der Klitsche? Wegen der Charaktere und deren einfachen, nachvollziehbaren, menschlichen Beweggründen. Prinzessin Garnet möchte ihr Land beschützen. Zidane will ihr zur Seite stehen, weil er in sie verschossen ist. Hauptmann Steiner möchte seine Prinzessin um jeden Preis heil nach Hause bringen. Der kleine Zauberer Vivi will wissen, warum sein Volk auf die Bösen hört. Freya sucht ihren Geliebten. Eiko möchte nicht alleine sein. Amarant will hinter das Geheimnis von Zidanes Stärke gelangen. Und weil Garnet ihr Königreich rettet und alle anderen nur davon profitieren, mit ihr in der Gruppe zu reisen, hängen die Figuren aus wunderbar simplen Gründen zusammen, bis es sich so ergibt, dass sie eine Familie werden und die einzigen sind, die die Welt vor dem Untergang bewahren können. Dabei würde ich lügen, wenn mir nicht die ein oder andere rührende Szene Sandkörner ins Auge blies. Und dabei sehen die Charaktere so erfrischend anders aus als die typische JRPG-Prettyboy-Sülze.

ff9-amanoAmanos Charakterdesigns haben... auf jeden Fall Charakter.

Als ich Final Fantasy 9 auf meiner PS Vita startete, war ich verblüfft. Ich hatte ja etwas Angst, dass mir die nostalgische Wärme in meinem Bauch nur die Erinnerungen pink und flauschig gefärbt hat. Ich hatte aber nicht erwartet, dass ich nun eigentlich noch beeindruckter von dem Spiel bin als ich es damals war. Final Fantasy 9 sieht verdammt noch mal großartig aus! Jetzt natürlich nicht direkt neben einem modernen Spiel, aber man schaue sich doch bitte einmal die Charaktermodelle an. Wesentlich detailreicher sind stilisierte Figuren in JRPGs heute auch nicht - nur die Texturen sind nicht so verpixelt und die Polygonzahl ist höher. Außerdem hätte das Spiel garantiert von einer höheren Auflösung profitiert als dass es die PS1 damals noch schwitzend und quietschend zustande bringen konnte - das beweisen alleine PC-Emulatoren, die dem Spiel eine Frischzellenkur verpassen. Noch mehr als die Modelle der Protagonisten schockierten mich aber die Animationen der NPCs. Alleine im ersten Kapitel, in der Hauptstadt Alexandrias, passiert so viel Kleinkram! Da fallen Kinder beim Rennen hin, andere spielen Seilspringen. Der geschauspielerte Schwertkampf bekommt eigene Animationen, Figuren sind für das Theater kostümiert, ein Rattenjunge nimmt eine aufgestellte Leiter, trägt sie über seinem Kopf durch die Gassen und klettert mit ihr - nachdem er das Gewicht merklich verlagert - eine andere Leiter hoch.

Das beeindruckt euch nicht? Sollte es aber! Denn das ist Spieleentwicklung der alten Schule. Heutzutage muss jede Charakteraktion bei der Entwicklung gerechtfertigt werden, denn alles, was man nicht recyceln kann, kostet Geld. Wozu jedem Charakter in The Elder Scrolls: Oblivion eine individuelle Sprechanimation geben, wenn es auch eine einzige tut? Warum zwanzig verschiedene feindliche Söldner für Uncharted modellieren, wenn es auch fünf tun? Die verhalten sich eh alle gleich! Final Fantasy 9 ist gespickt mit kleinen Liebesbriefen eines Teams, das nicht nur ein technisch einwandfreies Spiel entwickeln wollte, sondern künstlerisch nuanciert dem Spieler viele Möglichkeiten an die Hand gab, sich in der virtuellen Welt zu verlieren. Ganz ehrlich: Fangt Final Fantasy 9 einmal mit dieser Erkenntnis im Hinterkopf an und haltet die Augen auf, dann werdet ihr sehen, wie leblos manch ein aktuelles Spiel ist, das angeblich ganze Städte simuliert.

ff9-staedteIch spiele lieber auf deutsch, weil die Übersetzung so schön kauzig ist.

Da ist es eigentlich für ein Spiel, das konzeptionell nicht weit von einem zwischensequenzengetriebenen Dungeoncrawler entfernt ist, schon sehr verwunderlich, dass man so viele Freizeitbeschäftigungen findet wie in einem GTA5 zu einer Zeit, als man in GTA2 noch mit dem Flammenwerfer fröhlich jodelnd sinnlos durch Pixelgassen rannte. Minigames durchziehen das Hauptspiel, während am Rand jeder zweite NPC Karten spielt. Oder man kämpft in der Arena oder man bietet auf Auktionen oder man geht mit Chocobos auf Schatzsuche oder man geht Briefe austragen oder man fängt Frösche oder man sucht die freundlichen Monster... Es gibt so viel zu tun jenseits des sinnlosen Grindens als Nebenbeschäftigung und selbst das sinnlose Grinden macht irgendwie Spaß.

Das liegt hauptsächlich am befriedigenden Skillsystem. Wie befriedigend ist es? Befriedigend genug, dass Hironobu Sakaguchi Jahre später mit Lost Odyssey vom Werk seines ehemaligen Studios abgekupfert hat!
Neben typischen Erfahrungspunkten verdient jeder Charakter AP. Jedes Ausrüstungsstück hat irgendwelche Fähigkeiten eingelagert, die ein Charakter so lange benutzen kann, wie er das gute Stück trägt. Blöd nur, wenn die neue Waffe eigentlich tausendmal geiler ist, nicht wahr? Aber keine Angst: Sammelt man AP, füllt sich allmählich die Meister-Leiste des ausgerüsteten Skills. Ist die voll, darf man die Fähigkeit benutzen, wie man möchte. Solange man genug Skillslots frei hat. Wenn nicht, dann muss man halt tauschen.

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Einerseits beschwichtigt es den inneren Neurotiker, wenn man grindet und alle Figuren irgendwann alle alten und gammeligen Ausrüstungsteile abgearbeitet haben, andererseits verleitet das Skillsystem ein wenig zur Vorbereitung. Ist ein Gebiet mit Insektenmonstern verseucht, sollten alle Figuren die Pestizidfähigkeit ausgerüstet haben, um den Monstern noch einmal extra auf den Abdomen zu keulen. Andererseits lohnt es total, wenn man sich Schutz vor Statusveränderungen anlacht, denn da hat Final Fantasy 9 einige richtig fiese mit tollen Möglichkeiten, die Gruppe innerhalb weniger Runden des typischen ATB-Kampfsystems zum Voll-K.O. zu treiben.

Das Kampfsystem ist da letztendlich das einzig Mechanische, was an Final Fantasy 9 nicht so schrecklich zu glänzen vermag. Die Zeitleiste füllt sich pro Charakter, man führt eine Aktion aus, man wartet. Ganz besonders schlimm tut sich der Perfektionist an Bosskämpfen, denn Zidane kann von einigen Obermotzen einzigartige Gegenstände mit besonderen Skills stibitzen. Die Chance dazu ist nur frustrierend gering, so dass man auch mal zehn oder fünfzehn Minuten lang versucht, den Boss am Leben zu erhalten, damit man ihn nicht aus Versehen vor seiner Zeit zu Tode knüppelt. Insgesamt erfüllt das Kampfsystem seinen Zweck und immerhin sind auch hier die Gegnermodelle absolut hinreißend, selbst 14 Jahre nach Europarelease.

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All die grafische Finesse hat aber seinen Preis: Das Spiel ruckelt an nicht wenigen Stellen wie Sau. Ich bin mir nicht sicher, ob es auf der alten Hardware genau so war, aber meine Erinnerung sagt ja und ich denke, der PS-Emulator der Vita wird schon nicht so scheiße programmiert sein. Ladezeiten zwischen Kämpfen dauern eine halbe Ewigkeit und der Frameratedrop geht so weit, dass selbst die Musik lustig mitstottert.

Das ist sehr schade, denn eigentlich ist es mir einfach nicht möglich, über Nobuo Uematsus begleitenden Soundtrack auch nur ein schlechtes Wort zu sagen. Alle Themen, von der Gargantula-Bahn bis zum unvergesslichen Melodies of Life (welches sich seit meinem ersten Playthrough anno dazumal als permanenter Gast in meinen Gehörgang eingenistet hat), brennen sich mit den Szenen und wunderschön gerenderten Hintergründen in die Hirnrinde. Wie die Grafik ist auch die Musik letztendlich zu raffiniert für die damalige Hardware gewesen, hört man doch immer mal wieder, wie der strauchelnde Musikchip der Playstation einzelne Töne und manchmal sogar ganze Kanäle verschluckt, weil das arme Ding nicht mehr hinterher kommt. Da könnte man richtig Mitleid haben. Könnte. Stattdessen prügele ich meine Konsole und schreie: "WIE KANNST DU ES WAGEN MIR DEN VOLLEN MUSIKGENUSS ZU VERGÄLLEN?!"

Final Fantasy 9 ist ein Meisterwerk seiner Zeit und mein absolutes Lieblings-Final-Fantasy. Die meisten Spieler haben irgendeinen liebsten Teil. Für manche ist es 7 oder 8. Für manche ist es ein Titel der SNES- oder NES-Ära. Und für manche kommt jede Rettung zu spät. Marcin. Zu wem ihr auch gehört, so verzeiht mir nun bitte, denn der Reflekring ersteigert sich nicht von selbst.

Final Fantasy IX

(Ranking)
S
RANK
Herausragend. S-Spiele erweitern Horizonte. Sie bieten intensive Erlebnisse oder halten den Spieler noch lange am Bildschirm gefesselt. Selbst wenn man sie nicht jedem empfehlen kann, will man doch mit jedem über sie reden.

Kommentare

Heiler
22. Juli 2016 um 14:29 Uhr (#1)
"Final Fantasy 9 ist ein Meisterwerk seiner Zeit und mein absolutes Lieblings-Final-Fantasy. Die meisten Spieler haben irgendeinen liebsten Teil. Für manche ist es 7 oder 8. Für manche ist es ein Titel der SNES- oder NES-Ära. Und für manche kommt jede Rettung zu spät."

Dich mag ich gern! ^_^
Rian
22. Juli 2016 um 19:03 Uhr (#2)
Das weiß ich doch ^_^
Heiler
22. Juli 2016 um 21:04 Uhr (#3)
*hrrrrrrrrrrr* ^_^
Gast
21. Oktober 2017 um 19:34 Uhr
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Spiele des Artikels

RELEASE
16. Februar 2001
PLATTFORM
Playstation
Plattform
Playstation 3
Plattform
PS Vita
Plattform

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