Wieso ihr Spiele nicht vorbestellen solltet

(Artikel)
Haris Odobašić, 31. Mai 2017

Wieso ihr Spiele nicht vorbestellen solltet

...und warum es manchmal doch okay ist.

Wenn es um die derzeit größten Ärgernisse in der Videospielindustrie geht, kommt man gar nicht drumherum, über Vorbestellungen zu sprechen. Was vielleicht vor zehn bis fünfzehn Jahren als harmlose Aktion für besonders treue Fans anfing, die für ihre Loyalität noch das ein oder andere Goodie bekamen – ich erinnere mich gerne an die kostenlosen T-Shirts zu Halo 2 und Splinter Cell damals – ist mittlerweile zu einem unkontrollierbaren Monster geworden. Und es sind wir Gamer, die dieses Monster noch weiter füttern.

Dieser Beitrag wurde erstmals am 22.4.2016 veröffentlicht.

Die Argumente gegen Vorbestellungen sind zahlreich. Man muss sich nur die Dutzenden Fiaskos der letzten paar Jahre anschauen - hochgehypte Spiele, die zum Launch wegen umfassender technischer Probleme kaum bis gar nicht spielbar waren.
Und auch die materiellen Verlockungen einer Vorbestellung sind selten von Wert. Hier mal ein Extraskin, dort ein Zusatzlevel: das ist nicht nur im Vergleich zu damals mickrig, sondern hat was richtig Zynisches, wenn man bedenkt, dass das Inhalte sind, die ohne die Vorbestellungskultur allen Spielern zur Verfügung stehen würden. Gerne auch kombiniert mit unterschiedlichen Vorbestellungsboni bei unterschiedlichen Händlern. Das komplette Spiel? Gibt es nur, wenn ihr bei Amazon, Gamestop und Co. jeweils ein Exemplar vorbestellt - sonst wird euch immer etwas fehlen.

gamestop-vorbestellung

Auch die Spielequalität ist so ein Punkt. Eine Vorbestellung in Kombination mit einem restriktiven Reviewembargo kann schnell bedeuten, dass ihr mit Ankunft des Spiels an eurer Haustür in den ersten Tests lesen könnt, dass es totaler Murks geworden ist. Eben genau zu dem Zeitpunkt, an dem es zu spät ist, die Vorbestellung zurückzuziehen.

Doch genau so wie wir dieses Unding erschaffen haben, sind auch wir die, die es wieder töten können. Denn dass die Vorbestellungsmaschinerie so gut läuft, liegt nicht zuletzt an unserem Geld, welches sie unablässig ölt. Die Lösung ist eigentlich ganz einfach: Wir müssen aufhören, Videospiele vorzubestellen. Doch natürlich ist das in der Praxis dann schwerer als man denkt. Manchmal reitet man auf der Hype-Welle mit, ein anderes Mal klingen die Bonusgoodies einfach zu gut, um wahr zu sein, und wieder ein anderes Mal denkt man sich, dass doch bei diesem Spiel garantiert nichts schief laufen wird. Und natürlich sind Vorbestellungen nicht immer böse, es gibt durchaus gerechtfertigte Fälle, bei denen man Entwickler wirklich unterstützen kann, statt nur die Erbsenzähler in der Buchhaltung multinationaler Megakonzerne.

Doch wann genau ist eine Vorbestellung mehr oder weniger bedenkenlos und wann läuft man Gefahr, die problematische Vorbestellungskultur nur noch weiter anzufeuern? Folgend eine Liste von Kriterien, bei denen ihr es euch wirklich genau überlegen solltet, ob ihr vorbestellt:

Große Publisher – Diese haben einfach schon zu oft unser Vertrauen missbraucht und uns die Katze im Sack verkauft. Und kaum eines der großen Häuser kann man hier auslassen. Man schaue nur auf das vergangene Jahr und Spiele wie Halo: The Master Chief Collection, Driveclub oder Assassin’s Creed Unity zurück. Microsoft, Sony, Ubisoft - die haben Mist gebaut und diesen für teure Mark an loyale Fans verscherbelt, die sich dann über Wochen, wenn nicht sogar Monate, mit einem minderwertigen Produkt herumärgern mussten. Wer bei den ganz Großen vorbestellt, hat aktiv Mitschuld am nächsten Launchfiasko, sendet er damit doch das Zeichen: ich finde Kundenverarsche voll in Ordnung.

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Kickstarter und Co. – Man hört viel über Kickstarter-Erfolgsgeschichten. Spiele wie Pillars of Eternity oder Shadowrun Returns, die quasi nur dank Crowdfunding möglich waren und danach großen Erfolg genossen. Was leider gerne mal unter den Tisch gekehrt wird, ist die Tatsache, dass es fast genauso viele kleinere und größere Projekte gibt, die schrecklich scheitern. Als Beispiel könnte man hier Yogscast Adventures herauspicken, welches mehr als eine halbe Million auf Kickstarter eingenommen hatte, ohne dass am Ende ein Spiel dabei herumkam. Backer bekamen als Entschädigung irgendwann ein anderes Spiel, aber das hatte eben wenig mit dem Anfangs versprochenen Titel zu tun.

Ich würde nicht pauschal von allen Kickstartern abraten, aber hier ist definitiv eine große Portion gesunder Menschenverstand gefordert. Es fällt leicht, auf den Hype-Zug aufzuspringen, weil irgendwo ein bekannter Name oder ein liebgewonnenes Franchise dahinter steckt, aber vielleicht sollte man gerade in diesen Fällen eine Extraportion Skepsis mitbringen, um spätere Enttäuschungen wie in den oben genannten Fällen zu verhindern.

Early Access – Ihr zahlt für ein unfertiges Spiel. Der Entwickler hat keinerlei rechtliche Obligation, das Spiel fertig zu stellen. Wenn er nach drei Wochen die Lust verliert, dann habt ihr im besten Fall eine fehlerhafte Alpha, die nur im entferntesten Sinne die Vision erkennen lässt, für die ihr gezahlt habt. Populärstes Beispiel dieser Kategorie ist vielleicht Spacebase DF-9 von Double Fine, welches ewig im Early Access herumdümpelte und dann einfach ohne unzählige versprochene Features irgendwann zur Vollversion erklärt wurde. 74% negative Reviews bei mehreren Tausenden Käuferbewertungen sprechen eine klare Sprache zu diesem Betrug von Spielerikone Tim Schäfer.

spacebasedf9

Doch auch wenn ich da oben jetzt viele Fälle abdecke, gibt es durchaus Situationen, in denen eine Vorbestellung legitimiert ist. Situationen, in denen man schon früh sein Vertrauen aussprechen kann, ohne damit rechnen zu müssen, dass es missbraucht wird.

Nintendo – Wie viele halbfertige Spiele hat Nintendo für seine unzähligen Plattformen in den letzten 30 Jahren abgeliefert? Spiele, die zum Launch unspielbar waren oder erst mal einen mehrstündigen Patch brauchten, bevor man überhaupt loslegen konnte? Die Antwort auf diese Frage ist gleichzeitig der Grund, wieso ihr komplett bedenkenlos bei Nintendo zuschlagen könnt. Man wirft den Japanern oft vor, der Konkurrenz hinterherzuhinken, aber das ist ein Beispiel, wo man sich nur denken kann: schön hinten bleiben, Nintendo!

Nischentitel – Generell sind Publisher von Nischentiteln abhängiger von Vorbestellungen als die großen Namen im Business. Denn wer bei einem Händler vorbestellt, signalisiert diesem Händler, dass Interesse besteht. Das wiederum bedeutet, dass der Händler mehr von diesem Spiel ins Sortiment nehmen wird. Dank allumfassender digitaler Distribution ist das heutzutage kein so großes Problem mehr, aber wer auf handfeste Spieleverpackungen steht, tut gut daran, vorzubestellen. Nicht nur, dass man so dem Problem eines vergriffenen Spiels aus dem Weg geht – letztes Jahr war zum Beispiel Bravely Default über Monate hinweg in Deutschland nicht zu erwerben –, sondern man hilft den kleineren Entwicklern und Publishern direkt. Mit ihren Spielen im Regal erreichen die dann nämlich auch Leute, die nicht schon Teil des inneren Kreises sind, der sich gerne um kultige Entwickler wie Atlus oder NIS America schart.

Header: Bravely Default - And now we play the waiting-game

Aufwändige Limited Editions – Ein kritischer Fall, denn viele Limited Editions sind gar nicht signifikant limitiert. Dazu zählen insbesondere die Steelbooks, die zum Launch noch als "Sonderedition" angepriesen werden, aber dann zwölf Monate später noch immer bei Gamestop als Neuware im Regal liegen. Generell gilt aber: je mehr in die Kiste gepackt wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass die limitierte Edition auch wirklich ein seltenes Sammlerstück ist, statt teuer angepriesene Massenware. Die limitierte Edition zum neuen Witcher-Spiel war gut ein Jahr vor Release schon ausverkauft. Wenn euer Fanherz also droht zu zerspringen, wenn ihr die ein oder andere Sonderbox nicht im Regal stehen habt, kann die Vorbestellung manchmal der einzige Weg sein.

Dass wir die Vorbestellungskultur über so lange Jahre geduldet haben, hat allen Spielern definitiv geschadet. Aber ihr seht: es gibt Wege, wie man der Falle entkommen kann. Vorbestellungen lohnen sich nämlich nur in wenigen Fällen und ansonsten gilt ganz einfach: den Verstand einschalten, bevor man direkt das Geld auf den Tisch legt. Haris

Die Meinung in Beiträgen mit dem Tag "Jetzt spreche ICH!" muss nicht unbedingt der des ganzen DPads entsprechen. Kann! Muss aber nicht.

Kommentare

Thorsten
Gast
13. Juli 2016 um 21:02 Uhr (#1)
Hi,
stimme Dir in vollem Umfang zu. Ich gebe nicht mehr als 10 € für ein Spiel aus, und vorbestellen ist nicht. Für verbuggten Dreck mit unfairer KI? Ich bin bald auch so weit, dass ich ganz aussteige als Gamer.
Gast
21. Oktober 2017 um 10:18 Uhr
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