Terry Pratchett

(Artikel)
Rian Voß, 12. März 2015

Terry Pratchett

Ein Nachruf

Mein erster Roman war "Das Licht der Phantasie". Nicht Bilderbuch, nicht Jugendliteratur - Roman. "Das Licht der Phantasie", geschrieben von einem gewissen Terry Pratchett, veröffentlicht in Deutschland 1989. Gelesen habe ich es wohl so um 1997 herum. Vielleicht habe ich auch andere Romane zu der Zeit gelesen, aber dieses Buch, das mir meine Mutter eines Tages aus der Stadtbücherei mitbrachte, ist das einzige, das mir aus der Zeit in Erinnerung blieb.

Ich muss zugeben, dass ich es nicht verstanden habe. Terry Pratchett stand nie im Ruf, besonders simple Phrasen zu Papier zu bringen. Die Hälfte seiner Sätze bestanden aus komplizierten Fremdwörtern und die andere Hälfte war frei erfunden. Da half auch nicht, dass "Das Licht der Phantasie" nur der zweite Teil seiner ersten Scheibenweltgeschichte war. Das wusste ich damals nicht! Doch trotz vieler Hindernisse habe ich "Das Licht der Phantasie" wie im Fieberwahn verschlungen. Irgendwas hat in mir die Neugierde geweckt. Wenn ich heute daran zurückdenke, dann muss es wohl die Fantasiewelt an sich gewesen sein: Sie war komplett... falsch. Der Zauberer Rincewind war kein allmächtiger Thaumaturg, sondern ein inkompetenter Hasenfuß in Begleitung des chinesischen Touristen Zweiblum. Natürlich kam Zweiblum nicht wirklich aus China, sondern vom Gegengewicht-Kontinenten - den später der rüstige Barbar Cohen mit seiner grauen Horde quasi aus einer Endlife-Crisis heraus in einem meiner Lieblingsromane verwüstete und annektierte. Fun fact: Warum beißen Berserker in ihre Schilde? Natürlich weil sie aus Schokolade sind.

Ich kann nicht mehr genau sagen, welche ikonischen Figuren in "Das Licht der Phantasie" alle vorkamen, das ist einfach zu lange her. Bestimmt machte Tod einen seiner ersten, beeindruckenden Auftritte. Tod, der so eine Präsenz hat, dass er NUR IN VERSALIEN SPRICHT. Möglicherweise kamen auch der Händler ohne Gewissen T.M.S.I.D.R. Schnapper und bestimmt auch die quirlige Fakultät der Unsichtbaren Universität vor. Genügend Charaktere, die meinen so eingeschränkten Horizont mit Atomschlägen erweiterten.

Was folgte, waren wenige Jahre, in denen ich nahezu alle erhältlichen Scheibenwelt-Romane aus der Bücherei prokelte und mir einverleibte. Viel, viel später dann auch endlich "Die Farben der Magie" - der erste Scheibenweltband, mit dem "Das Licht der Phantasie" dann auch tatsächlich mehr Sinn ergab. Als die Bücherei keine Romane mehr hatte, kaufte ich die Bücherläden leer. Terry Pratchett nahm mich bei der Hand und führte mich quasi durch die Hintertür ins Reich der Fantasy. Was für andere Tolkien war, war für mich Pratchett. Und deswegen kann ich über Hokus-Pokus-Fidibus-Harry-Potter-Magie auch nur süffisant lächeln, denn der Kenner weiß, dass sich Zauberer selbst mit einfachen Formeln das Hirn zu den Ohren hinauslöffeln, wenn sie nicht aufpassen.

Ich las die Parodien, bevor ich das Parodierte kannte. Wegen der Scheibenwelt setzte ich mich mit sozialpolitischer Satire auseinander, ohne das Äquivalent in der realen Welt zu kennen. Als ich mehr und mehr realisierte, dass hinter den witzigen Geschichten und Figuren noch Schichten und Schichten steckten, fing ich an, mir Gedanken zu machen, Zusammenhänge zu erkennen und Subtiles wertzuschätzen. Ich glaube, ich habe mir so viele Gedanken gemacht, dass ich in der Zeit nicht sehr viel geredet habe, weil es in meinem Kopf so laut brummte.
Und als alle Scheibenweltromane durch waren, nahm ich mir andere Werke von Pratchett vor. Der Roman "Die dunkle Seite der Sonne" trat für mich die Tür zur Science-Fiction ein, während mich das Jugendbuch "Nur du kannst sie verstehen" zu einem eigenen kleinen Werk inspirierte. Überhaupt hat mir Pratchett den Knacks mitgegeben, Myriaden Xenismen in meiner Prosa zu utilisieren. Ich habe es mir inzwischen abgewöhnt, aber ab und zu bricht es noch durch.

Doch mit Fantasy und Science-Fiction hörte Terry nicht auf, mir die Augen zu öffnen. Lange bevor ich Bücher für mich entdeckte, war ich schon ein Videospieler. Und zu einer Zeit, wo niemand ein Filmspiel mit seinen vier Buchstaben angesehen hätte, kauften meine Eltern das Buchspiel Discworld 2 für den Sega Saturn - ein klassisches Point-'n'-Click-Adventure, in dem man abermals in die Haut von Rincewind schlüpft. Auch hier: Es war mein erstes Adventure-Spiel, wenn auch garantiert nicht das letzte. Und die hervorragenden Synchronsprecher (ganz voran Arne Elsholtz, der seine Bill-Murray- und Tom-Hanks-Stimme dem Nulpenzauberer lieh) sowie die damals grandiose 2D-Grafik machten aus dem Abenteuer ein Erlebnis, an das ich mich gerne erinnere. Wie oft hat man schon die Gelegenheit, den manifestierten Geruch vom Stinkenden Alten Ron in eine Flasche zu sperren?

Das war natürlich nicht das letzte Spiel in der Scheibenwelt. Später nahm ich mir auch den tollen Vorgänger Discworld vor (großartiger Soundtrack) und für den PC entdeckte ich die komplett eigenständige Geschichte Discworld Noire. Ich hatte damals absolut keine Ahnung, was Noire sein sollte, aber die Privatdetektivstory fand ich klasse. Klasse und düster. Hey, damit hat mich Pratchett auch ins Noire-Genre gebracht - eine Kategorie der Erzählungen, die ich überaus schätze. Und wo ich gerade so in Erinnerungen schwelge - das erste Pen-&-Paper-Regelbuch, das ich mir jemals kaufte, war der Scheibenwelt-Settingband für GURPS.

Ich habe nun schon seit Jahren keinen Pratchett-Roman mehr gelesen. Mein Fanatismus verdorrte schlagartig mit dem Wälzer "Die Nachtwächter". So ein Schund. Wie kann das derselbe Mann geschrieben haben, der mich in "Total Verhext" mit Oma Wetterwachs und Nanny Ogg auf Reisen schickte und mir mit "Der Fünfte Elefant" den spannendsten Kriminalroman spendierte, den ich je gelesen habe? Kommandeur Mumm ist immer noch mein persönlicher Held. Ich habe in der Zeit immer mal wieder einen der Klassiker durchschmökert, aber nie eins seiner danach erschienenen Werke angerührt. 2007 habe ich dann von Pratchetts Alzheimer-Krankheit erfahren. Ich glaube, zu dem Zeitpunkt habe ich ganz aufgehört, Pratchett zu lesen. Irgendwie ging es nicht mehr. Ich wollte nicht die Romane lesen und daran denken, dass dieser verehrenswerte Mann an der schlimmsten Krankheit leidet, die ich mir vorstellen kann. Und jetzt ist er tot.

Trotz der vielen Worte kann ich nicht zusammenfassen, wie ich mich fühle. Es ist ein Gemisch aus Erschütterung und tiefer Trauer, das mich mit einem Schock zum Reflektieren und Reminiszieren gebracht hat. Ich denke, ohne Terry Pratchett wäre ich heute kein Autor. Nein, ich bin mir sicher, ich wäre kein Autor. Vielleicht Buchhalter oder Archivar oder IT-Servicetechniker. Terry Pratchett war mein Licht der Phantasie und mit ihm ist mein größtes Vorbild gestorben.

Terry, für dich hat Tod das Schwert benutzt. Mach's gut. Rian

Kommentare

Heiler
13. März 2015 um 11:25 Uhr (#1)
Ausgezeichnet.
Rian
13. März 2015 um 12:05 Uhr (#2)
Freut mich, dass du hier noch herumgeisterst, Heiler. :)
Heiler
13. März 2015 um 14:28 Uhr (#3)
Die Freude ist natürlich berechtigt, sie ist allerdings auch meinerseits. ^^
Nils
13. März 2015 um 22:18 Uhr (#4)
Ruhe in Frieden, Terry.
Arno
Gast
13. März 2015 um 23:17 Uhr (#5)
Danke Rian! In einigen Stellen deines Nachrufes habe ich mich selbst wiedergefunden und so dürfte es wohl auch vielen anderen gehen. Kriegstreiber, Wirtschaftsmogule und religiöse Fanatiker knacken bald die 100 Jahr Grenze. Das Genie, das uns half diese sonderlichen Individuen zu "verstehen", erreicht nicht einmal die durchschnittliche Lebenserwartung... es gibt eben KEINE GERECHTIGKEIT, ES GIBT NUR... usw
Rian
14. März 2015 um 10:12 Uhr (#6)
Wohlgesprochen.
Gast
21. Januar 2018 um 03:43 Uhr
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