100 Yen: The Japanese Arcade Experience

(Artikel)
Paul Rubah, 12. Januar 2015

100 Yen: The Japanese Arcade Experience

Fernöstliche Arcadehallen im Wandel der Zeit

Wenn es um Dokumentationen zur Geschichte von Videospielen geht, wendet sich der Blick häufig nach Amerika und Big Player Atari. Doch während in den USA die stickigen Spielhöllen mit der Zeit beinahe ausstarben, florierte das Arcade-Geschäft in Japan - und tut es heute noch. Die Dokumentation 100 Yen: The Japanese Arcade Experience aus dem Jahr 2013 führt den Zuschauer durch die Geschichte der Spielhallen und analysiert, warum Arcades in Japan weiterhin funktionieren.


Generationen
Die Dokumentation teilt die Ära japanischer Arcades in drei signifikante Genres auf. Den Beginn machte 1978 der Klassiker Space Invaders - ein inzwischen weltbekannter Shooter, der seinerzeit so populär wurde, dass er sämtliche anderen Automaten in vielen Spielhallen ersetzt hat und sogar die 100-Yen-Münze zu einem raren Gut machte. Japanische Banken kamen sogar mit dem Prägen nicht mehr hinterher. Der Erfolg von Space Invaders führte nicht nur dazu, dass Entwickler und Publisher Taito immer noch mit die meisten Arcadehallen Japans unterhält, sondern das Spiel trat den Trend des immer komplexer werdenden Shooting Games los. Heutige Danmakus, oder "Bullet Hell"-Spiele, sind kaum noch mit dem eher gemütlichen Space Invaders zu vergleichen.

Eine Evolution des Arcadespiels stellte der Fighter dar. Insbesondere Street Fighter 2 machte Besucher von Arcades zu verbissenen Rivalen. Weltmeister internationaler Turniere, wie Daigo "The Beast" Umehara (den die Interviewer für die Doku auch erwischen konnten), teilen ihre Vergangenheit in diesen Hallen.

space-invadersNishikado Tomohiro baute Space Invaders von Grafik, Musik und Gameplay bis zum Platinenschaltplan.

Der dritte Schritt der Entwicklung waren Musikspiele. Prominentester Vertreter: Dance Dance Revolution. Doch es ist nicht nur so, dass man auf Pfeilen herumhopst, um Punkte zu kassieren, sondern die Rhythmusspiele japanischer Arcades nehmen derart wilde Formen an, dass man als Uninitiierter absolut keine Ahnung hat, was gerade vor sich geht. So viele bunte Knöpfe, die in wirren Mustern aufleuchten - es ist verblüffend und hypnotisierend zugleich und die Bilder der Dokumentation erinnerten mich an meine Besuche im tokyoter Otaku-Paradies Akihabara.

Alle zusammen
Aber warum funktionieren Arcades noch in Japan? Laut der Dokumentation haben Japaner eine andere Auffassung von Videospielen. Wo in Amerika Videospiele erst seit einigen Jahren vom Image des Kinderspielzeugs wegdivergieren, sind Videospiele Teil japanischer Kultur. Große Arcades, abseits der Retro-Trainingsorte für Hardcore-Gamer, bieten Maschinen für alle Altersklassen, fast jeder findet etwas nach seinem Geschmack - da sitzen Geschäftsmenschen nach Feierabend neben Kindern, die nichts Besseres zu tun haben. Insbesondere da Arcadehallen oft in Gehreichweite aufgebaut sind und einladendes Ambiente vermitteln, haben die meisten Japaner größerer Städte schon mal in eine hineingeschnuppert.

ddrDie DDR-Profis tanzen über zwei Plattformen.

Gleichzeitig, erklärt die Dokumentation, sind japanische Wohnungen und Häuser sehr hellhörig - kein Ort, um sich mit Leuten zu vergnügen oder eine Party zu feiern. Man muss vor die Tür gehen und Arcades mit ihrem großen Angebot an Spielen, Snacks und Getränken waren und sind Social Hubs für genau diese Gelegenheit. Das Bildnis des Gamers sei ein anderes in Japan - nicht das zurückgezogene Kellerkind, das mit seinem Nintendo allein vor dem Fernseher hockt, sondern eine Person, die sozial aktiv mit Freunden eine flotte Sohle aufs Parkett legt oder sich von Kumpels bei einem verbissenen Match Street Fighter 4 anfeuern lässt. Viele der Interviewten Spieler bezeugen, dass sie eine Menge Freundschaften in Arcades geschlossen haben.

Neben dem sozialen Aspekt habe sich in den Arcadehallen - abermals im Vergleich zu den "Zeitverschwender"-Äquivalenten in Amerika - ein sehr ernsthaftes Image herausgearbeitet. Spieler werfen Geld in den Automaten und schalten in den Wettbewerbsmodus um. Und im Gegensatz zur heutigen Onlinekultur mit all seinen Ragequits erscheint es schon fast wie eine Mutprobe, wenn man in einer Spielhalle sich physisch einem anderen Spieler stellt, um von ihm nach Strich und Faden verprügelt zu werden.

evoKönige der Spielhallen, Könige des Fighting-Superevents EVO.

Insgesamt kann ich die Dokumentation 100 Yen: The Japanese Arcade Experience jedem empfehlen, der bisher nur wenige Einblicke in japanische Arcade-Kultur gewonnen hat. Die Auswahl an Interviewpartnern ist okay und rangiert von hohen Tieren auf Entwicklerseite über eSportler bis zu halbwegs normalen Gamern. Was ein wenig fehlt, sind die Zeitzeugen der goldenen Ära der Arcadespiele - die Filmer haben keinen einzigen alten Japaner vor die Kamera gezerrt bekommen, der davon erzählt, wie es damals war Space Invaders in einer verrauchten Spielhalle zu spielen. Nichtsdestotrotz ist die Dokumentation gut strukturiert, bietet einige sehr schöne Bilder (wenn auch nur wenige hinter die Kulissen) und ist mit einer Stunde Spielzeit nicht zu lang. Macht euch wegen all dem Japanisch nur auf viele englische Untertitel gefasst! Der Film ist erhältlich im Shop des Studios, Amazon, Xbox Marketplace, Playstation Store und Good Old Games.

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27. Juli 2017 um 04:59 Uhr
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