Einige starke Figuren der letzten Jahre

(Artikel)
Paul Rubah, 08. Juni 2017

Einige starke Figuren der letzten Jahre

Oder: "OMG DIE 18 BESTEN FIGUREN ALLER ZEITEN!!1"

Die Videospieleszene hat in letzter Zeit viel Trubel mit dem Frauenbild - sei es in der Industrie oder im Spiel an sich. So viel Negativität ist irgendwann schwer zu ertragen, wisst ihr? Da dachte ich mir: "Hey, Geschlecht hin oder her, Spezies hip oder hop! Schauen wir doch mal, was die Entwickler so in den letzten Jahren an gut geschriebenen Charakteren zustande gebracht haben!"

Dieser Beitrag wurde erstmals am 18.10.2014 veröffentlicht.

Aus dem Unterfangen ergeben sich zwei Erkenntnisse: 1. Starke Charaktere in Videospielen muss man mit der Lupe suchen, aber dafür sind 2. unter den starken Figuren die Frauen nur ein bisschen unterrepräsentiert. Wobei ich zugeben muss, dass wir - auch wenn wir uns enorm viel an Titeln reinziehen - nicht alles in unsere Finger bekommen haben, was da draußen gute Figuren enthalten kann. Und außerdem ist die letzte Generation jetzt nicht gerade kurz gewesen, darum bitte ich euch fehlende Figuren zu verzeihen. Oder verzeiht uns nicht und meckert in den Kommentaren. Wir sagen euch dann, ob die Figur absichtlich fehlte und warum ihr grundlos meckert. ;)

Heftige Spoiler! Für die Neugierigen, die sich keine Plotpunkte versauen wollen, ist hier eine Liste aller Charaktere: Victor Sullivan (Uncharted), Bayonetta (Bayonetta), Ellie (The Last of Us), Clementine (The Walking Dead), Mordin Solus (Mass Effect), John Marston (Red Dead Redemption), Kaim Argonar (Lost Odyssey), GLaDOS (Portal), Handsome Jack (Borderlands 2), Kainé (Nier), Elizabeth (Bioshock Infinite), Styx & Arkhail (Of Orcs and Men), Rin (Katawa Shoujo), Ren (Shenmue 2), Rook (The Banner Saga), Captain Walker (Spec Ops: The Line), Dom Santiago (Gears of War)

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Victor Sullivan (Uncharted)
Sully ist Nathan Drakes Vaterfigur und wirkt die meiste Zeit irgendwie wie der Typ in Cop-Filmen, der "Ich bin zu alt für diese Scheiße" sagen würde. Tatsächlich dauert es bis zum dritten Teil der Serie, bis man aus den Hintergründen der Beziehung zu Nathan Drake schlau wird. Aber bis dahin arbeitet Sullys Charakter viel mit cleveren Auslassungen und lässt seinen zwielichtigen Charakter gerne einmal fälschlicherweise durchfunkeln, denn: Auch wenn Sully ein Gauner ist und man vor allem am Anfang einen Verrat durch den alten Ganoven riecht, ist dessen Loyalität zum Jungspund Drake unerschütterlich und man muss einfach den Atem anhalten, wenn sein Leben in der Schwebe hängt - gerade sympathische Mentoren sind ja nicht gerade bekannt für ihre lange Lebensfähigkeit in Hollywood-Klitschen.

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Bayonetta (Bayonetta)
Ich gebe zu, dass ich aus der Story vom ersten Bayonetta nach dreimaligem Durchspielen bis heute nicht schlau werde. Das hält Bayo aber nicht davon ab, eine imposante Person zu sein. Die Dame in Lack und Leder ist offensichtlich als Augenschmaus designt, da stellt sich gar nicht erst die Frage. Aber wenn man vom Standpunkt der Figur ausgeht - eine mehrere Jahrhunderte alte, mächtige Hexe, die sich eigentlich gar nicht erst mit Sterblichen abgeben müsste -, dann verbirgt sich unter dem Einteiler eine Persönlichkeit, die unter einer Fassade gigantisch einschüchternder Sexualität vergraben liegt und sich auch für andere bis zur Selbstaufopferung erwärmen kann, falls diese zu ihr durchdringen. Fun Fact: Kein einziger Kerl im ganzen Spiel lechzt Bayo wirklich hinterher, die sind alle viel zu untergebuttert von ihrem Selbstbewusstsein.

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Ellie (The Last of Us)
Kinder sind oft das Sinnbild der Unschuld. Ellie hält diesem Sinnbild in einer verkorksten Welt voller Zombies, Plünderer und Vergewaltiger mit dem Spiegel die eigene marode Fratze vor. Ellie flucht und wehrt sich, neckt andere Charaktere mit ihrer viel zu vorgezogenen Reife, während diese nur den jungen Teenager sehen, den es zu beschützen gilt. Schon als Protagonist Joel sie zum ersten Mal trifft, merkt man schnell, dass das hier kein Engel ist. Die Abgründe, die sie auf ihren Reisen aber noch zu sehen bekommt, erodieren die Restbestände ihrer Kindheit vor den Augen des Spielers.

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Clementine (The Walking Dead Season 1)
In Zombiewelten haben es Kinder echt nicht leicht. Im Gegensatz zu Ellie fängt Clementines Unschuld wirklich bei 100 Prozent an. Wie viel davon abhanden kommt, liegt beim Spieler, denn Clem ist der moralische Zähler von The Walking Dead. Als braves Kind ist Clementine dabei gruselig real geschrieben, oftmals zu hilfsbereit für ihr eigenes Wohl und frisst enorm viel in sich rein. Man macht sich sorgen um das Kind mit der Kappe - so sehr, dass die Apokalypse in den Hintergrund der Erziehung eines kleinen Mädchens rückt.

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Mordin Solus (Mass Effect 2 & 3)
Mordin denkt schnell, spricht schnell, lässt sich aber nicht so schnell von seiner (durchaus fragwürdigen) Ethik abbringen. Der Salarianer überrascht gleichzeitig mit lockeren Dialogen und absoluter Ruchlosigkeit, wobei er schon in den Spielminuten nach dem ersten Treffen gleichzeitig den Heiler und den skrupellosen Killer in einer Person vereint.

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John Marston (Red Dead Redemption)
Man würde ihm ja wünschen, dass er seinen Lebtag ruhig auf der Ranch verbringen kann, gemeinsam mit Frau und Kind. Doch je länger man Red Dead Redemption spielt, desto mehr sieht man, dass John beim Versuch, sich ein Stückchen Himmel mit Blut zu erkaufen, sich schon lange ein viel zu tiefes Loch gegraben hat. Nichtsdestotrotz gibt der einsame Reiter nicht auf und wir begleiten ihn in seinem Kampf gegen das Unausweichliche.

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Kaim Argonar (Lost Odyssey)
Unfairer Vorteil! Schiebung! Kaim Argonar bekommt die gemeine Unterstützung von vielen kleinen Kurzgeschichten, die in Lost Odyssey verstreut liegen und von der Vergangenheit des amnestischen Unsterblichen erzählen. Kaim hat viele Leben durchlebt, viele Persönlichkeiten angenommen und will diese sich ewig in den Hintern beißende Schlange endlich köpfen. Die mal guten, mal bösen Geschichten des wandelmütigen Langhaarigen haben mich des Öfteren zum männlichen Schluchzen verleitet.

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GLaDOS (Portal & Portal 2)
So manisch, psychopathisch und unberechenbar wie eine stark gekränkte Ex-Freundin. Sie ist clever, witzig, gemein und kann backen. Außerdem ist sie eine mörderische KI, die sich gerne mal an Giftgas vergreift, und ihr Hobby sind die Wissenschaften. Trotz ihrer Killer-Ader hat sich doch irgendwo noch einen weichen Kern und kann sogar vergeben, dass man sie mal umgebracht hat. Das ist wahre Größe! GLaDOS ist die Inspiration hinter vielen, vielen, vielen nachgeahmten KI-Figuren und das mehr als zurecht.

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Handsome Jack (Borderlands 2)
Wo wir bei Psychopathen sind: Handsome Jack lebt für den Spieler zu 99 Prozent von Borderlands 2 durch den Lautsprecher. Dann erzählt er von seinen vergangenen Heldentaten, etwa wie er Frauen erschießt, während sie gerade Rache für ihren ermordeten Ehemann schwören, und er sich danach über sie lustig macht und andere tolle Sachen. Das Zusammenspiel aus fanatischer Bosheit und einer Goldstimme, mit der man gerne einen draufgängerischen Abend verbringen möchte, machen diesen irren Charakter insbesondere zu einem Januskopf unter den NPCs.

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Kainé (Nier)
Eigentlich kann man hier jede Figur von Nier aufzählen. Etwa Emil, der trotz seiner Entstellungen und Behinderungen immer positiv bleibt und die Gruppe zusammenhält. Der arrogante Weiss, der gar nicht so clever oder kaltherzig ist, wie er immer tut. Oder Nier selbst, der vom Alltagsvater nicht zum Weltenretter aufsteigt, sondern einfach nur alles für seine Tochter Yonah unternimmt. Ganz oben steht aber Kainé, die ebenfalls den bösen Vorteil der Kurzgeschichten erfährt. Diese Dame schimpft noch schlimmer als Ellie, was aufgrund ihrer weniger als optimalen Kindheit, einem ungewünschten Leben als Transsexuelle und einer ganzen Menge angestauter Wut auch verständlich ist. Aber auch dieses Feuer erfährt Linderung.

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Elizabeth (Bioshock Infinite)
Elizabeth ist wohl für viele der größte Grund, warum man Bioshock Infinite überhaupt spielen sollte. Das Mädchen, deren bisheriges Leben dem einer eingeschlossenen Prinzessin im Turm gleicht, wird nicht von dem gallanten Prinz gerettet, sondern kann sich auch selbst verteidigen und rettet Booker mehr als einmal den Arsch. Dass sie auf dem Weg zur Endsequenz immer mehr über ihre Entscheidungen reflektieren muss, während sie versucht so viel verpasstes Leben wie möglich nachzuholen, ist ein toller Bonus.

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Styx & Arkhail (Of Orcs and Men)
Zwei "Helden", die ungleicher nicht sein können. Der eine Haudruff ist weiser, als er zu sein scheint, der schleichende Kehlenschneider ist mehr mit Reue besudelt, als er vorzugeben mag. Das Wechselspiel des Pärchens in einem ohnehin schon interessanten Setting halten den Spieler auch an den Stellen bei der Stange, wo man gameplaytechnisch schon längst nichts mehr fördern kann.

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Rin (Katawa Shoujo)
Noch mehr zu lesen! Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, keine Visual Novels aufzunehmen, denn hier stehen der Charakterentwicklung ja nicht so eklige Sachen wie Gameplay im Weg. Aber verdammt, Rin muss rein! Rin ist zuerst undurchschaubar, dann verrückt, dann versteht man sie wieder, dann überhaupt nicht mehr. Dass sie eine armlose Malerin ist, stört sie dabei kein bisschen. Sie scheint immerzu in ihrer eigenen Welt zu leben und der Spieler, wenn er sich für ihren Storypfad entscheidet, versucht bis zum Schluss einen Zugang zu finden. Ein ganz großartiges, unerhörtes Gehirn wurde unter diesen Rotschopf geschrieben.

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Ren (Shenmue 2)
Ryo Hazuki war im ersten Shenmue ja fast schon ein unerträglich herzensguter Pfadfinder, wenn da nicht die Sache mit der kompromisslosen Rache gewesen wäre. In Shenmue 2 bekommt Ryo sein Spiegelbild: Ren ist ein Gangsterboss aus Hong Kong, bei dem man nie so recht weiß, auf wessen Seite er steht. Man stelle sich Jack Sparrow vor - nur weniger wahnsinnig. Hier hilft er Ryo mit seinen Ermittlungen. Dort wettet er in einem Schaukampf gegen ihn. Dann stellt er Ryo seinen Unterschlupf bereit. Dann verarscht er ihn mit gefälschten Münzwürfen. Ren war das Beste, das der Serie zustoßen konnte. Ok, und eigentlich gehört Ren hier gar nicht rein, dafür ist er zu alt, aber fuck iiiiit.

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Rook (The Banner Saga)
Rook kann sich nie richtig entscheiden. Niemals. Der Mann, der Aragorn zum Verwechseln ähnlich sieht, bekommt nach einem Überfall die Verantwortung über ein ganzes Dorf in den Schoß geworfen, muss einen Exodus befehligen und sich zusätzlich auch noch um seine Tochter kümmern. Egal, wo man als Spieler hingeht - Rooks Schicksal bleibt immer glaubhaft und seine Reaktionen immer authentisch.

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Captain Walker (Spec Ops: The Line)
Captain Walker beginnt als ganz normaler Squadführer. In Anlehnung an Apocalypse Now wird man allerdings Zeuge eines Wandels, der Walker in der Wüstenhölle immer mehr in die Abgründe des Wahnsinns trudeln lässt. Das passiert auf eine so großartige Weise, dass sich sogar im Gameplay seine Verhaltensweise vom kalkulierenden Kommandeur zum blutrünstigen Monster abzeichnet. Wahrscheinlich der stärkste psychische Charakterwandel, den ein Videospiel bisher dargestellt hat.

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Dominic "Dom" Santiago (Gears of War 1, 2 & 3)
Dom lernt man als den coolen Hispanier kennen, der Marcus Fenix mit dicken Armen zur Seite steht - dabei hat er von der Persönlichkeit wesentlich mehr drauf als der Protagonist. Er verliert seine Frau und sucht sie im Verlauf der ersten zwei Spiele. Als er sie dann endlich wiederfindet und aus der Hand der Locust befreien kann, muss er feststellen, dass sie nicht nur durch die intensive Folter voller Narben und unterernährt ist, sondern auch, dass sie in einen katatonischen Zustand verfiel, aus dem es kein Zurück mehr gibt. Er sieht keinen anderen Ausweg, als ihr Leid zu beenden. Aus dem Labermaul wird ein ganz Schweigsamer. Nach vielem Grübeln und Reflektieren opfert er sich später, nachdem er alles verloren hat, um seine Freunde zu retten.

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20. September 2017 um 09:21 Uhr
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