Metroid-Retrospektive (1)

(Artikel)
Torsten Ingendoh, 13. Juni 2017

Metroid-Retrospektive (1)

Wie alles begann: Metroid

Unser liebstes Medium hat mittlerweile eine ordentliche Menagerie an Powerfrauen hervorgebracht. Leider ist der Gedanke, eine Frau als Heldin zu spielen, wohl immer noch für die Industrie befremdlich. Elizabeth wurde vom Bioshock-Infinte-Cover verbannt und Ellie durfte nur im Vordergrund bei The Last of Us bleiben, weil Naughty Dog bockig wurde. Jetzt stellt euch mal vor, wie das vor fast 30 Jahren war. Da gab es solche Diskussionen gar nicht, da war die Frau zu retten vom männlichen Held. Tja, bis Metroid kam, mit Heldin Samus Aran. Und hier ist der Witz: Samus ist mehr aus Jux und Dollerei eine Frau. Einer der Designer hat als Scherz vorgeschlagen, die Spielfigur als weiblich zu bezeichnen. Intern wurde dann abgestimmt und die Idee wurde knapp angenommen. Weiterer Fun Fact: Das japanische Handbuch vermeidet es von Samus in irgendeinem Geschlecht zu sprechen. Die westlichen Anleitungen hingegen behaupten steif und fest Samus wäre ein Mann. So, genug Trivia, schauen wir uns doch mal das Spiel an, mit dem alles begann.

Dieser Beitrag wurde erstmals am 16.9.2014 veröffentlicht.

Metroid ist ein semi-lineares Action-Jump-'n'-Run mit Upgrades und viel Erkundung. Es gilt die interstellare Bedrohung durch die Metroids und Mother Brain zu beenden. Diese haben sich im Teil des Planeten Zebeth verschanzt, der Tourain genannt wird. Aber Tourain ist versperrt. Erst wenn Mother Brains oberste Generäle, Kraid und Ridley, draufgegangen sind, öffnet sich die Tür. Beide haben sich in ihren eigenen Teilen des Planeten niedergelassen, die erst mal gefunden werden wollen. Ebenso die verschiedensten Upgrades für Samus' Power Suit, ohne die man einfach keine Chance hat. Zebeth war nämlich die ehemalige Heimat der Chozo, eine hochentwickelte Rasse von Vogelmenschen, die Samus großgezogen und ihr die Rüstung angefertigt haben.

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Im Laufe des Spiels sammelt man so verschiedenste Ausrüstungsteile ein. Von neuen Beams über Raketenerweiterungen bis hin zu mehr Lebensenergie und einer Rüstung, die den Schaden halbiert, ist alles dabei. Viele der serienbekannten Items haben hier ihren Ursprung. Der berühmte Morphball, damals noch Maru-Maru genannt, ist gleich links vom Start zu finden. Oh, wie viele Spieler den ungeahnt liegen gelassen haben. Die Screwattack, mit der man sich beim Springen in Energie hüllt, ist auch dabei. Das Besondere ist hier, dass es so gesehen keine feste Reihenfolge gibt, in der man sich diese Items besorgen muss. Erkundung wird hier groß geschrieben und mangels Ingame-Karte ist es doch sehr empfehlenswert sich eine eigene zu Zeichnen, da man sich sehr leicht verirren kann. Backtracking ist ein anderes Steckenpferd der Serie, das hier eine Rolle spielt. Oftmals findet man Durchgänge, die man noch nicht passieren kann. Die Parole: Merken und dann später zurückkehren, wenn man das passende Item gefunden hat.

Metroid gilt als einer der Klassiker aus der NES-Bibliothek und das zu Recht. Nicht nur, dass es eines der großen Nintendo-Franchises gestartet hat, es ist auch ein einzigartiger Genre-Mix, der auf den 8-Bit-Konsolen Seinesgleichen sucht. Und dann wäre da noch der große Twist, dass Samus eine Frau ist. Wer das Spiel innerhalb von zwei Stunden durchspielt, der bekommt am Ende Samus ohne ihre Rüstung zu sehen. Wie viele Spieler das wohl überrascht hat. Wer das nicht schafft, der kann auch einfach das Passwort "JUSTIN BAILEY" verwenden, mit dem Samus ohne Rüstung kämpft.

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Aber wie gut hat sich das Spiel gehalten? Ganz ehrlich: Metroid hat so gut gealtert wie Milch. Ich liebe die Serie, darum glaubt mir: Es machte mir einfach keinen Spaß. Warum fang ich mit jämmerlichen 30 Lebenspunkten an, wenn ich sterbe/neustarte/Passwort benutze? Das Spiel zwingt einen so erst mal dazu, eine Menge Zeit für mühseeliges Farmen von Lebensenergie zu verschwenden. Das ist echt lästig, wenn man bereits vier Energie Tanks hat. Bis man die voll hat, ist Weihnachten. Es hilft auch nicht, dass man zu Anfang nur eine kurze Reichweite mit dem Beam hat und erstmal den Long Beam finden muss, damit die Schüsse zum Ende des Bildschirms reichen. Bugs nerven auch am laufenden Band. Es gibt nichts Schlimmeres als beim Durchschreiten einer Tür noch irgendeinen Gegner im Gang zu haben, der mit einem den Screen wechselt und einen im schlimmsten Fall im Durchgang tötet. Das muss doch nicht sein.

Doch für mich ist das größte Verbrechen das Leveldesign. Ich kann damit leben, dass es keine Karte gibt. Besorg ich mir halt eine aus dem Internet. Aber warum zum Geier gibt es so viele Sackgassen in diesem Spiel? Da kämpft man sich unter Anstrengungen durch ein Areal, nur um am Ende nichts dafür zu bekommen, weil da einfach nichts zu holen ist. Dass bei vielen Gängen der Copypaster gewerkelt hat, macht das nicht besser. Passagen sind absolut identisch, was tierisch desorientierend sein kann. Und dann noch die vertikalen Gänge, bei denen man fünfmal hintereinander ein und denselben Baustein durchhüpfen muss. Ein Speichersystem gibt es auch nicht, nur ein ätzend langes Passwortsystem. Um ein Passwort zu bekommen, muss man entweder sterben oder auf dem zweiten Controller einen Code eingeben. Dabei wird nicht gespeichert, wie viel Lebensenergie man noch hat, man fängt knallhart bei 30 an. Stilistisch machen mich die pechschwarzen Hintergründe auch nicht sonderlich an, was schade ist, da der Rest des Spiels eigentlich einen tollen Look trägt.

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Alles Revolutionäre an Metroid hat die Serie in seinen Nachfolgern um einiges besser gemacht, weswegen das Original nur noch veraltet und unnötig schwierig wirkt. Es ist auch das einzige Metroid-Spiel, das ich nie durchgespielt habe. Um aber doch noch etwas Positives zu sagen: der Soundtrack ist fantastisch. Wer unbedingt Samus Arans erstes Abenteuer entdecken will, dem lege ich das GBA-Remake Zero Mission ans Herz. Das macht nicht nur alles besser, sondern man kann auch das NES-Original als Bonus freischalten. Metroid ist seitdem einen weiten Weg gegangen, oftmals zum Besseren. Leider ist das Franchise in letzter Zeit etwas unterrepräsentiert von Nintendo, aber das ändert sich hoffentlich bald. Bis dahin schwelge ich noch ein wenig in Erinnerungen. Nächstes mal geht es dann von der Heimkonsole in die Hosentasche mit Metroid II: Return of Samus für den Gameboy.

Metroid

(Ranking)
C
RANK
Gut gemeint. C-Spiele haben ihre strahlenden Momente, aber in entscheidenden Situationen wird großes Potential verschenkt. Über keine anderen Spiele kann man sich so sehr ärgern.

Kommentare

Henke
Gast
19. September 2014 um 17:10 Uhr (#1)
Zur Korrektur: "Justin Bailey" lautet das Password, um Samus in all ihrer Pracht zu sehen...

Natürlich waren die Spiele damals anno 88 bockschwer, und ja, nicht jedes Modul wurde mit Batterie ausgeliefert. Auch fleißiges Kartenzeichnen war damals an der Tagesordnung.

Ich selbst habe Metroid vor wenigen Wochen als NES-Classics-Variante auf dem GBA noch einmal durchgespielt. Für Puristen und Masochisten war damals mein Fazit, aber die Freude darüber, ein neues Item zu entdecken, neue Wege damit zu erkunden und sich am Ende einem riesigen Gehirn zu stellen, kommt mMn in diesem Artikel nicht rüber.

Metroid kann auch heutzutage noch in punkto Levelarchitektur (Copy & Paste ? Eher technische Limitierung!), Gegnervielfalt (Bugs? Seit wann müssen Space-Piraten fair spielen??) und Atmosphäre (Musik und Design) punkten.

Ich für meinen Teil würde eher sagen, dass das erste Metroid schon vieles richtig gemacht hat auf solch einem limitierten System wie dem NES.
Ein C-Ranking hat es nicht verdient; wahrscheinlich hat der Autor nicht verstanden, dass damalige Spiele auch dank ihres höheren Schwierigkeitsgrades über Monate hin motivieren konnten.

Lieber Torsten, verzichte doch auf ein Review von Metroid II für den GB (es wird Dich sowieso enttäuschen) und spiel irgendeinen aktuellen Casual-Mist...
Ben
19. September 2014 um 18:28 Uhr (#2)
Vielen Dank, Henke, für deine kleine, aber entscheidende Korrektur! Habe es direkt geändert.

Ich teile deine Meinung über Metroids großartige Atmosphäre und die Spannung am Erkunden. Fernab von technischen Beschränkungen hat es mit seinem Gameplay den Grundstein für Metroidvania gelegt, das von vielen Fans als eigenes Genre gelobt und geliebt wird. Vor einigen Jahren habe ich im Anflug von Nostalgie einen Beitrag zu Super Metroid geschrieben, der genau auf diese Aspekte eingeht.

Hätten wir Metroid vor einem Vierteljahrhundert(!) eine Wertung gegeben, hätte das Ganze sicher anders ausgesehen als Torstens Fazit von heute. Wenn man aber schon Super Metroid gespielt hat und dann zum ersten Teil zurückkehrt, ärgert man sich über die Limitationen des Spiels. Sie mögen technisch begründet und kein böser Wille der Entwickler gewesen sein, aber dennoch stören sie an Stellen, an denen Super Metroid es besser macht. Der Vergleich ist zwar nicht ganz fair, macht aus heutiger Sicht aber Sinn.

Ich kenne Torsten ansonsten auch als verlorenen Masochisten, der mit eisernem Willen alle Mega-Man-Teile durchgesuchtet hat und mit seinen geschulten Fähigkeiten auch bei Rayman Legends uneinholbar die meisten Punkte sammelt...
blackmaniac
19. September 2014 um 23:05 Uhr (#3)
Es ist halt wie es ist: Viele Mechaniken haben den Zahn der Zeit zu spüren bekommen. Das beeinflusst leider meine Wertung und das werde ich auch bei Metroid 2 berücksichtigen müssen.

Dass aufgrund der Hardware grenzen einige Unannehmlichkeiten entstanden sind (Copy und Paste gänge) ist verständlich, aber das macht es ehrlich gesagt nicht besser. Ich finde, dass ich da keine Gnade in meinem Urteil walten sollte.

Auch finde ich dass das Argument "damals waren die Spiele halt schwer" keine Entschuldigung für frustiges Design ist. Ich habe nichts gegen Schwere Spiele, ich habe etwas gegen unfair frustige Spiele. Und mich frustet es einfach sehr, wenn ich nach dem Ableben erstmal ewig Lebensenergie farmen muss, was vorallem im späteren Verlauf ärgerlich ist, da der nächste Tot beim sammeln folgen kann, weil man einfach nix aushält mit nur 30 HP.

Ich liebe Metroid, weswegen ich diese Retrospektive gestartet habe. Aber ich bin auch ehrlich, trotz Fandom. Und in meiner Ehrlichkeit muss ich gestehen, dass der erste Teil sich nicht so gut gehalten hat
Gast
22. August 2017 um 12:56 Uhr
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Metroid
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Nostalgie
Sparte - Wir schwelgen in Erinnerungen. Hach, die guten alten Zeiten... Wer auf alt gemachte Dinge sucht, denkt an Retro.
Retrospektive
Sparte - Wir werfen einen Blick zurück in graue Vorzeit. Oder, wenn es nicht ganz so weit sein soll, in sepiafarbene Vorzeit. Vor kurzem Geschehenes wäre dann rot-übersättigte Vorzeit.
Review
Sparte - Wenn es nicht bei drei auf dem Baum ist, testen wir es.

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Spiele des Artikels

RELEASE
15. Januar 1988
PLATTFORM
Game Boy Advance
Plattform
NES
Plattform
Nintendo 3DS
Plattform
Nintendo Gamecube
Plattform
Wii
Plattform
Wii U
Plattform

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