Broken Age

(Artikel)
Kristin Riedelsberger, 05. Juni 2014

Broken Age

Zurück in Schafers Abenteuerland

Als Tim Schafer nach seiner erfolgreich verlaufenen Kickstarter-Kampagne selig im Geldregen tanzte, da ahnten wir bereits, dass etwas Großes seinen Anfang genommen hatte. Nicht nur, dass die Backer mit 3,3 Millionen Dollar mehr als das Achtfache (!) der eigentlich angestrebten Summe von 400.000 gespendet hatten; das Geld war auch in die Kassen eines echten Adventure-Veteranen geflossen. Als rechte Hand von Ron Gilbert hatte Tim Schafer lange Zeit für LucasArts gearbeitet, an Monkey Island, Day of The Tantacle oder Grim Fandango – und entsprechend hoch schraubten sich die Erwartungen an das neue Werk des Altmeisters. Anfang diesen Jahres, fast zwei Jahre nach Schafers phänomenalem Crowdfunding-Triumph und eine Ewigkeit nach seinem letzten Grafik-Adventure, war es endlich soweit: Der erste Teil von Broken Age stand zum Spielen bereit!

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Schon die ersten Spielminuten, schon der erste Blick auf den Startbildschirm entschädigen für die lange Wartezeit, denn das handgemalte Broken Age ist von einer so außergewöhnlichen Schönheit, dass man sich jeden Screenshot als Gemälde an die Wand hängen könnte. Weitab von billigem 3D oder 08/15-Comic-Manier, erinnert der Stil etwas an alte Scherenschnitt-Trickfilme und verleiht den Charakteren durch ungewöhnliche Proportionen und Formen einen ganz besonderen Charme.

Broken Age erzählt die Geschichten von gleich zwei Protagonisten, und beide Plots sind – typisch Tim Schafer! Hurra! – ganz wundervoll grotesk: Während der jungen Vella die ehrenvolle Aufgabe obliegt, sich in keksbesetzter Festrobe zum Schutz ihres Dorfes dem furchtbaren Ungeheuer Mog Chothra als Opfergabe zu überbringen, fällt dem Teenager Shay nach etwa 15 Jahren auf seinem niemals landenden Raumschiff, zwischen Nutrition-Paste und faden Scheinmissionen mit gehäkelten Spielkameraden, schließlich die Decke auf den Kopf. Und da sowohl Vellas Familie als auch Shays mütterlicher Bordcomputer keinerlei Verständnis für die Situationen ihrer Kinder zeigen, bleibt den beiden nichts anderes übrig, als jeder für sich nach einem Weg aus ihrem fremdbestimmten Schicksal zu suchen. Für Vella heißt das: Mog Chothra töten statt ihn auch noch zu füttern! Für Shay: Kurswechsel! Und dann endlich irgendwo landen!

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Die Bemühungen der beiden führen den Spieler durch fantastische Kulissen, stellen ihn vor sonderbare Aufgaben und lassen ihn eine ganze Reihe der von uns so geliebten verschrobenen Charaktere treffen. Vom sprechenden Löffeln bis zum eierlegenden Guru der Leichtigkeit ist alles dabei; der Humor trifft dabei immer auf den Punkt. In dieser Hinsicht wird Broken Age keinen eingefleischten LucasArts-Fan enttäuschen. Nur die Rätsel, die sind um einiges einfacher. Man könnte sogar boshaft sagen: casual. Wo bei Monkey Island (zumindest meiner Erfahrung nach) hysterisches Frustrationsgeschrei noch an der Tagesordnung war und nach der finalen, zufälligen Lösung eines Problems die schale Gewissheit an einem nagte, dass man durch Nachdenken nie auf diese irgendwie-gar-nicht-aber-doch-irgendwie-schon-zugegebenermaßen-absurd-sinnvolle Lösung gekommen wäre, ist Broken Age schlicht und einfach... freundlich. Und worauf man durch Nachdenken nicht gleich kommt, das ergibt sich schnell durch Ausprobieren, denn auch die Kombinationsmöglichkeiten sind nicht besonders zahlreich. Wer also so ein richtig traditionelles Adventure mit "harten Nüssen" erwartet, der wird mit Sicherheit (und wie ich finde zu Recht!) enttäuscht sein.

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Der Spielspaß gründet sich bei Broken Age nicht so sehr auf das Kombinieren und Rätseln, auf das typisch Adventurehafte. Er speist sich aus der Atmosphäre. Die Geschichten, der Stil, die Musik und die Stimmen (Elijah Wood als Shay!) sind allesamt großartig und sorgen für ein richtig schönes Wohlfühlfeeling, das einen prima einlullen und leicht darüber hinwegsehen lässt, dass es eigentlich nicht so viel zum Nachdenken gibt. Schmerzhaft bewusst wird das einem vor allem dann, wenn das Zockerlebnis viel schneller vorüber ist, als man gucken kann: Nach guten drei Stunden und einem ersten Twist ist vorerst Schluss. Für mich als Rezensentin ist das natürlich ein Problem, denn wer weiß? Vielleicht wird die zweite Hälfte ja doch super knackig und wartet mit einer Spielzeit von 18 Stunden auf? Nah. So, wie ich Broken Age bisher erlebt habe, halte ich das doch eher für unwahrscheinlich.

Deshalb schließe ich diese Rezension mit folgendem Fazit: Broken Age ist ein absolut bezauberndes, ironisches und fantasievolles Adventure "für die ganze Familie". Ob auch die eingefleischtesten Monkey-Island-Fans mit so viel Casual umgehen können, kann ich nicht sagen. Aber ich glaube, dass es jedem, der es spielt, großen Spaß bereiten kann, wenn man denn bereit ist, sich in den Sog der Geschichten zu begeben.

Broken Age (Erster Akt)

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

Kommentare

Ben
06. Juni 2014 um 09:44 Uhr (#1)
Optisch auf jeden Fall eine Augenweide!
Rian
06. Juni 2014 um 21:09 Uhr (#2)
Auditiv ebenfalls eine Augenweide!
Gast
28. Juni 2017 um 00:39 Uhr
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28. Januar 2014
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OUYA
Plattform - Durch Crowdfunding finanzierte Open-Source-Konsole mit Android-Betriebssystem. Ihr Herz schlägt mit einem Tegra 3 T33 Quad-Core und einer NVIDIA ULP GeForce GPU. Sie kommt mit 8GB internem Flash-Speicher und einem Wireless-Controller. Schnittstellen: HDMI, Wi-Fi (802.11 b/g/n), Bluetooth (LE 4.0), Ethernet-Port, USB-2.0-Port. Der Verkauftstart ist für den 25. Juni 2013 geplant.
PC
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