Half Minute Hero: The Second Coming

(Artikel)
Haris Odobašić, 23. April 2014

Half Minute Hero: The Second Coming

Weltuntergang in dreißig Sekunden

Vor einigen Jahren erschien Final Fantasy XIII und ließ mich doch stark an einem meiner Lieblingsgenres zweifeln: Hatten JRPGs wirklich schon ihren Zenit überschritten? Zum Glück entdeckte ich kurz danach auf Xbox Live die Umsetzung vom PSP-Titel Half-Minute Hero - einer Parodie auf das Genre, in der man immer mal wieder nur dreißig Sekunden Zeit hat, um eine Reihe von Bösewichten zu vernichten. Half-Minute Hero war dabei zumindest in Japan erfolgreich genug, um einen Nachfolger zu rechtfertigen, dem aber die Lokalisierung in westlichen Gefilden verwehrt blieb und sogar ziemlich unwahrscheinlich schien, denn die PSP ist ja nun schon einige Jahre tot. Glücklicherweise existierte aber auch eine PC-Umsetzung und nach einer Menge Fan-Druck wurde diese schließlich dieses Jahr übersetzt und auf Steam als Half-Minute Hero: The Second Coming veröffentlicht. Meine Ohren waren gespitzt, der innere Skeptiker aber auch gleich wach geworden: Konnte das doch sehr spezielle Konzept auch noch ein zweites Mal begeistern?

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Half-Minute Hero hat sich im zweiten Teil mehr zu einem vollwertigen RPG hin entwickelt: Im Vorgänger waren die Missionen noch komplett getrennt voneinander, nur zusammengehalten durch den dünnstmöglichen Storyfaden. Dieses Mal gibt es etwas mehr Story -- ohne den Humor dabei auch nur ein Stückchen zu vernachlässigen -- und sogar eine Weltkarte, die man ziemlich frei bereisen kann.
Diese ist aber gespickt mit "Check"-Markern, die den Beginn einer Mission markieren und das Spiel in alte Muster verfallen lässt. Der Bösewicht taucht auf, ihr werdet im Gebiet eingesperrt und die Uhr fängt an zu ticken: dreißig Sekunden bleiben bis zur Katastrophe, meistens in Form der Weltzerstörung.

Doch so unmöglich, wie das 30-Sekunden-Limit klingt, ist es natürlich nicht, steht euch doch die Zeitgöttin höchstpersönlich zur Seite und hilft euch auf vielfältige Art und Weise. In den Missionen levelt ihr beispielsweise dank ihrer Macht radikal schneller, was auch nötig ist, wird das Level eurer Figur nach jedem erfolgreich vernichteten Bösewicht wieder zurückgesetzt. Außerdem hält die nette Dame sehr gerne die Hand auf: Für einen Obolus von 100 Gold setzt sie die Zeit zurück, aus wenigen Millisekunden wird plötzlich wieder die volle halbe Minute. Ganz unter Kontrolle hat sie ihre Gier aber nicht: Jeder weitere Zeitsprung kostet mehr und mehr.

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Es ist dabei noch immer eine große Überraschung, wie viel Abwechslung die Entwickler in diese dreißigsekündigen Missionen gepackt haben: Fast immer führen mehrere Wege zum Boss, zudem warten eine Menge Geheimnisse darauf, entdeckt zu werden. Dies ist dabei gerne auch an Rätsel gekoppelt. So wird euch öfter abverlangt, dass ihr auf die Zeit achten sollt, weil zum Beispiel ein Händler nur zu später Stunde eine wichtige Ware führt.
Ein weiterer Vorteil dieses Designs ist, dass mehrmaliges Spielen sich lohnt: Nur selten entdeckt man beim ersten Durchgang alles und einen optimalen Weg zu finden, bei dem man alles mitnimmt, ist sowieso eine Herausforderung für sich.

Auch in anderen Aspekten scheint durch, wie sich die Formel verändert hat. Kämpfe laufen noch immer vollautomatisch ab -- ihr schaut nur zu, wie eure Helden auf die Gegner stürmen, und hofft, dass sie hart genug zuhauen -- allerdings habt ihr nun eine Party und zudem können eure Helden besondere Fähigkeiten erlernen, wie Elementangriffe und Spezialschläge. Diese sind gleich doppelt nützlich: Sie machen nicht nur mächtig Schaden, sondern halten auch noch die Zeit kurz an, die ansonsten während der Kämpfe einfach weiterläuft.

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Was Half-Minute Hero dabei, neben dem genialen Humor, der alle gängigen Klischees auf die Schippe nimmt, so genial macht, ist der Zeitdruck: es ist ein für das Genre sonst eher fremdes Element, verfehlt aber seine Wirkung nicht. Wenn man es in allerletzte Sekunde ins Dorf schafft, um bei der Zeitgöttin zu beten zahlen, damit man wieder die Uhr zurückdrehen kann, dann entfleucht euch schon mal ein kleiner Jubelschrei. Gleichzeitig kann man HMH auch super in die Mittagspause packen, braucht ein Level selten länger als eine Viertelstunde und ist somit auch ein perfektes Abwechslungsspiel zwischen größeren Titeln.

Das einzige, was so ziemlich gleich geblieben ist, ist die Präsentation: spartanisch und zweckmäßig, aber wie die Faust aufs Auge passend. So erinnert die Grafik bewusst an die 16-bit-Zeit, während sich der Soundtrack sehr viel bei Genre-Größen wie Uematsu bedient.

Das zweite Half-Minute Hero ist in allen Aspekten dem Vorgänger überlegen -- und der war ja schon eine ziemlich gute Parodie auf das JRPG-Genre. Noch eine Spur lustiger, mit mehr Substanz in der Spielmasse und das alles in einer sehr gelungenen PC-Umsetzung, die viel Spiel zu einem fairen Preis bietet. In Kombination also ganz einfach: ein Must-Have für jeden Genre-Liebhaber. Haris

Half-Minute Hero: The Second Coming

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Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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22. September 2017 um 18:50 Uhr
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04. April 2014
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PC
Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.

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