Kuriose Videospielwelt

(Artikel)
Haris Odobašić, 16. April 2014

Kuriose Videospielwelt

Wenn Erfolg mit dem Ende belohnt wird

Es war ein großer Schock gewesen, als vor ein paar Wochen Irrational Games, die Entwickler von Bioshock Infinite, vom einen auf den anderen Tag geschlossen wurde. Natürlich, Studioschließungen sind mittlerweile alltäglich in der Videospielbranche, doch normalerweise sind die Gründe klar nachvollziehbar: Verkaufszahlen unter den Erwartungen, minderwertige Spiele oder schlechtes Wirtschaften sind normalerweise die Wurzel des Bösen und haben dazu geführt, dass reihenweise mittelgroßer Studios die Pforten dicht machen mussten. Zusammen mit den gestiegenen Entwicklungskosten durch die neuen Konsolen existiert eine Situation, in der es quasi nur AAA-Studios gibt oder kleine Indie-Entwickler (mit Respawn Entertainment als großer Ausnahme zurzeit, die aber dafür schier unendlich Finanzmacht im Rücken haben). Und nun hat einer der ersten Großen aufgeben müssen.

Man könnte nun darüber spekulieren, ob das das erste Anzeichen dafür ist, dass das Konzept der AAA-Studios bröckelt. Wenn ein Studio nicht mal mehr durch den Overgame-Award des DPads vor der Schließung gerettet werden kann -- neben sekundären Aspekten wie Metacritic-Wertungen jenseits der 90, unzähligen GOTY-Awards und riesigem kommerziellen Erfolg -- wer ist dann noch sicher in der Videospielebranche? Oder, weiter gesponnen: Wie gesund ist die Videospielbranche als Ganzes?

Denn auch wenn die starken PS4-Verkaufszahlen und die soliden Xbox-One-Verkäufe die Situation nun wieder etwas rosiger erscheinen lassen, hatte die Videospielbranche einige Jahre der Stagnation hinter sich und noch ist nicht abzuschätzen, ob das durch die neuen Konsolen kompensiert werden kann. Im Jahresvergleich sah es in den letzten Monaten etwas besser aus, aber die Hochs von 2007 bis 2010 wurden nicht mal angekratzt. Damals gingen teilweise ein bis zwei Millionen Konsolen pro Monat über die Ladentheken (in den USA), während dieses Jahr nicht einmal unbedingt die Millionenmarke geknackt wird. Was fehlt, ist ein Wachstumsschub, doch wo soll dieser herkommen? Casual Gamer scheinen nun schon fast vollkommen an den Mobile-Bereich verloren, wenn selbst Nintendo sie nicht mit ihrem Versprechen des kinderfreundlichen Spielspaßes für die ganze Familie für sich gewinnen kann.

Es gab mal eine Zeit, da war man mit einem Gameboy der König auf dem Schulhof. Natürlich hatten andere Kinder Handys und spielten darauf Snake, aber verglichen mit einem Zelda, Pokémon oder Mario war das einfach nichts. Heutzutage streiche ich mir den Tag im Kalendar rot an, wenn ich in der Bahn ein Kind sehe, das einen DS in der Hand hat, statt auf dem Handy Angry Birds, Candy Crush Saga und Co. zu zocken.
Was übrig bleibt, ist der gleiche alte Markt von rund 100 bis 200 Millionen Gamern, und wenn der jugendliche Nachschub ausbleiben würde, könnte diese Zahl sogar noch schrumpfen.

Bei solch einer Marktsituation ist klar, dass es schwierig ist zu entscheiden, ob man das Risiko der AAA-Entwicklung überhaupt auf sich nehmen kann. Denn AAA bedeutet mittlerweile, inklusive allen Ausgaben für Marketing und Co., dass man zwei bis dreistellige Millionenbeträge hinlegen muss und, wenn man nicht gerade Teil einer extrem populären Franchise ist, besteht immer die Gefahr, dass das neue Spiel kein Verkaufshit wird. In gewisser Weise werden deswegen die nächsten zwölf Monate besonders prägend sein: Zum Start einer Konsolengeneration, wo das Spielervolk noch eine eher geringe Auswahl hat, ist es noch immer am leichtesten komplett neue Franchises zu etablieren. Wie sich Spiele wie Watch Dogs, Destiny oder The Division schlagen, könnte auch Einfluss auf Studios haben, die mit diesen Spielen gar nichts zu tun haben.

Ein Videospielcrash dürfte uns nicht bevorstehen, doch die Anzeichen sprechen immer mehr dafür, dass dies wohl die letzte, traditionelle Konsolengeneration sein wird. Der Punkt wird kommen, wo man einfach nicht mehr von den potentiellen Spielern erwarten kann, dass sie sich dedizierte Zockhardware ins Haus stellen. Alle unsere Gaming-Bedürfnisse werden dann über den Computer oder direkt im Fernseher integriert befriedigt. Die wirklich spannende Frage, die dort bleibt, ist, wie die traditionellen Konsolenentwickler damit umgehen werden.Haris

Kommentare

Ben
17. April 2014 um 11:38 Uhr (#1)
Ich findes es, ehrlich gesagt, auch bezeichnend für die neue Generation, dass viele (Top-)Titel für die alten Konsolen erscheinen. Thief, Metal Gear Solid V: Ground Zeros - sogar Next-Gen-Beispiele wie Titanfall und Watch_Dogs erscheinen noch für auslaufenden Geräte. Das neue Borderlands lässt Xbox One und PS4 sogar völlig aus. Stattdessen bekommen wir Tomb Raider und The Last of Us für die neuen Konsolen aufgewärmt. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Grenzen zwischen neuer und alter Generation bei einem Konsolenstart schon einmal so derart verschwommen waren.
Haris
17. April 2014 um 13:27 Uhr (#2)
Dem kann ich zustimmen. Damals bei der Xbox 360/PS3 waren es eigentlich nur die jährlichen Sportspiele, die noch ein paar Jährchen auf den alten Konsolen weiterliefen aber alles Neue landete direkt auf der nächsten Generation.
Gast
24. Mai 2017 um 17:38 Uhr
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