Ryse: Son of Rome

(Artikel)
Haris Odobašić, 25. Dezember 2013

Ryse: Son of Rome

Microsofts spätrömische Dekadenz

Selten habe ich so einen schlechteren Einstieg in ein Hack’n’Slay erlebt: das Intro von Ryse: Son of Rome ist abgelaufen, das Szenario vorgestellt. Es ist etabliert, dass der Held ein totaler Badass ist. Die auftauchenden HUD-Elemente machen klar, dass es nun richtig los geht. Es juckt in den Fingern, ein Gegner kommt angestürmt, doch ehe man einen Kopf drücken kann, agiert der Charakter schon von alleine, plättet automatisch ein paar weitere Gegner. Es fällt schwer, sich in solchen Momenten als Spieler nicht ein bisschen verarscht vorzukommen. Ich wollte das machen! Ich wollte das Schwert des römischen Generals Marius schwingen, um einen Barbaren mit chirurgischer Präzision von seinen Gliedmaßen zu trennen. Stattdessen beraubte mich das Spiel dieser ersten Befriedigung. Eine echte Spaßbremse zum Start. Dieser Einstieg ist stellvertretend für so ziemlich den gesamten Rest des Spiels.

Immer wenn etwas Cooles passiert, seid ihr nämlich nur Zuschauer. Das beste Beispiel dafür sind die Exekutionen. Das simple Kampfsystem verfolgt nur das Ziel, euch die Finisher zu ermöglichen. Mit nur zwei Schlag- und einer Paradetaste -- unterschiedliche Waffen, verschiedene Schlagarten oder aufwändige Kombos sucht ihr vergebens -- kloppt ihr auf eure Feinde ein, bis sie mürbe genug für den Todesstoß sind. Und ist dieser erst mal initiiert, könnt ihr den Controller weglegen und zuschauen. Es gibt zwar ein Quick Time Event für jede Exekution, welches aber keinen Einfluss auf euren Erfolg hat, sondern nur Beschäftigungstherapie ist, die euch mit einem kleinen Bonus beschenkt. Die Entwickler dachten wohl, dass diese Sequenzen Belohnungen für den Spieler sein würden, aber ohne aktive Beteiligung entnimmt man einfach keine Genugtuung aus diesen Finishern. Noch schlimmer: in der Anzahl, in der sie auftauchen, ist man schnell übersättigt und wird dauernd aus dem Flow gerissen.

Ryse-Son-Of-Rome-Xbox-One

Damit ihr nicht dauernd den X-Knopf malträtiert, um Barbaren zu zerstückeln, dürft ihr manchmal Wurfspeere schmeißen, Ballisten bedienen, Truppen herumkommandieren oder in der Diamond Formation Schildkrötenformation vor Bogenschützenbeschuss Deckung suchen. Nichts davon ist wirklich schlecht, der Einsatz der Sprachkontrolle, um mitten im Kampfgetümmel Befehle zu erteilen, ist sogar echt gut umgesetzt und funktioniert einwandfrei. Doch gleichzeitig sind das eben nur kleine Momente zur Auflockerung, die aber angesichts des drögen Grundgameplays auch nicht wirklich etwas retten können. Insbesondere wenn man einen der besseren Vertreter des Genres gespielt hat -- wie Ninja Gaiden, DmC oder Bayonetta -- fällt es schwer über dieses große Manko hinwegzusehen.

Das zweitgrößte Highlight im Spiel ist das Pausenmenü, in dem ein echt schöner und epischer Track spielt. Leider hat Microsoft den Soundtrack zu Ryse noch nicht veröffentlicht.
In diesem Kontext ist es kein Wunder, dass eines der Highlights im Spiel nicht im Gameplay an sich zu finden ist, sondern in einer Tutorialnachricht. Nach gut einer Stunde Spielzeit, in der ich entweder durch leere Gassen rannte oder Barbaren verkloppte, hatte ich genug von Marius Lahmarschigkeit. Als dann bei einem Lauf durch eine besonders langweilige Nebenstraße plötzlich das Spiel offenbarte, dass man durch Reindrücken des linken Sticks sprinten kann, habe ich echt ein kleines bisschen gejubelt. Das kam zwar gut dreißig Minuten zu spät, aber besser als nie. Leider passierte im späteren Verlauf des Spiels nichts, was mich dazu brachte, noch mal so viel Enthusiasmus zu zeigen.

Dabei hat Ryse durchaus Potenzial. Das Setting -- antikes Rom ohne viel Fantasy-Einschlag, sprich: keine Monster und Magie -- ist außerhalb von Strategiespielen fast völlig unverbraucht. Leider bleibt die Geschichte weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Nach einem Raubüberfall englischer Barbaren auf Rom wird die Familie von Marius Titus ermordet, was das Rachemotiv für den Protagonisten etabliert und aus dem jungen Mann, der gerade noch fröhlich von seiner Armeeausbildung berichtet, einen verbitterten Soldaten macht, der sich dem Feldzug gegen die britischen Inseln nur zu gerne anschließt und sich im Verlaufe dessen zum General der römischen Armee mustert. Leider verflacht der Plot nach einem guten Start zunehmend, was vor allem daran liegt, dass alle Antagonisten eindimensional bleiben und es deswegen nicht schaffen, dem Spieler emotionale Beteiligung zu entlocken. Wenn man schließlich gegen Ende einen Bösewicht nach dem anderen seiner gerechten Strafe zuführt, muss Ryse euch noch mal daran erinnern, was diese Leute nun getan haben und wieso Marius sie hasst. Doch darüber lässt sich hinwegsehen, es ist ja nicht so, wie als wenn die anderen Genrevertreter hier besser wären.

Ryse-Schildkroetenformation

Und von der Technik her ist Ryse großartig. Denn der Sound wuchtig, geprägt von starker Filmmusik und toller Synchronisation, während das, was Ryse einem hier als In-Game-Grafik bietet, letzte Generation noch als vorgerendertes Video verkauft worden wäre. Nicht nur sind die Charaktermodelle hochdetailliert und die Texturen gestochen scharf, sondern auch die vielen Effekte wissen zu überzeugen. Egal ob der Staub, der sich in Ewigkeiten verschlossenen Katakomben von der Umgebung löst, oder das knisternde Feuer einer Fackel: immer und immer wieder wird Ryse euch das ein oder andere "Wow" aufgrund seiner Grafikpracht entlocken. Zudem bleibt die Framerate stabil, selbst in Situationen, in denen Gegnermassen den Bildschirm fluten.

Sogar der Multiplayer-Modus, der eine Art Ko-op für zwei Spieler darstellt, ist gar nicht mal so schlecht. In einer Arena kämpft man in sich dauernd verändernden Umgebungen, um die Zuschauer zu belustigen und sich immer besseres Loot zu erspielen. Zwar sind nicht alle Mechaniken in diesem Modus gut durchdacht -- Loot gibt es nur über kaufbare Boosterpacks, die gerne auch mal Nieten beinhalten --, aber Spaß hat man trotzdem, weil man eben mit einem Partner auch mal vergisst, wie simpel und anspruchslos das Gameplay ist.

Ryse-Exekution

Ich hätte echt Lust gehabt auf ein tolles Actionspiel im alten Rom, mit der Gewalt und den Intrigen, die die damalige Zeit geprägt haben. Stattdessen haben wir nun eben Ryse. Ich würde das Spiel höchstens zum Grabbeltischpreis von 20 Euro weiterempfehlen, da vier Stunden Kampagne (auf schwer!) eine kleine Frechheit ist und auch der Multiplayer-Modus, trotz seines Potenzials, eher Spaß macht, weil man mit anderen Leuten spielt, als dass er wirklich gut wäre. Nur absolute Genre-Jungfrauen, die nicht den dauernden Vergleich mit den Hack-'n'-Slay-Größen vor ihrem inneren Auge haben, dürften an Ryse viel Freude haben. Und dennoch, trotz all der Kritik: ich hoffe auf ein zweites Ryse. Denn Cryteks Erstversuch auf der Xbox One macht oberflächlich eben doch viel richtig und der Eindruck bleibt bestehen, dass ein nur etwas durchdachteres Gameplay ein viel besseres Spiel als Endresultat gehabt hätte. Haris

Ryse: Son of Rome

(Ranking)
C
RANK
Gut gemeint. C-Spiele haben ihre strahlenden Momente, aber in entscheidenden Situationen wird großes Potential verschenkt. Über keine anderen Spiele kann man sich so sehr ärgern.

Kommentare

Rian
26. Dezember 2013 um 02:11 Uhr (#1)
Und weil Weihnachten ist, noch mal ganz offiziell: Leise ryselt der Schnee!
blackmaniac
26. Dezember 2013 um 14:02 Uhr (#2)
Still und star sitz ich am PC *weitersing*
Gast
19. November 2017 um 04:18 Uhr
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RELEASE
22. November 2013
PLATTFORM
Xbox One
Plattform - Nachfolger der Xbox 360 von Microsoft. Angekündigt am 21. Mai 2013, ist die Heimkonsole am 22. November 2013 in Deutschland und weiten teilen Eruopas erschienen.

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