Spielegewohnheiten...

(Artikel)
Rian Voß, 08. Mai 2017

Spielegewohnheiten...

...und wie sie sich ändern

Für all das Chaos, das in meinem Zimmer augenscheinlich herrscht, ist es doch eigentlich sehr strikt geordnet: Hier ein Regal mit Romanen und Sachbüchern. Dort ein Regal mit Mangas, Comics und Terry Pratchett (der wegen seiner starken Einflüsse auf meine Jugend seinen eigenen Platz verdient hat). Dann die Brettspiele auf dem Schrank und zu guter Letzt die große, gedoppelte IKEA-Billy-Montur, in dem Filme, Serien und alle meine Spiele residieren. Alle? Nun, nicht ganz alle, schließlich bin ich nicht so doof, allen Spielemagazin-Vollversionen seit 1997 ihren eigenen Platz zu geben, sondern diese befinden sich billig gestapelt auf mehrere Plastikboxen verteilt. Nichtsdestotrotz: Ein stattlicher Haufen hat sich schon angesammelt - ein stattlicher Haufen erledigter und zukünftiger Arbeit.

Ich möchte ein wenig über das Sein als Spieletester lamentieren. Nicht zu lang, wir sind schließlich das lustige Spieleblog-das-nicht-so-wirklich-Blog-ist-aber-Blog-ist-ein-ulkiges-Wort, aber lang genug.

Dieser Beitrag wurde erstmals am 15.8.2013 veröffentlicht.

IMG_1823Die moderne Zivilisation ruht auf schwedischen Regalen

Es ist ja erst mal, wie es ist: Man verdingt sich mit dem Spielen von Videospielen. Was kann es Geileres geben? Testmuster fliegen einem nur so ins Haus und die Zahl der Spiele, die sich durch unseren engen Redaktionsbriefschlitz mit den Absendern Sony, Activision, Microsoft, EA, Square-Enix, Daedalic, Deep Silver und noch mehr gequetscht haben, rangiert irgendwo im dreistelligen Bereich. Man kann sagen, was man will, der Vorteil liegt auf der Hand: Ich gebe vielleicht noch einmal in einem halben Jahr Geld für einen AAA-Titel aus.

Nun gibt es also jede Woche ein neues Spiel zu testen. Die Analyse-Engine dort oben im Schädel wird angeschmissen, es wird verglichen, gezockt, Notizen gemacht (mal mit Stift und Papier, mal in einer Textdatei, bei The Last of Us sogar aufwendig als Sprachaufnahme, damit ich bloß nicht "raus" kam), gute Sätze niedergeschrieben, weitergezockt und meistens rollen die Credits über den Bildschirm, bevor man sich ans Werk macht und den nächsten Artikel fabriziert. Es ist eine Routine, die drin ist und auch nicht wieder raus geht. Tatsächlich: Wann auch immer ich zu viele Inhalte vorschreibe und einfach mal Pause machen darf, fehlt mir irgendetwas.

Vom Hobby zur Arbeit war es ein schleichender Prozess. Was mir vor kurzem die Augen geöffnet hat, war Lufia 2: Rise of the Sinistrals. Diesen Klassiker habe ich nämlich aus reinem, unverblümten Bock auf ein JRPG der SNES-Generation begonnen. Ich wollte in rundenbasierten Kämpfen so stumpf wie möglich Gegner knüppeln, in kleinen Cutscenes eine Story genießen und immer mal wieder monoton Erfahrungspunkte grinden.
Ein Artikel ist dann natürlich trotzdem draus geworden, weil pfff, habe ich die Zeit, mehr als ein Spiel die Woche zu zocken? Nein! Aber das ist ja auch nicht schlimm. Aber in der Regel wird das Spiel, sobald ich es um sein Review ermolken habe, in die Verpackung zurückgelegt und in den Schrank geräumt - see you never again.
Nicht so Lufia 2. Trotz des kurzen Absatzes, den ich dem Ancient Cave gewidmet hatte, hatte ich diesen Behemoth der Rogue-like-Modi kaum gespielt. Das machte für den Rückblick nichts, denn das Spielprinzip war in einem Atemzug erklärt: 99 Ebenen nach unten, alle Charakterwerte werden am Anfang zurückgesetzt, alle Ausrüstung wird einem gemopst und wenn man stirbt, muss man von vorne beginnen - abgesehen von Schätzen, die man aus blauen Truhen erbeutet und lebendig aus dem Cave herausschleift.

Etwa fünfzehn Stunden später war ich im Ancient Cave bereits drei Mal gestorben und hatte absolut kein Blautruhenloot erbeutet. Fünfzehn Stunden. Effektiv für nichts. Hat es Spaß gemacht? FICK JA!
Mir ist das Gefühl abhanden gekommen, wie es ist, wenn man ein Spiel komplett beendet. Oder nahe heran kommt. Alles aus einem nicht-linearen Rollenspiel herauszukitzeln, weil man alle Enden und Resultate sehen möchte. Einfach mal mit einem vollkommen anderen Charakter anzufangen oder sich ausdauernd in einem Egoshooter in die Top 10 der europäischen Multiplayer-Rangliste hochzuballern. Es ist schon eine Ironie: Hochgradig lineare Spiele werden mit der Bezeichnung "Schlauch" von Spielemagazinen beleidigt und für eine Spielzeit von unter zehn Stunden kritisiert - aber eigentlich bin ich ganz froh darüber, genau so einen Titel abzubekommen, denn es bedeutet, dass mir kein tiefgründigeres Spielerlebnis entgehen wird, und ich habe mehr Zeit, mich um Spiele zu kümmern, die ich auch wirklich spielen möchte.

Reviews anzufertigen ist ein andauerndes Rennen gegen die Zeit. Nicht nur das, sondern es diktiert auch den Wochen- und Zockplan: The Witcher 2 liegt schon seit Monaten kaum angetastet im Regal? Sorry, aber das Review hatten wir schon. Saints Row 4 kam heute zur Tür rein? Tut mir leid, aber Benjamin schreibt den Artikel und danach wirft das Ding nichts mehr ab. Also bleibt die Entscheidung: Irgendwas Neues unisono spielen oder weniger schlafen und 'ne Doppelschicht mit einem Spiel, das man jetzt und heute auch gerne bearbeiten würde, schieben.

Letzten Endes ist es ja nur Rumgeweine der Marke "Buhuu, wenn man Erwachsen ist, hat man gar nicht mehr genug Zeit!" Ja, ach was. Das ist derselbe Müll wie mit Eiscreme: Man KANN so viel essen, wie man möchte, aber man WEIß, dass es schlecht für einen ist. Das innere Kind mag da noch so sehr protestieren - meistens bleibt es doch bei höchstens einer Kugel am Tag in der Woche.

Aber es ist ja nicht alles schlecht. Ganz im Gegenteil: Ich wüsste gar nicht mehr, was ich ohne das DPad machen würde. Wahrscheinlich täglich eine Stunde ins Nichts starren, darüber nachdenkend, warum da so eine Leere an mir nagt. Und es ist ja auch nicht so, dass wir uns bewusst Müllspiele ins Haus holen - für so ziemlich jeden Titel, den wir bestellen, haben wir immerhin eine gewisse Hoffnung, dass es das nächste S sein könnte. Natürlich ist es auch witzig, über schlechte Spiele zu motzen - aber man muss die Dinger vorher ja auch noch spielen. Und im Gegensatz zu einem Trashfilm, der nach 90 Minuten das Zeitliche segnet, können auch die miesen DVD- und Bluray-Inhalte mehr als genug Stunden fressen. Wir umschiffen das aber, bis auf die eine oder andere Niete, eigentlich ganz gut, meistens macht das Zocken weiterhin seinen Spaß und ich würde es um nichts in der Welt missen wollen.

Nur ab und zu, ja, da ruft mich doch das Ancient Cave und ich muss einer Versuchung widerstehen, der ich nur allzu gerne nachgeben würde. Rian

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24. Mai 2017 um 17:49 Uhr
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