Deadpool

(Artikel)
Benjamin Strobel, 04. Juli 2013

Deadpool

Schießen, Slashen, Peniswitze

Deadpool ist der Söldner mit der großen Klappe - er schaut wackelnden Brüsten hinterher, erzählt Peniswitze und hört Stimmen in seinem Kopf. Bei all der Verrücktheit ist er aber auch der einzige Charakter im Marvel-Universum, der davon weiß, dass er eine Comicfigur ist.

High Moons Deadpool basiert auf der Interpretation von Comicautor Daniel Way.
Entwickler High Moon Studios schnappt sich diese Eigenschaften und baut ein Spiel drum herum. Das erste Level spielt im Appartement von Deadpool. Der Spieler bekommt die Aufgabe, ein Klingeln an der Tür zu beantworten. Aber nur allzu leicht kann er sich von den vielen kleinen Dingen in der Wohnung des roten Schlingels ablenken lassen, während Deadpool jede Bewegung kommentiert. Schon mit dieser ersten Sequenz etabliert High Moon die ungewöhnliche, aber starke Handschrift des Storytellings in diesem Spiel. Dabei greifen sie auf die Eigenarten der Figur zurück, indem sie ihn mit sich selbst und dem Spieler sprechen lassen. Damit tragen sie auch der Comic-Vorlage Rechnung, zumindest was die weniger ernste und sehr abgedrehte Seite von Deadpool angeht. Gleichzeitig nutzen die Entwickler es als Erzählung im Videospielmedium und stellen sich dabei gar nicht so schlecht an.
Wenn man durch Deadpools Appartement geht, eröffnen sich zahlreiche Möglichkeiten. Man kann den Fernseher einschalten oder zum Telefon greifen und mit dem Synchronsprecher des Ninjas, Nolan North, telefonieren. Man kann in der Küche Pizza essen oder frische Pfannkuchen backen. Oder man kann sich an den PC setzen und im Internet surfen. Zur Hölle, man kann Deadpool sogar beim Kacken zusehen! (Spoiler-Alarm: man kann sich hinterher die Hände waschen) Jede Aktion trägt zur weiteren Charakterisierung der Figur bei, ist aber völlig optional. Man kann auch einfach zur Tür gehen und mit dem nächsten Level weiter machen. Was der Spieler erlebt und über Deadpool erfährt, hängt von seiner Neugier ab.

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Wichtige Entscheidungen: ob Deadpool kalte Pizza isst, hängt allein vom Spieler ab.

Bewundernswert finde ich dabei die Kreativität und Absurdität des Spiels. Mit jedem Level gibt es neue Szenen, die man niemals erwartet hätte. Ähnlich wie in Duke Nukem Forever werden häufig Videospielklischees auf die Schippe genommen und Popkultur-Referenzen gemacht. Im Gegensatz zum ewigen Duke funktioniert dieser Ansatz bei Deadpool sehr gut. Nicht alle Witze zünden bei jedem Spieler und viele sind ziemlich schäbig, aber es gibt eigentlich keinen Moment, an dem man nicht gut unterhalten wird. Selbst während des normalen Gameplays gibt es immer neue Sprüche und Geschichten von Deadpool, die wie ein abgedrehtes Hörspiel nebenher laufen, oft aber auch direkt die Handlungen des Spielers kommentieren. Wenn man zu häufig stirbt, ist Deadpool schon mal eingeschnappt und schimpft über die Nulpe am Controller.

Die Story des Spiels verfolgt keinen tieferen Sinn. Es ist eine lustige Reise von A nach B, während Deadpool selbst auch nicht so genau weiß, was eigentlich zu tun ist. Ständig ist er davon abgelenkt, Geld nachzujagen oder irgendwelche Mädels zu finden. Natürlich nimmt das Spiel sich auch an dieser Stelle nicht ernst und lässt Deadpool wichtige Hinweise mit "Bla bla, das ist langweilig" kommentieren. Dann heißt es: egal wohin, Hauptsache weiter!

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Wenn man Deadpool nicht nur zusieht und seinem Gerede lauscht, spielt man hier eine Mischung aus Hack'n'Slay und Shooter. Wie in den Comics ist der Söldner im Ganzkörperanzug ein ebenso hervorragender Schwertkämpfer wie Schütze. In einigen Räumen wird der Spieler mit schießenden Feinden konfrontiert, in anderen mit Nahkämpfern. In jedem Fall lohnt es sich, auf dem Weg zu den Feinden schon die ersten abzuknallen und die übrigen dann auf Armeslänge zu erledigen. Hat man es aber mit vielen Fernkämpfern zu tun, hilft eine sichere Deckung dabei, erlittene Wunden zu heilen, bevor man sich wieder in den Kampf stürzt.

Für den Nahkampf kann der Spieler sich mit Schwertern, Sais oder Hämmern ausrüsten. Ja, Hämmern. Mehrzahl. Deadpool kloppt seine Feinde mit dem Doppelhammer! Für den Fernkampf ist Deadpool mit Pistolen, Shotguns, Maschinengewehren und Laserwaffen ausgestattet (ja, alles doppelt!). Im weiteren Spielverlauf kann man sich für diese Waffen auch Spezialangriffe kaufen, die besonders hart zu Buche schlagen. Nach Bedarf kann die Labertasche dann über den Boden wirbeln, um sich schießen oder einen vernichtenden Hammerschlag einsetzen.
Punkte für die Upgrades verdient man durch hohe Combos und viele Kills. Wenn man besonders fancy ist, kann man sowohl Nahkampfangriffe als auch Fernkampfwaffen in die Combo einbringen und den Combo-Counter in die Höhe treiben. Das Wichtigste ist aber: der Kampf von Deadpool sieht geil aus. Wo die Kamera etwas träge hinterher kommt, machen die Animationen alles wieder wett. Viel Liebe ist auch in die Stealth-Kills geflossen, die mit kleinen Cutscenes den Spieler erheitern. Sind Feinde noch nicht alarmiert, kann man einige von ihnen ungesehen wegpflücken und dadurch Bonuspunkte für die nächste Combo sammeln, bevor sie überhaupt losgeht. Diese Angriffe sind nicht nur schön anzusehen, sondern gleichzeitig auch sehr belohnend.

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Blut ist hier völlig normal. Deadpool ist kein Spiel für Kinder!

Ich habe von anderen Spielern gehört, dass sie den Kampf im späteren Spielverlauf zu schwer und unfair finden. Ich habe Deadpool ohne größere Zwischenfälle auf "normal" durchgespielt und kann das nicht bestätigen. Man wächst mit der Anforderung und steigert seine Fähigkeiten ständig durch neue Upgrades. Ich hatte sogar eher das Gefühl, dass das Spiel gegen Ende leichter wird und im Mittelfeld die größten Hürden hatte. Wenn man gute Combos landet und viele Punkte sammelt, kann man sich einen ordentlichen Kampfvorteil erspielen und stärkeren Feinden besser gegenübertreten.

Der Kampf wiederholt sich zwar nach einer Weile, wird aber durch Plattform-Passagen immer wieder aufgelockert. Hier muss man sein Geschick beim Springen und Klettern unter Beweis stellen und so manches Loch und verseuchtes Gewässer überwinden. In diesen Abschnitten ist aber auch viel Raum für High Moon, um sich auszutoben. Die Settings sind abgedreht und sprühen nur so vor kreativen Ideen und der Überraschungseffekt entpuppt sich hier als größte Stärke des Spiels. Ich war immer wieder verblüfft, was den Entwicklern als nächste eingefallen ist. Leider ist Deadpool mit guten sechs Stunden Spielzeit recht kurz und viel zu schnell vorbei. Ich fand es sehr schade, schon durch zu sein - aber das ist ein gutes Zeichen, oder? Ich habe das Spiel beinahe am Stück durchgespielt und mich an keiner Stelle gelangweilt. Das heißt schon etwas.

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Deadpool sticht weniger hervor als Spiel, sondern mehr mit seinen Humor, verrückten Ideen und Kreativität. Es ist ein großartiges Gesamtwerk, bei dem man Spaß hat, es mit zu erleben. Gleichzeitig ist sein Gameplay belohnend genug, um sein anderen Erfolge nicht zu schmälern. Es ist vielleicht nicht das beste Hack'n'Slay der letzten Jahre, aber es ist mit Sicherheit das unterhaltsamste und kreativste. Ben

Deadpool

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

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23. Oktober 2017 um 17:30 Uhr
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28. Juni 2013
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Plattform - PC-Spiele haben mit die älteste Tradition. Heutzutage laufen die meisten Games unter dem Microsoft Windows.
Playstation 3
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