Fire Emblem: Awakening

(Artikel)
Haris Odobašić, 27. Juni 2013

Fire Emblem: Awakening

Rundenstrategie für Einsteiger und Profis

Wenn es um Videospielnischen geht, ist im Westen wohl kaum etwas exotischer als Strategie-RPGs, die Vertreter des Rollenspielgenres, die euch gerne auf schachbrettartige Felder schicken, in denen ihr Runde um Runde in taktisch meist hoch anspruchsvollen Gefechten eure Figuren zieht. In Japan hingegen ist das Genre vergleichsweise populär, weswegen schon alte Konsolen nicht ohne auskamen: Nintendo hatte die Fire-Emblem-Reihe, für Sega-Fans gab es Shining Force und mittlerweile gibt es dutzende Vertreter für alle wichtigen Konsolen, zurzeit wohl am bekanntesten in Form von Disgaea, ohne jemals im Westen aus der Nische zu brechen. Das Genre ist so klein, dass Nintendo sogar den Entwicklern von Fire Emblem ein Ultimatum stellte im Bezug auf die Verkaufszahlen. Unter diesem Druck ist mit Fire Emblem: Awakening wohl einer der einsteigerfreundlichsten Vertreter des Genres entstanden -- und das ohne für Profis unattraktiv zu werden.

Aber fangen wir beim Anfang an: eure Figur, die frei erstellt werden kann, wacht mit Amnesie auf einer Wiese auf, wo ihr von Chrom, seines Zeichens Prinz des friedliebenden Landes Ylisse, geweckt werdet. Da ihr euch als brillanter Taktiker herausstellt, rekrutiert euch der junge Prinz für seine Armee, wo ihr eurer mysteriösen Vergangenheit auf die Schliche kommt und gleichzeitig helft, Ylisse gegen Bedrohungen aus anderen Ländern zu verteidigen. Das klingt etwas einfallslos und leider wird der Plot, nach einem ganz angenehmen Anfang, ziemlich schnell vorhersehbar. Das macht die Geschichte nicht schlecht, aber gleichzeitig fehlen die ganz großen Überraschungen, um euch wirklich mitzureißen. Schade ist auch, dass manche der billigsten Tricks in der Videospielkiste ausgepackt werden. An einem sehr wichtigen Punkt in der Geschichte darf man zum Beispiel selbst über das Schicksal einer Figur entscheiden, nur um festzustellen, dass die eigene Entscheidung komplett irrelevant ist.

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Zum Glück gibt sich aber Fire Emblem auf dem Schlachtfeld keine Blöße. Ihr zieht eure Figuren über die Karte, die in viele viereckige Felder aufgeteilt ist, um Zug um Zug eine feindliche Armee zu bezwingen. Das klingt nur auf den ersten Blick vergleichsweise simpel, da beispielsweise Terrain einen großen Einfluss auf die Kampfkraft eurer Figuren haben kann und ihr individuelle Fähigkeiten eurer Charaktere ausbalancieren müsst. Mit Klassen wie Magiern, Rittern, Bogenschützen, Dieben oder Barbaren ist klar, dass eine Menge taktisches Potenzial vorhanden ist, welches ihr ausschöpfen sollt. Ein großer Unterschied zwischen Anfängern und Erfahrenen lässt sich aber auch gleich hier festmachen. Denn Erstere können ein sonst Fire-Emblem-typisches Feature ausschalten: den permanenten Tod jedes auf dem Schlachtfeld gefallenen Charakters. Alle anderen ignorieren diese "Casual Mode" getaufte Möglichkeit am besten, um sich ihr Spielerlebnis nicht zu verwässern.
Denn ein anderes Eingeständis, welches an Anfänger gemacht wurde, ist, dass der Schwierigkeitsgrad sehr niedrig ist. Normal ist zwar die tiefste Stufe, hätte aber eher den Titel leicht verdient. Selbst ohne den ein oder anderen Trick zu nutzen, um zu leveln, sind quasi nach den ersten paar Spielstunden alle eigenen Figuren dezent übermächtig und der Großteil des Spiels kinderleicht.

Wer aber diesen Fallen ausweicht, kann sich auf eine große Herausforderung freuen. Zudem ist gerade das Klassensystem sehr tiefgründig, habt ihr doch die Möglichkeit, eure Figuren unterschiedlich zu entwickeln, da jede Figur am Anfang eine Basisklasse hat, die in den meisten Fällen jeweils zwei weiterführende Klassen besitzt. Für die Perfektionisten gibt es sogar die Möglichkeit, die eigene Figur wieder in die Basisklasse auf Level 1 zurückzuversetzen, wobei gleichzeitig die Boni auf die Werte der Figur größtenteils beibehalten bleiben. Auf diese Art und Weise kann man seine Kämpfer wirklich ausgiebig trainieren. Gerade, wenn man einen Charakter hat, in den man viel Zeit gesteckt hat, bangt man umso mehr in jedem Duell um dessen Leben, da er einem Stück für Stücks ans Herz wächst.
Die Auswahl an Figuren ist dabei wirklich groß, gibt es immerhin mehrere Dutzend Charakteren, die allesamt eigene Persönlichkeiten, Namen und Stimmen haben, also keine Generika sind wie man sie beispielsweise aus Disgaea oder Final Fantasy Tactics kennt. Zudem gibt es noch versteckte Kämpfer oder welche, die man nur durch spezielle Leistungen freischalten kann.

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Dies ist umso beeindruckender, wenn man bedenkt, dass fast jeder Charakter mit jedem anderem Charakter im Rahmen des Support-Systems interagieren kann. Wenn Charaktere im Kampf auf benachbarten Feldern stehen, unterstützen sie sich gegenseitig mit Boni im Kampf, während sie sich auch außerhalb des Spiels in Dialogen besser kennenlernen. Dieses System funktioniert in Stufen, die höhere Boni mit sich bringen, bis hin zu dem Punkt, dass, wenn männliche und weibliche Figuren untereinander die maximale Stufe erreichen, sie sogar heiraten können, was später Kinder zur Folge hat. Das Support-System ist so nicht nur eine wichtige taktische Komponente, sondern hilft auch, eine tiefere Bindung zu den einzelnen Figuren aufzubauen.

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Leider sind aber abgesehen von den wirklich plotrelevanten Figuren alle Charaktere ziemlich singulär, haben sie doch alle genau einen Persönlichkeitszug, der dann aber extrem überspitzt wird. Der Dicke in der Rüstung, der so massig ist, dass ihn einfach nie jemand wahrnimmt. Ein Meisterdieb, der einfach nicht nein zu Süßigkeiten sagen kann. Ein pflichtbewusster Ritter, der seinen Job so ernst nimmt, dass man ihm erst beibringen muss, was entspannen bedeutet. Dies macht die Interaktionen zwischen den Figuren, die sonst eigentlich gut geschrieben sind, leider merklich schlechter, weil diese teilweise schon nicht besonders lustigen Persönlichkeitsprämissen bis zum Gehtnichtmehr ausgelutscht werden.

Was aber vollkommen überzeugen kann, ist der Umfang. Die Hauptstory fesselt für gut 20 bis 30 Stunden, aber Bonuskämpfe, kostenlose und kostende DLCs bieten auch nach dem Durchspielen genug Motivation. Zudem kann man Teams bestehend aus Figuren der alten Fire-Emblem-Teile herausfordern beziehungsweise sogar die Charaktere rekrutieren und nicht zuletzt kann man sich mit den Armeen anderer Spieler messen, die man per Streetpass einsammelt. Ein lokaler Multiplayer ist auch dabei, in dem man kooperativ gegen den Computer antritt.

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Wer noch nie ein SRPG gespielt hat, sollte sich an Fire Emblem: Awakening probieren. Es fällt schwer, das Spiel wegzulegen und immer wieder redet man sich ein, dass man nur noch schnell eine weitere Schlacht führen will. Veteranen des Genres könnten aber, insbesondere wenn sie die falschen Einstellungen am Anfang wählen, etwas enttäuscht sein, auch weil Fire Emblem in seinem Spielsystem nicht unbedingt ganz die Komplexität anderer Genrevertreter erreicht und gute Ansätze durch ein paar kleine Macken vermurkst. Haris

Fire Emblem: Awakening

(Ranking)
A
RANK
Reife Leistung. A-Spiele machen alles richtig oder sind nah dran. Kleine Schwächen werden durch Stärken mehr als wett gemacht. Das ist Spieldesign auf hohem Niveau.

Kommentare

Rian
28. Juni 2013 um 18:25 Uhr (#1)
Soweit ich gehört habe, wäre Chrom auch ein annehmbarer Ersatz für andere FE-Charaktere in Smash Bros. 4. Da seit Melee immer ein FE-Char dabei war, ist das wohl auch recht wahrscheinlich.
Gast
16. Dezember 2017 um 00:38 Uhr
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RELEASE
19. April 2013
PLATTFORM
Nintendo 3DS
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