Der Netzwerkladen

(Artikel)
Haris Odobašić, 13. Juli 2017

Der Netzwerkladen

Ein ausgestorbenes Stück Zockkultur

Schwer vorzustellen, dass es kaum mehr als eine Dekade her ist, als Internet nicht etwas Alltägliches war. Um die Jahrtausendwende herum wurde noch das Surfen per Minute abgerechnet und wer bereit war, den doppelten Preis zu zahlen, konnte seine ISDN-Leitung auf zwei Kanälen gleichzeitig befeuern, um mit rasanten 128 Kbits pro Sekunde das YouTube-, Facebook- und Twitter-lose WWW zu erkunden. Es war ein Zeitalter, in dem an jeder Ecke ein Internetcafé zu sein schien - und manche davon sogar weit mehr als das. Denn unter der Tarnung gewöhnlicher Online-Flirtschuppen erwartete die Mutigen, die solche Einrichtungen betraten, vor allem eines: lautes Geschrei, heitere Stimmung und Spaß ohne Ende. Willkommen in der Welt der Netzwerkläden, dem Paradies für Nerds, die nicht nur im Internet surfen, sondern auch gleich allen, die ebenfalls Zugriff hatten, beweisen wollten, wer der Boss ist im videospielerischen Wettstreit.

Dieser Beitrag wurde erstmals am 4.4.2013 veröffentlicht.

Unser Header vom Flickr-User Scoobyfoo zeigt die Szenarie in einem chinesischen Internetcafé um 2004 herum.
Auch ich machte meine zaghafte Anfängen in dieser Arena. Denn bevor ich zu Hause einen richtigen Internetanschluss hatte, um Phantasy Star Online so zu suchten, das die Telefonrechnung weit jenseits der 200 Mark trieb, sammelte ich meine ersten Online-Erfahrungen in einem dieser Internetcafés mit Spieleabteilung – Netzwerkladen hießen sie in meiner Gegend. Mit Strategie fing es an: erst Age of Empires II, dann Starcraft – beides Spiele, bei denen ich dem DPad alle Ehre machte und sehr hart versagte. Dann der Griff zu einigen der gängigen Shootern, primär Counter-Strike, damals noch in Beta 6.0, ehe ich schnell zum damaligen PC-Spiel Nummer 1 rübersattelte: Diablo II. Das konnte man zwar bei uns im örtlichen Saturn auch kostenlos spielen, aber online, mit echten Menschen (und echten Cheatern!) war das natürlich um einiges spannender. Einige Monate lang durften meine Konsolen vereinsamen, weil ich wirklich jede freie Mark, egal ob Taschengeld oder vom netten Opa zugesteckt, in halbe oder ganze Stunden Spielzeit investierte. Im Nachhinein ein echtes Wunder, dass niemand meinen Spielstand mal zwischendrin löschte! So kam ich in wochenlanger Teilzeit-Arbeit bis in den dritten Akt, ehe der Hype abflaute.

Doch solche Geschäfte gab es nicht nur für PC-Zocker. Bei einem Heimaturlaub in Bosnien entdeckte ich quasi das Pendant für Konsolen: halb Videothek, halb Arcade, warteten in einem speziellen Raum dutzende Fernseher mit allen aktuellen Konsolen und für einen geringen Obolus durfte man sich ein Spiel ausleihen, um es gleich dort zu spielen. Als ich zum ersten Mal durch ein Heft blätterte, das alle ausleihbaren Spiele enthielt, fühlte ich mich ein bisschen wie in einem Traum. Mehr als 1000 Spiele, viele davon mir komplett unbekannt, und sie waren alle nur einen kurzen Handgriff entfernt. Während dieses Urlaubs spielte ich unheimlich viele Videospielperlen an, die mir sonst wohl nie unter die Augen gekommen wären, und fand sogar neue Freunde, die ich, als ich ein Jahr später wiederkam, wieder am selben Ort antraf. Und sie erinnerten sich sogar an mich. Zocken schweißt eben zusammen!

Ein bisschen schade ist es um solche Läden schon. Denn natürlich haben sie in der heutigen Zeit keine wirkliche Existenzgrundlage mehr, weil der Markt mittlerweile nicht mehr dafür vorhanden ist dank gesunkener Internetpreise und gleichzeitiger Weitverbreitung von Computern und Internetanschlüssen. Doch damals war es wirklich was Besonderes. Nicht nur durch die Möglichkeit, aktuelle PC-Spiele ohne grafische Einschränkungen online zu spielen - und das sogar ziemlich lagfrei dank Standleitung -, sondern insbesondere durch die soziale Komponente. Denn die Atmosphäre und das Klientel dieser Läden war am ehesten zu vergleichen mit dem einer LAN, nur dass diese LAN täglich stattfand und man sich das Aufräumen sparen konnte. Und, anders als im manchmal grausamen Schulalltag, war hier egal, wer du warst und was für Musik du hörtest. Und selbst, dass du ein 12-jähriger Schuljunge warst, spielte keine Rolle, denn wenn du am Ende der Runde ganz oben standest, wurde dir der Respekt aller zuteil. Evil

Kommentare

Undead
05. April 2013 um 01:01 Uhr (#1)
Meine Kindheit... :')
Rian
05. April 2013 um 13:37 Uhr (#2)
Hohoho, während Counter-Strike 1.3 und 1.6 war ich im hiesigen Internetcafé noch als Arctic Fox bekannt! Schon damals war der Schießerrian unterwegs.
Gast
17. November 2017 um 20:26 Uhr
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