FIFA 12

(Artikel)
Haris Odobašić, 13. November 2011

FIFA 12

Schöne Fouls, schwere Grätschen

Es ist ein Dilemma, das so ziemlich alle Sportspiele betrifft: egal wie gut man Gesichter und Körper hinkriegt, egal wie gelungen die individuellen Bewegungen aussehen, spätestens wenn zwei Charaktere im Spiel aufeinandertreffen, ist der Traum von der Realitätsnähe vorbei. Da in so Fällen meist aus einer Palette von vorgefertigten Animationen für beide Protagonisten gewählt wurde ,konnte man sich sicher sein, dass entweder die Bewegungsabläufe kurz nicht stimmen oder die Animationen an sich nicht ganz zum Geschehen passen. Eine Lösung dafür wäre ein großer Schritt, wenn es darum geht die virtuellen Sportskameraden noch lebensechter wirken zu lassen ... und EA hat eben solch eine Lösung in FIFA 12 entwickelt.

In FIFA 12 werdet ihr lange warten müssen, bis ihr eine Kollision doppelt seht, denn ein System, nicht unähnlich der aus GTA IV bekannten Euphoria-Engine, berechnet in Echtzeit und unter Einflussnahme verschiedener Faktoren wie Geschwindigkeit und Aufprallwinkel, wie beispielsweise das Endresultat einer Grätsche aussehen soll. Das heißt einerseits, dass, wenn ihr es schafft einen Spieler mit beiden Beinen voraus umzuhauen, er wohl auch ein gutes Stück fliegen wird, ehe er auf dem Boden der Tatsachen landet. Andererseits werdet ihr aber auch keine unglücklichen Übergänge zwischen zwei Animationen beobachten, da die Transitionen ebenfalls vollkommen flüssig sind.


Das einzige Problem mit dem neuen Animations-System: ihr werdet es selten in Aktion sehen. Das liegt an der zweiten, großen Änderung dieses Jahr, die auf den Namen Tactical Defending hört. Ähnlich wie man es schon seit dem letzten Jahr aus Pro Evolution Soccer kennt, hat man die Möglichkeit nicht nur den Gegner per über den Rasen gleitender Attacke oder fairem Tackling direkt um den Ballbesitz zu bringen, sondern kann ihm auch mit etwas Abstand folgen, um ihn beispielsweise abzudrängen oder seine Schussmöglichkeiten etwas einzuschränken ohne ein allzu großes Risiko eingehen zu müssen. Hand in Hand mit dieser Neuerung geht, dass man durch ein präziseres Dribbling-System mehr Kontrolle über den Ball hat und es daher einfacher möglich ist, Grätschen auszuweichen. In der Abwehr gilt es deswegen, den Acker mal nicht umzupflügen, sondern geschickt den richtigen Moment für einen Grätschversuch abzuwarten. Neben dem Platzwart wird es euch vor allem euer Torhüter danken, der zu weniger Glanzparaden gezwungen sein wird.

Das Endresultat ist, dass auf dem ersten Blick FIFA so realistisch wie kein zweites Mannschaftssportspiel aussieht. Es ist eine wahre Pracht sich von der Impact-Engine getitelten Kollisionsberechnungsmaschine verwöhnen zu lassen und auch wenn es natürlich keine direkten Auswirkungen auf das Gameplay hat, sondern nur die Optik bedient, spürt man schon eine gewisse Befriedigung, wenn man den Starstürmer des Gegners ordentlich auf die Matte schickt und der dann wegen einer Verletzung nicht mehr weitermachen kann.


Doch leider verliert FIFA ausgerechnet bei den Details viele Punkte. Alleine schon die Menüführung ist eine absolute Qual. Wenn ihr zum Beispiel mal eben im Spiel eine Auswechslung über das Pausenmenü tätigen wollt, dann kann das locker mal eine halbe Minute oder länger dauern, weil das Spiel ewig lädt. Manche Zwischensequenzen in Spielen, beispielsweise der Jubel des Computers nach einem Tor oder der Einmarsch der Spieler, lassen sich gar nicht oder erst nach einiger Zeit wegdrücken. Und dafür, dass FIFA 12 eine Fußballsimulation sein will, trägt es einige grobe Schnitzer, die dem Realismus Schaden, schon seit Jahren mit sich. Ich kann nur jedes Mal den Kopf schütteln, wenn beim Abstoß alle Spieler, die eigenen als auch die der CPU, in der eigenen Spielhälfte stehen und der gegnerische Stürmer sogar direkt am Strafraumrand lauert. So was sieht man im realen Fußball einfach nie. Und dafür, dass EA ein sehr umfangreiches Lizenzpaket führt, ist es schon leicht enttäuschend, wie Trikots oder Stadien teilweise nicht sonderlich akkurat im Spiel abgebildet werden.

Wofür EA allerdings Lob verdient hat, ist die schier unendliche Menge an Einstellungen. Wie kaum ein Spiel kann man Fifa 12 genau auf seine Spielbedürfnisse einstellen. Neben der Möglichkeit eine Vielzahl von Spielhilfen, wie beispielsweise eine Zielunterstützung für Pässe, Schüsse und Flanken, ab- und zuzuschalten, sticht besonders ins Auge, dass man einige der Spielvariablen selbst modifizieren kann. So hat man die Möglichkeit, die Fehlpassquote für die CPU festzulegen oder einzustellen, mit welchem Faktor eure Spieler beschleunigen.
Gleichzeitig wirken einige der Optionen ungewöhnlich, wenn nicht sogar deplatziert. So stellt man in einem zentralen Menü ein, wie Tief die eigene Abwehr stehen soll -- und diese Option wird dann für alle Teams übernommen. Eigentlich würde man erwarten, dass man so was für jedes Team in den Taktiken separat einstellen kann, alleine schon weil es sehr irritierend ist, wenn man eine hohe Abwehrlinie mit einem konterstarken Team spielt und dann plötzlich zu einer Mannschaft mit langsameren Abwehrspielern wechselt und ein Tor nach dem anderen kassiert, weil die hohe Abwehrlinie locker mit hohen Pässen überwunden wird.

Doch am Spielumfang kann man dieses Jahr überhaupt nicht meckern. Der Ultimate-Team-Modus, der sonst Jahr für Jahr nachgeliefert wird und teilweise auch mal kostenpflichtig war, ist dieses Mal von Anfang an dabei. Der Managermodus wurde überarbeitet, dieses Jahr auch wieder mit der Option eine ordentliche Jugendabteilung aufzubauen, und fesselt nun länger als noch im letzten Jahr. Und online kann man nicht nur besser einstellen, gegen was für Gegner man spielt -- wer gerne mit schwächeren Teams antritt wird also nicht mehr ständig gegen Manchester City oder Real Madrid antreten müssen, sondern gegen gleichstarke Opposition -- sondern mit dem Head-to-Head-Season-Modus endlich eine Spielvariante, die auf Langzeitmotivation ausgelegt ist. Wie der Name schon andeutet, spielt man in diesem Modus eine Saison nach der anderen in direkter Konkurrenz mit menschlichen Spielern. Mit allem was dazu gehört, wie einem Ligensystem, in dem man auf- bzw. absteigen kann.


Etwas schade ist die Unausbalanciertheit des Schwierigkeitsgrades. Auf der zweitschwersten Einstellung hat man eine gute Herausforderung, dürfte aber meistens siegreich vom Feld gehen. Schaltet man aber auf die höchste Stufe, so erwartet euch die Hölle auf Erden. Eure Gegenspieler kriegen dann nämlich hellseherische Fähigkeiten und schaffen es deswegen, jeder eurer Grätschen irgendwie gerade noch so zu entkommen. Zudem wird selbst ein schlacksiges Langbein wie Peter Crouch, der ungefähr das körperliche Durchsetzungsvermögen eines vierjährigen Mädchens hat, zu einem kleinen oder eher großen Messi, der sich durch Abwehren schlängelt und kaum vom Ball zu trennen ist. Auf dem härtesten Schwierigkeitsgrad verliert Fifa einfach alle Ansprüche, realistisch zu sein.

Am Ende bin ich zweigeteilter Meinung über FIFA 12. Im Mehrspielermodus ist EAs Simulation großartig. Packende Duelle am laufenden Band und gerade durch das Tactical Defending gewinnt das Spiel eine neue Dimension. Und hat man das neue Pro Evolution Soccer nicht gespielt, könnte man tatsächlich denken, dass Fifa 12 das beste Fußballspiel aller Zeiten geworden ist. Doch gerade im direkten Vergleich fällt einem auf, dass Fifa nicht ganz bei der Spieltiefe mithalten kann. Das liegt einerseits an der KI, die bei PES 2012 aktiver agiert und das Spielgeschehen ungleich lebensechter gestaltet. Und andererseits merkt man erst, nachdem man PES gespielt hat, wie schmerzlich man die Kontrolle vermisst, die einem Konamis Produkt liefert. Schon oft ertappte ich mich beim Fifa-spielen wie ich versuchte, per rechtem Stick einen meiner Spieler in PES-Manier zu einem Vorwärtslauf zu animieren.

Während also Fifa optisch einen großen Schritt gewagt hat, sind die Veränderungen unter der Haube bei Pro Evo um einiges signifikanter. Es würde mich nicht überraschen, wenn FIFA 13 auch die Möglichkeit bieten wird, Mitspieler per Tastendruck zu schicken. Evil

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21. Oktober 2017 um 19:44 Uhr
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