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Haris Odobašić, 14. Juni 2008

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Ein Rückschritt im Rückblick

Innovationen sind wichtig, denn sie treiben die Videospielbranche voran. Wer würde denn heutzutage noch gerne freiwillig einen Shooter auf dem Gameplayniveau eines Doom spielen? Mit Gegnern, deren einzige Tätigkeit besteht, direkt auf den Spieler zuzurennen und Kanonenfutter zu spielen? Mal ausgenommen Serious Sam. Sam ist cool. Dennoch passiert es manchmal, dass ein Hersteller, der zwanzig Jahre lang dieselbe Formel benutzte, auf die Idee kommt, man müsste mal alles über den Haufen werfen. Und leider geht sowas meist schief - sah man, was mich persönlich sehr traf, es etwa bei Sonic Heroes komplett in die Hose gehen, ist ein aktueller Vertreter aus der Sparte "Zuviel Neues" Final Fantasy XII.

Ja, alle Charaktere in FFXII sehen so homoerotisch aus. Selbst Frauen! 'n bisschen optische Abwechslung neben den ganzen Klonen wäre schon nett gewesen.
Mit dem ersten Titel, den Square-Enix nach dem Abgang von Hironobu Sakaguchi entwarf, ist Squenix einen Schritt von so ziemlich allem weggegangen, was die bisherigen elf richtigen Final Fantasy-Spiele gekennzeichnet hatte. Es gibt zwar auch keine nervigen Zufallskämpfe mehr, aber eigentlich ist das auch das Einzige, was Final Fantasy XII besser macht als die Vorgänger. Ansonsten finden sich Rückschritte, wo man auch hintritt. Heh. Hintritt.
Waren frühere FF-Titel von einer abwechslungsreichen Gruppe von Charakteren geprägt (jetzt abgesehen von dem stillen Hauptprotagonisten, der ein paar Mal zu oft durch die Recycling-Anlage geschmissen wurde), die alle eine interessante Hintergrundgeschichte hatten (oder zumindest cool aussahen), fehlt all dies bei FFXII. Man hat eine Rebellenprinzessin, zwei streunende Straßenkinder, zwei Luftpiraten und so 'nen abgemagerten Typen aus dem Gefängnis für die Party und all diese Charaktere entwickeln sich im Verlauf des Spiels garnicht weiter. Ist leider auch gameplaymäßig so, denn gegen Ende des Spiels entsteht ein merkwürdiger Effekt des überbalancierten Unbalancings. Dank des Lizenzbretts kann man nämlich jeden Charakter ALLES beibringen. So ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Party am Ende aus sechs Leuten besteht, die sowohl alle Waffen benutzen können, als auch jeden Zauber sprechen.

Und allgemein bleibt die Story auch ziemlich auf der Strecke. Während es bisher ein Markenzeichen war, dass die Story emotional-mitreissend ist und mit vielen Wendungen daherkommt (oder zumindest cool aussah), präsentiert sich Final Fantasy XII auch auf dieser Ebene sehr langweilig. Jeder einzelne Höhepunkt ist vollkommen vorhersehbar und bis kurz vor Ende, wo das Spiel plötzlich zu Star Wars mutiert -- inklusive einem Typen in Darth Vader-ähnlicher Montur, der stilecht ein "Ich bin dein Bruder" zu einem der Charaktere in der Party röchelt --, plätschert die Story nur so vor sich hin. Hätte man bloß die gute, alte Formel beibehalten.

Die anderen zwanzig Räume dieses Dungeons sehen übrigens genau so aus. Zumindest sind die nicht homoerotisch.
Oh, und das Kampfsystem hat man auch verkorkst, denn dank der eigentlich tollen Fähigkeit, das Verhalten seiner Charaktere mit Gambits zu "programmieren", guckt man bei so ziemlich jedem Kampf zu. Wo also vorher einen ein Zufallskampf alle 30 Sekunden aus der Idylle riss, kann man sich nun all die Dungeons in ihrer ganzen, abwechslungsreichen Pracht in Ruhe anschauen -- denn bis auf's fidele Herumgelaufe kommt man nicht viel zum Spielen. Sehr... therapeutisch. Ideal für Leute, die sich in MMORPGs gerne Bots für's Goldfarming proggen. Die arbeiten ja auch nicht gerne selbst.

Also ist Final Fantasy XII insgesamt ein riesiger Rückschritt. Man merkt einfach, dass ein Sakaguchi für SquareEnix eben doch unersetzlich ist. Zwar war Blue Dragon (Toriyama sollte nebenbei nur noch für Dragon Quest zeichnen. Die Leute sehen doch alle gleich aus. Ist doch wahr.) schon ein ziemlicher Schuss in den Ofen, aber dafür ist Lost Odyssey um Meilen besser als das, was die japanische Spieleschmiede da verbrochen hat, und stellt eigentlich das wahre Final Fantasy XII dar. Wenn ich für ein Final Fantasy ausgebe, dann erwarte ich auch ein Final Fantasy. Wenn ich was anderes wollte, dann würde ich ein anderes Spiel von Squenix kaufen. Also, vergesst FFXII, spielt Lost Odyssey. Ihr werdet es nicht bereuen! Auch wenn ihr alle zehn Stunden die Discs wechseln müsst. Na, wie in der guten, alten Zeit halt auch. Evil

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24. Mai 2017 um 17:43 Uhr
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