Dungeon Siege 3

(Artikel)
Rian Voß, 30. Juni 2011

Dungeon Siege 3

Schlagen, zaubern, Beute machen

Es ist ja tatsächlich schon ein paar Jahre her, seit Dungeon Siege einen neuen Teil gesehen hat. Jetzt haben sich Obsidian Entertainment und Square-Enix der Marke angenommen, um die Serie wieder ein bisschen in Schwung zu bringen und neu zu erfinden - und während Dungeon Siege 3 als reinrassiges Hack 'n' Slay auf vielen grundsoliden Beinen steht, fehlt doch ein wenig die nötige Würze zum Herausragenden.


Wir schreiben das Jahr 150 n.DS2 (nach Dungeon Siege 2) und es ist was faul im Staate Dänemark. Oder besser im Lande Ehb, denn die Usurpatorin Jeyne Kassynder hat die Bevölkerung gegen den Adel und die Beschützer von Ehb, die Legion, aufgehetzt, so ziemlich vernichtend geschlagen und ist nun mit ihrer Armee an treuen Folgenden und indifferenten Mitläufern auf Kreuzzug gegen die kümmerlichen Reste der Legion, die sich in einer entlegenen Zuflucht zusammenrotteten, um einen Gegenschlag zu planen.
Nein, man spielt natürlich nicht Jeyne. Schade, denn eigentlich klingt die Frau für mich im Laufe des Spiels immer sympathischer und relativ gerechtfertigt in ihrer Sache - aber das ist wahrscheinlich der Witz der Story. Zumal sieht das verschwommene Intro-Bild von ihr ganz sexy aus. Dafür spielt man aber einen Helden aus einem Team von vier Überlebenden des Überfalls auf die Zuflucht, die allesamt irgendwas mit der Legion zu tun haben und von Odo, einem der Ältesten der Legion, den Auftrag bekommen, Verbündete und strategisch wertvolle Ressourcen zu sammeln (wie etwa das massive Legionshaus in der Metropole Stonebridge), um schlussendlich Jeyne Kassynder von ihrem gestohlenen Thron zu vertreiben.

Ich mag Ehb und die Charaktere in ihr. Ich habe es von einem Monster-Slasher zwar nicht erwartet, aber was soll ich mich beschweren? Die NPCs, die man antrifft, werden (auf Englisch) alle gut gesprochen, haben immer irgendwie ihre eigene Story mitklingen und man ahnt häufig, dass hinter den Gesichtern, mit denen man redet, doch ein bisschen mehr Tiefe steckt als eine Existenz als "Plot-NPC 2 in Dorf 3". Häufig geht das Ablaufen von Dialogbäumen in leichte Hintergrundgeschichten über, die in einem impliziten "...aber das ist eine andere Geschichte für ein andernmal" enden.
Aber nicht nur die Charaktere sind nicht vom Fließband, im Laufe der Geschichte besucht man Sümpfe, Ruinen, große Städte, kleine Städte, Wälder und noch viel mehr, es gibt eigentlich immer etwas zu sehen und überall findet man lokale Eigenheiten wie die höflichen, aber brutal ehrlichen Automatons, die interessanten Dimensionsportale namens Causeways und einen ganzen Haufen Dokumente, die alles Mögliche zur Welt beschreiben - Codex lässt grüßen.
Die Story, wenn auch sehr linear, ist auch nicht von Doofen großgezogen worden. Ein Beispiel dafür ist allein schon die Erzbösewichtin, die jederzeit in aller Munde ist, so dass man stets das Gefühl hat, Jeyne müsste um die nächste Ecke mit einer ganzen Armee lauern, faktisch kriegt man die Schurkin aber erst am Ende des Spiels zu sehen, wie sich das für einen guten Endboss auch gehört.


Das Gameplay lässt sich auf alte Konsolenschule zurückführen: wähle einen von vier Charakteren mit eigenen Eigenschaften aus, klopp' dich mit Freunden oder CPU in eine Mannschaft zusammen und dann laufe umher, sammle Gegenstände ein und jage Erfahrungspunkte. Vom Prinzip also nicht viel mehr als ein Gauntlet, aber schöner inszeniert und definitiv mit mehr Finesse.
Zu Anfang wird man noch sehr viel buttonmashen. Ausweichen? Pf. Blocken? Pf. Heilen? Pf, pf! Jeder Charakter kann zwischen zwei verschiedenen Stances wechseln, Ritter Lucas etwa zwischen Einhand- und Zweihandschwert, Feuerelementar Anjani zwischen menschlicher Form mit Speer und Feuerform, die Flammenbälle verschießt - wobei jeder Stance natürlich seine eigenen Vor- und Nachteile hat. Dazu noch liegen auf den oberen drei Facebuttons (bei den Konsolenversionen) Spezialfähigkeiten, die man sich immer mal wieder bei Level-Up-Vorgängen kaufen kann, zuzüglich drei Fähigkeiten, die man während des Blockens aktivieren kann, macht insgesamt neun Spezialfähigkeiten pro Charakter. Jede dieser Fähigkeiten lässt sich mit der Zeit auf zwei verschiedene Arten fünf mal verstärken und außerdem gibt es noch pro Stufenaufstieg einen permanenten Bonus zu erhaschen. Gar nicht so übel!
Mit dieser Kombination an Freiheit beim Aufwerten von der begrenzten Anzahl von Fähigkeiten und sehr eingängiger und schöner Steuerung lässt sich schon auf dem Schlachtfeld eine ganze Menge bewerkstelligen, allerdings liegt die Strategie doch eher im Menü, wo man die Punkte verteilt, als im eigentlichen Kampf, wo man dann seine Lieblingsstrategie 100 mal einsetzt, bevor man wieder levelt. Da man aber pro Spielstunde locker zwei bis drei Stufen erhöht bekommt, ändern sich die eigenen Taktiken zum Glück häufig genug.

Freunde des Loots werden bei Dungeon Siege 3 übrigens äußerst glücklich werden, denn einerseits bestimmt das Arsenal, das man am Leibe trägt, so gut wie alle primären Attribute wie Stärke, Agilität oder Stamina, andererseits wird man mit Stuff geradezu überschüttet! Wirklich, aus jedem erschlagenen Maulwurf fällt ein Speer der Vergeltung oder ein Vergeltender Speer oder eine Bluse des Schicksals heraus. Man verbringt gefühlt die Hälfte des Spiels damit, sich umzuziehen. Letztlich habe ich mir meist aber einfach nur den teuersten Kram angezogen, ich hätte da eine Funktion zum automatischen Ausrüsten begrüßt.
Glücklicherweise gibt es bei der Menge an Loot trotzdem keine Blutfeindschaft zwischen den Mitspielern, denn abgesehen von Amuletten und Ringen kann jeder Avatar nur Zeug tragen, das ihm auch passt (also läuft der rüstige Reinhart nicht plötzlich in Katarinas Kniestrümpfen umher), gefundenes Geld wird brüderlich kopiert und auch eingesammelte Heilungs- und Mana-Orbs gehen an alle Spieler. Da ist es doch echt schade, dass man offline nur zu zweit auf einem Bildschirm spielen kann. Und dass, online wie offline, die Spieler zwei bis vier nicht ihre eigenen Charaktere benutzen dürfen, sondern ausschließlich das CPU-Gefolge des Hauptspielers bedienen dürfen und effektiv aus der Sitzung nur Achievements erbeuten können. Spielt man als Duett auf der Couch, hat das zumindest noch sehr guten Unterhaltungswert und man kann den etwas tumben KI-Mitstreiter, dem man keinerlei Verhaltensbefehle diktieren kann aber sich zumindest gut zu verteidigen weiß, ersetzen, um auch so etwas wie Teamgeist aufleben zu lassen, aber online fehlt da doch etwas der Reiz, vor allem wenn man das Spiel bereits einmal durchgespielt hat.


Es wurde zwar der Versuch unternommen, durch die verschiedenen Charaktere und der Reaktion von NPCs auf diese, sowie mit veränderten Zwischensequenzen als Resultat von wichtigen Entscheidungen, ein bisschen Wiederspielwert einzubringen, aber den Level eines Mass Effects nimmt Dungeon Siege 3 mit seinen zehn bis fünfzehn Spielstunden garantiert nicht an. Ich finde das gemopste Dialograd ganz putzig und es erfüllt auch seinen Zweck, um die Welt authentischer zu gestalten, aber mehr sollte man nicht erwarten.
Puncto Athmosphäre muss auch noch einmal die Musik gelobt werden, die stellenweise sehr schönen Filmcharakter annimmt und in deren Soundtrack sich doch das eine oder andere Stück befindet, für das ich meine Frau mit dem brennenden Haupthaar auch mal ganz gerne für fünf Minuten in Sicherheit herumstehen lasse.

Grafisch gesehen ist da leider eher auf ein zweischneidiges Schwert hinausentwickelt worden. Unschön ist, dass das Spiel wie ein Launchtitel der 360 aussieht, dafür existieren im Spiel aber so gut wie keine Ladezeiten und wenn man mal doch die Ehre hat, auf einen definitiven Areal-Übergang zu stoßen, dann ist die Sache auch schon wieder in fünf Sekunden gegessen. Man kann's halten wie man möchte, mich stört die Grafik nicht, die verleiht dem Gameplay noch einmal diesen gewissen Retro-Touch. Sehr schade ist nur, dass beim Spiel vollkommen an Weitsicht gespart wurde, so dass man so gut wie nie weiß, ob sich zehn Meter vor einem nun glorreiche Schätze oder ein Trupp gemeiner Meuchelmörder befindet.

Dungeon Siege 3 würde ich als Hack 'n' Slay für's Wochenende klassifizieren: man kann alleine damit ganz gut immer mal wieder ein paar Stunden plattschlagen oder sich mit einem Freund auf's Sofa hocken oder sich auch mal den Online-Ko-Op angucken. Es hat alles, was ein Spiel braucht um gut zu sein, nur leider mangelt es ein wenig an Abwechslung im Kampfgeschehen und einem durchdachten Grund, um einen zweiten Spielstand anzufangen. Rian

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11. Dezember 2017 um 06:59 Uhr
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