Duke Nukem Forever

(Artikel)
Rian Voß, 26. Juni 2011

Duke Nukem Forever

Der Herzog reitet heim

Das kann doch nicht wahr sein! Da hat der Duke schon im Alleingang die ganze Horde an Alieninvasoren zurückgeschlagen und nach 14 Jahren sind sie zurück - und sie stehlen unsere Frauen! Natürlich nur die heißen Geräte, die Fuglies und die Nerd Chicks bleiben zurück. Das stinkt nach einer Vendetta, die allein auf Duke Nukem abzielt. Das muss ein Ende haben! Also spucken wir mal ganz schnell das Kaugummi aus, ziehen uns die Stahlkappenstiefel an und treten in die Ärsche. Endlich mal eine Egoshooter-Story, die man auch nachvollziehen kann! Aber macht das wohl gehypteste Spiel der Geschichte auch Spaß?

In erster Linie ist Duke Nukem Forever für alle Leute entwickelt worden, die Unreal und Duke Nukem 3D spielen und sagen: "Solche Spiele werden heute nicht mehr hergestellt!" Andere sagen dann "zu Recht!" - und für die ist Duke Nukem Forever definitiv nichts. Wir haben es hier mit ganz alter Schule zu tun. Ältester Schule quasi. Die Level sind kurz und knackig und intensiv. Es gibt viele Hintern zu treten und viele Features zu benutzen, von denen sich zwar alle gut steuern lassen, allerdings ist so ziemlich keine Action-Abwechslung so wirklich neu. Da gibt es Stand-MGs, mit denen man ein paar Raumschiffe vom Himmel holt, ein paar kleine Renn-Einlagen im Monstertruck oder ein paar Sprung- und Tür-Rätsel, wobei man sich bei letzterem zum Beispiel in einer Alien-Struktur (voller TITTEN an den WÄNDEN) befindet und zu Kugeln zusammengerollte Krabbelkäfer zum hungrigen Türöffnungsmechanismus rollen muss. Das ist alles gar nicht dumm und die wenigen Sprungpassagen spielen sich tatsächlich frustfreier als erwartet - ich bin nur einmal runtergefallen und gestorben und der Grund war, um mal die schlauen Ladebildschirmsprüche zu ziteren: "If you fall of a high ledge and die, it's probably your own fault." (mein Favorit ist immer noch "Take less damage to avoid being killed.")


Insofern kann man wirklich sagen, dass das Leveldesign von Duke Nukem Forever alles andere als dämlich oder langweilig ist - ich würde fast behaupten, dass es einigen aktuellen Spielen in der Abteilung einiges voraus hat. Ganz besondere Highlights sind die Stellen, an denen der Duke durch ominöse Alien-Gase auf Miniaturgröße geschrumpft wird und so die Durchquerung einfacher Schnellrestaurant-Lagerräume und Küchen zu einer wirklichen Herausforderung und Mausefallen tödliche Hindernisse werden.
Doch es gibt noch mehr. Was mir eigentlich am meisten Spaß gemacht hat, waren die wenigen Stellen, wo überhaupt keine Gegner auftauchten - etwa gleich zu Beginn des Spiels, wo der Präsident noch meint "Jaja, die Aliens greifen bestimmt nicht an, die kommen in friedlichen Absichten, mach mal halblang, Duke." (am Arsch!) und ich in einer öffentlichen Toilette kleine, braune Würste fand und mit ihnen eine halbe Stunde die Kacheln der Duschen bemalt habe. Kurz davor habe ich fünf vergnügliche Minuten damit verbracht Pimmel Blumen auf das Schlachtplan-Whiteboard zu malen, immer sprachlich begleitet von einem verblüfften Soldaten, dessen geistige Kapazitäten anscheinend vollkommen von der Genialität meines Masterplans überstiegen wurden. Irgendwann später wird Duke auch mal ordentlich niedergeschlagen und rutscht in seine Traumwelt ab, die natürlich ein Strip-Club ist. Ich bin nicht stolz auf einige Sachen, die ich dort getan habe, aber es war dennoch eine der sympathischsten Stellen des Spiels, wovon ich mir wünsche, dass solche langsamen Szenen auch mal ihren Weg in andere Shooter finden würden, um ein bisschen Atmosphäre aufzubauen.

Puncto Atmosphäre kommt es auch sehr gut, dass man das ganze Spiel wirklich aus des Dukes Perspektive erlebt, mit all seinen Hand-Gestikulationen und mit allen Charakteren, die wirklich mit ihm interagieren und nicht nur einfach zwei Meter vor ihm stehen bleiben und ihn zulabern, bis die Exposition beendet ist und es endlich weitergehen kann. Wobei das auch häufig passiert.



Aber es ist nicht alles Gold, was glänzt; wovon die anfänglich erwähnte alte Schule wohl den größten Stolperstein darstellen wird: Duke Nukem Forever fühlt sich, wohl vornehmlich wegen der langen Entwicklungszeit, im Guten wie im Schlechten so an, als hätte es vor acht oder neun Jahren herauskommen sollen - das Tempo der Levels ist merkwürdig, die kurzen Abschnitte stumpfer Action gefolgt von irgendwelchen Gimmicks wirkt leicht befremdlich in Zeiten von Shootern wie Halo, wo lange Strecken des ohne Probleme wiederholbaren und zur Perfektion getriebenen Hauptgameplays ab und an abgewechselt werden von ein paar kleinen Features. Und natürlich ist auch fragwürdig, warum so ein oldsql-Shooter es überhaupt nötig hat, moderne Features (wie das Zwei-Waffen-System von Halo) abzukupfern.
Die Grafik ist ebenfalls einfach nicht mehr ansehnlich. Es ist schön, dass Gearbox noch einigermaßen Details in die Umgebung gequetscht haben, so dass die Gegenden nicht ganz trostlos wirken, und die Abschnitte sind auch kurz genug, dass das Auge sich meist nicht langweilen wird, aber weder Polygonzahl von Modellen noch die absolut hässlichen und schwammigen Texturen können in irgendeiner Weise mit heutigen Grafikstandards mithalten. George Broussard hätte wahrscheinlich traditionell gerne noch mal vor Release die Engine gewechselt, aber nach 14 Jahren kann man sowas echt nicht mehr bringen.

Diese beiden Mankos kann man noch übersehen. Manche Leute stehen eben auf den 90er-/frühen 2000er-Stil und fühlen sich da wohl. Für diese Spieler ist DNF eben auch eigentlich gedacht und in der Welt des Spiels steckt genug zu sehen, dass man auch noch die Grafik mit zwei zugedrückten Augen entschuldigen kann, aber die Ladezeiten sind dafür, dass die Level wirklich nur fünfzehn bis zwanzig Minuten spannen, viel zu lang. Besonders schlimm wird es, wenn man mal wieder irgendeinem geskripteten Ereignis in die Falle gelaufen ist, stirbt, und eine halbe Minute auf den Respawn warten muss. Da habe ich auch gerne einfach mal die Konsole ausgemacht, weil mir das zu doof war, besonders im Kampf gegen die Queen Bitch, die im letzten Viertel ihrer Lebensenergie einfach noch mal unbemerkt ein paar harte Vasallen beschwört, die mich hinterrücks drei oder viermal erledigt haben. Das war wirklich ein beschissener Bosskampf dafür, dass die Sieg-Taktik gegen dieses Vieh jedes Baby innerhalb von Sekunden herausfinden sollte. Und viele andere Bosskämpfe sind genauso. Brrr.

Was noch höchst grenzwertig ist, ist der Humor und die allgemeine Charakterisierung von Duke Nukems Welt. Das ist nämlich wirklich Dukes Welt. Jeder steht auf den Duke. Jeder himmelt ihn an. Er kriegt alle Frauen. Er ist die letzte Bastion der Welt und das amerikanische Militär betrachtet ihn als ihre größte Waffe. Und er ist ein Idiot. Duke Nukem Forever wandelt einen dünnen Grat zwischen lustig bizarr und unerträglich albern. Wenn man nicht akzeptieren kann, dass alle Menschen der Welt einen kleinen Dachschaden haben, um so einen Steroid-besessenen Macho wie einen Gott anzuhimmeln und wenn man nichts mit der Konzeption eines vollkommen überzeichneten Actionhelden (das kann man schon nicht mehr als Parodie ansehen) im Stile eines Evil Dead Ash oder diversen Pop-Kultur-Referenzen anfangen kann (in Dukes Traumwelt dreht sich ein Metallkreisel ohne Unterlass auf einem Schreibtisch, oder in einem Van liegt Master Chiefs Rüstung und Duke verschmäht sie mit den Worten "Power Armor is for pussies!"), wird einem Dukes Welt am Arsch vorbeigehen und dann ist nicht mehr viel vom Spiel übrig, an dem man noch Freude finden kann.


Da ich allerdings ein B-Movie-Fan bin, kam ich mit den platten One-Linern und dem Macho-Getue prima klar und was mir das Ganze vollkommen verkauft hat, war Dukes Variante von Halos Energieschild: Dukes EGO. Der Blondling mit der Sonnenbrille hat nämlich ein so großes Ego, dass es ihn vor Kugeln schützt.
Ich weiß gar nicht mehr, was ich dazu sagen soll. Eigentlich hätte ich mir den ganzen Artikel sparen können, denn dieser eine Absatz fasst Duke Nukem Forever schon wunderbar zusammen. Um sein Ego zu erweitern, kann man übrigens auch verschiedene In-Game-Aktivitäten vollführen, wie etwa 600 Pfund an Gewichten zu stemmen oder mit den Kronjuwelen eines zwanzig Meter großen Aliens Punchingball zu spielen. Braucht man auf dem Schlachtfeld einen schnellen Egoschub, kann man auch in sich zusammengesackte Gegner exekutieren, was eigentlich ein ziemlich genialer Spielmechanismus ist, der Exekutionen zum ersten Mal in der Videospielgeschichte irgendwie sinnvoll macht.

Zum Multiplayer fühlte ich mich leider nicht sonderlich hingezogen, kann aber sicherlich Spaß machen. Es gibt alles was man braucht: Deathmatch, King of the Hill, Team Deathmatch und Capture the Babe, eine CTF-Variante, wo man, naja, Frauen verschleppt. Leider gibt es keinerlei Splitscreen- oder LAN-Modi.

Duke Nukem Forever ist kein Spiel für alle. Ich würde sogar sagen, dass es kein Spiel für viele ist, was wohl vor allem daran liegt, dass die unglaublich lange Entwicklungszeit zwangsweise mit unvorstellbar hohen Erwartungen einhergeht. Hätte es vorher kein Spiel mit dem Duke gegeben, würden die meisten wohl sagen, dass wir es hier mit einem ganz ordentlich Shooter zu tun haben, der einigen Leuten Spaß macht, ein paar gute alte und neue Gameplay-Ansätze verfolgt und zumindest für ein paar Stunden die Zeit annehmbar vertreiben würde, wenn da nicht diese dämlichen Ladezeiten wären. Wer aber wirklich damit gerechnet hat, dass DNF in irgendeiner Weise ernsthaft AAA-Titeln wie Halo, Bioshock oder Killzone Konkurrenz machen kann und will, der ist vollkommen schief gewickelt. Rian

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13. Dezember 2017 um 12:23 Uhr
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