Sorcery Gewinnspiel!
Vanquish
Hyperaktives Roboter-Schießen
Sam ist eigentlich ein ganz normaler Typ. Er sieht ordentlich aus, schmaucht gerne mal eine und nach einem harten Arbeitstag macht er es sich bei ein paar Drinks in der Bar bequem. Als aber die Russen mit Mikrowellenstrahlung aus dem All San Francisco verdampfen, hört der lustige Alltag als DARPAs geheimster Waffentester auf und Sam muss seinen Super-Anzug auf die Orbital-Kolonie/-Superwaffe befördern, diese zurückerobern und dabei einen entführten DARPA-Wissenschaftler befreien - alles in einem rasanten, furiosen Feuerwerk an explodierenden Roboter-Einzelteilen aller Formen und Farben namens Vanquish.


So viel zur Story. Und das meine ich ganz ernst: mehr kommt nicht. Das ist nicht weiter schlimm, schließlich hat Konkurrent Epic in Gears of War zwar mehr Plot investiert, aber interessiert hat's dann doch keinen, nichtsdestotrotz schockiert mich der offenkundige Mangel an Exposition in Vanquish dann doch ein wenig. Allein um herauszufinden, dass die Kolonie, auf der man sich befindet, gleichzeitig der Mikrowellenstrahler ist, brauchte ich ein Fünftel der Spielzeit. Ich hätte auch wirklich gerne die interessanten Infos auf den Ladebildschirmen gelesen, aber sobald die Konsole fertiggerechnet hat, war auch schon wieder Schluss mit atmosphärischem Hintergrundwissen. Grar.

Aber was soll's? Lasst uns feindliche Maschinen zerfetzen, das ist schließlich der absolute Kern und größter Spaßfaktor der Spiels! Wir steuern Sam in gewohnter, vom inneren Auge losgelöster Kameraperspektive und suchen uns munter Deckung hinter einer mannigfaltigen Auswahl an Trümmern, Kisten und Tresen, denn so viel unser Protagonist mit seinen Frag- und Lähm-Granaten und seinen drei ausgerüsteten Waffen austeilen kann, so wenig kann er einstecken. Sollte uns mal beim Ballern die Munition ausgehen, kann man das leere Geschütz entweder gegen herumliegende Kaliber austauschen (insgesamt neun sehr unterschiedliche Modifikationen für Sams Allzweckgewehr sind zu haben, wobei vom Raketenwerfer über den zielsuchenden Laser und einem rasiermesserscharfen Discus-Werfer alles dabei ist, was man sich nur wünschen kann), neue Munition für das alte einsammeln oder, wenn man bei einer vollen Waffe Munition dieses Typs ergreift, das Modell aufwerten, um mehr Schaden, Reichweite oder sonstwas zu erhalten. Diese zusätzliche Power ist auch sehr willkommen, denn mit der Zeit tauchen immer härtere und vor allem GRÖßERE Feinde auf, die einem das Leben schwer machen.


Reicht das pure Draufhalten aber nicht aus, gibt es noch ein paar andere Kampfoptionen, die einem Sams Anzug bereitstellt: Einerseits kann unser fluchender Held bei Höchstgeschwindigkeit in alle Richtungen über den Boden gleiten, um geschwind von einer Deckung zur nächsten zu kommen oder aus gefährlichen Situationen zu fliehen - oder man weicht mit einem dezenten Sprung dem Feindfeuer aus. In beiden Fällen kann Sam die Zeit verlangsamen, um besser zu zielen oder einzelnen, heranbrausenden Kugeln auszuweichen - was unendlich cool ist! Ich liebe es aus der Deckung zu schießen, die Zeit zu verlangsamen und mich im Augenblick, bevor Sam der Schädel von einem Projektil durchbohrt werden würde, wieder in die Deckung zurückzuziehen. Sollte Sam auch mal in Lebensgefahr geraten, stellt sich die Bullet Time automatisch an, was ein sehr praktischer Mechanismus ist. All diese Fähigkeiten kosten Energie, die sich normalerweise sehr schnell wieder auflädt - es sei denn das System überhitzt, dann ist man der Umwelt schutzlos ausgeliefert.


Aufgrund dieser und vieler anderen Möglichkeiten auf dem Schlachtfeld, nicht zuletzt durch ständige Unterstützung von computergesteuerten Marines, fühlen sich die Kämpfe unglaublich intensiv an. Man wird nicht wie bei anderen Shootern bei der Hand genommen und explizit auf die beste Taktik hingewiesen, sondern hat meist selbst die Wahl zu flankieren, auf Distanz zu bleiben, sich an eine Gatling zu setzen oder alle Feinde (ALLE! Auch Bossgegner!) mit einer EMP-Granate kurz außer Kraft zu setzen, zu stürmen und einmal gründlich aufzuräumen. Wobei man sich Letzteres genau überlegen sollte. Der Nahkampf ist zusammen mit dem Blattschuss des Raketenwerfers zwar der mächtigste Angriff in Sams Arsenal und unglaublich vielschichtig, da die Attacke von der ausgerüsteten Waffe und davon, ob Sam gerade gleitet oder nicht (HIGH-SPEED-DROPKICK!), abhängt, entlädt in fast allen Fällen aber sofort die gesamte Energie. Hat man sich mit dem Einsatz verschätzt, steht man mit heruntergelassenen Metallhosen mitten in einer Gegnerschar. Das ist insbesondere gemein, weil das Spiel irgendwie dazu einlädt, einem Robo auf die Glocke zu hauen. Ausnahme ist hier jedoch der Discus-Werfer, mit dem man sich schön gemütlich durch jede beliebige Panzerung ohne Energieverbrauch fräsen kann - das Äquivalent zum Kettensägenbajonett und mindestens genauso genugtuend.


Leider ist Vanquish durch die verschiedenen Vorgehensweisen (Waffentypen sind zufällig im Level verteilt und man kann mit jedem einzelnen seine Probleme lösen) und Situationen (Kämpfe in der Schwerelosigkeit, in Zügen, Kapern von großen Robos) zu Beginn wegen der Steuerung recht frustrierend - in der Tradition von großartigen Sega-Underdogs wie Gunvalkyrie oder Otogi muss man nämlich erst einmal dahinterkommen, wie man das Spiel am liebsten spielt und die Steuerung muss gemeistert werden, bevor sich das Coolness-Gefühl einstellt. In meiner ersten Stunde habe ich etwa zur falschen Zeit meine Distanz nicht gewahrt, wusste nicht so recht, wann man die Zeitverlangsamung benutzen sollte, bin durch Instant Kills von Nicht-Boss-Gegnern (die sich aber sehr stark ankündigen) erwischt worden und noch so einiges mehr; irgendwann hört man dann auf zu sterben und der Spaß beginnt richtig, aber das erste Kapitel ist insofern eine Halb-Qual.
Danach geht's aber los, Explosionen in Hülle und Fülle, manisches Lachen beim Abtrennen aller Gliedmaßen eines Riesen-Roboters, Tritte und Punches links und rechts und spätestens, wenn die ersten Waffen ihren maximalen Level erreichen, ist Sam eine hyperaktive Tötungsmaschine.

Da beeindrucken auch nicht nur das schnelle, flüssige Gameplay und die hervorragenden Zwischensequenzen mit den obligatorischen, fairen Quick-Time-Events, sondern auch die Grafik an sich: Alles sieht gut aus. Monströse Maschinen abartiger Größe zerbröckeln über den Köpfen des Spielers zu Staub, Brücken zerbrechen, die "normalen" Monsterroboter sehen furchteinflößend detailliert aus. Gesichtsanimationen sind auch nicht übel, aber auf die Effekte kommt es schließlich an und da gibt es nichts zu meckern.


Worüber man sich allerdings streiten kann ist der Stil des Spiels, der typisch für Platinum Games daherkommt. Freunde der selbstironischen Titel Viewtiful Joe und Bayonetta werden höchstwahrscheinlich verzückt sein, auch wenn Vanquish immer noch ein bisschen mehr Integrität aufweist als die Hexenfrau im Haar-Kostüm, aber man darf keinesfalls erwarten, dass dieser Shooter länger als eine halbe Stunde ernst bleibt. Sam alleine ist schon so ein merkwürdiger Typ - er raucht ausnahmslos in jeder Filmsequenz (er kann sogar Gegner aus der Deckung mit so einem Sargnagel ablenken), hat natürlich jederzeit einen flotten Spruch auf den Lippen, wenn er mit seiner Kontaktperson Elena über den Funk flirtet oder mit dem grantigen Lt. Col. Burn streitet, und hat einen fast schon pathologischen Drang zur Theatralik. Beispiel: Sam sitzt in einem fahrenden Wagon und muss mit dem Scharfschützengewehr Suchscheinwerfer ausschießen. Jedes Mal, wenn er einen Treffer landet, klopft er sich verbal selbst auf die Schulter und flüstert "Toller Schuss, Sam!"
Die Merkwürdigkeiten stoppen bei Weitem nicht beim Hauptcharakter, es fallen schließlich immer wieder Anspielungen auf andere Titel von Platinum sowie verschiedene Filme und Spiele, etwa Metal Gear Solid (*rauch*). Der Vogel war für mich abgeschossen, als ich ein paar Roboter überraschte, die vor einem überdimensionalen Ghettoblaster eine Tanz-Party abhielten.

Meiner Meinung nach macht Vanquish mehr Spaß als Genrereferenz Gears of War 2 - im Singleplayer. Das Gameplay ist raffinierter und einen ausgefeilteren Deckungsshooter wird man wohl in nächster Zeit kaum sehen, allerdings mangelt es Vanquish nach der Kampagne und Challenges an spielverlängernden Möglichkeiten. Kein Ko-Op, kein Multiplayer, nur ein freigeschalteter God Hard-Schwierigkeitsmodus. Zu empfehlen ist dieses Spiel daher vor allem denjenigen, die Titel mit richtig guter Spielmechanik zu meistern geliebt haben, beispielsweise God Hand. Aufgrund der kurzen Spielzeit von fünf bis sieben Stunden hat Vanquish daher mehr Ähnlichkeiten mit einem "Noch mal!"-Arcade-Titel als mit einem "One Hit"-Blockbuster. Rian
28.10.2010 | Rian | In-Game
1 Kommentar
» Kommentare
Nex am 28.10.2010 um 20:53 Uhr
Gameplay ist wirklich gut durchdacht, aber blickt jemand durch die Story?
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