Parasite Eve
Die schreckliche Wahrheit über Biologie
Aya Brea rockt! Sie trägt eine kugelsichere Weste unter ihrem Abendkleid, wenn sie mit einem Date zur Oper geht, und versteckt sogar irgendwo in ihrem Dekolleté eine Baretta, bodycheckt ihr Date in Sicherheit, während die Oper abfackelt, betritt dann mit besagtem Abendkleid einen Abwasserkanal ohne mit der Wimper zu zucken, plündert mit ihrem Polizei-Kollegen einen Waffenladen, wenn die Kacke so richtig am Dampfen und New York evakuiert ist, beschießt die Freiheitsstatue mit einer Atomrakete und ist sowieso die einzige Person, die die Welt retten kann - nicht nur, weil sie so dermaßen awesome ist, sondern weil alle anderen Menschen spontan in Flammen aufgehen, wenn sie sich Erzschurkin Eve auch nur nähern.

Nach dem Abendkleid kommt die stylische Lederjacke.

Aber immer schön der Reihe nach. Wie schon erörtert beginnt dieses klassische Playstation-Spiel in der Oper, wo bei der Arie der Hauptdarstellerin selbige mal eben Feuer fängt, hart mutiert und per Pyrokinese die gesamte Zuschauerschaft ankokelt. Ta-daa! Der Endboss ward geboren. Und da die Polizistenneulingsfrau Aya Brea als einzige keine Hitzewallungen bekommt und es überhaupt nicht spitze findet, wie diese Melissa bzw. Eve ihren Kultur-Dienstag versaut hat, verfolgt sie die Mutantin, die schon irgendwas prophetisches vom Erwachen der Mitochondrien in Aya quasselt - klar dass Aya in nächster Zeit irgendwelche speziellen Kräfte bekommt, das ist nun wirklich kein Spoiler. Nun ja, Eve entkommt, viele verbrannte Körper liegen herum und die Reporter stehen vor der Tür des Opernhauses, als Aya ein bisschen mitgenommen hinaustorkelt. Und die wagen es doch tatsächlich, dieses arme, geschundene Mädchen mit Fragen zu belästigen! Aber da kommt auch schon ihr großer Partner, Daniel, der mit seinem den Reporter auf die andere Seite des Bildschirms bewegende FALCON PUNCH erst einmal klarstellt, dass man mit ihm oder seiner Partnerin definitiv nicht fickt. Ehrlich: Daniel ist klasse. Am Ende des Spiels erreicht er den ultimativen Höhepunkt, den ein Nebencharakter überhaupt haben kann, SPOILERSPOILERSPOILER indem er sich aus einem Helikopter stürzt, im Flug am ganzen Körper Feuer fängt und dann aus dreißig Metern Höhe eine Bauchlandung in New Yorker Gewässern macht, nur um Aya die ultimative Waffe zuzuwerfen. Im freien Fall. Und er überlebt.

Da fehlt ja nur noch Feuga!

Während wir also herausfinden wollen, warum die Mitochondrien jetzt so böse sind (da steckt ein biologischer Thriller hinter, der jedem Bio-Lehrer Schauer-Schockwellen den Rücken runterjagen dürfte) und wo Eve jetzt ist und was sie plant, müssen wir innerhalb von sechs Tagen verschiedene Orte auf der Karte ansteuern. Dabei ist das Polizeirevier unser Hauptquartier, in dem wir etwa unsere Waffen aufwerten dürfen, wobei sich das Spiel eines eigenartigen Upgrade-Systems bedient, bei dem man Werkzeuge dafür ausgeben kann, Waffenfähigkeiten auf andere zu übertragen - ist aber ganz witzig, wenn man es einmal verstanden hat, und man kann mit etwas Know-How seine Waffen vollkommen unfair überskillen. Genialstes Upgrade: Granatenwerfer mit Betäubungsmittel.

Die meisten anderen Orte, die nicht das Polizeirevier sind, stellen pro Kapitel eine Kampfzone dar: Aya verfolgt Eve und muss sich währenddessen durch ihre Monsterhorden (Random Encounter...) mit Schusswaffen schlachten.
Kämpfe funktionieren dabei nach Final Fantasy-Rezept, die Zeit-Leiste am oberen Bildschirmrand heißt sogar ATB (Active Time Battle): Der Spieler lässt Aya herumlaufen und hofft, dass sie nicht von Angriffen getroffen wird, und wenn die ATB-Leiste voll ist, kann Aya entweder angreifen, "zaubern" (ihre "Magie"-Leiste füllt sich dabei im Kampf automatisch wieder auf) oder Items einsetzen. Und dann heißt es wieder im Kreis laufen und das Ganze so lange, bis eine der beiden Parteien gestorben ist.

Die grüne Halbkugel zeigt die Reichweite der Waffe an.

Ähnlich merkt man viele andere Einflüsse von Square-Rollenspielen in Parasite Eve: Der bekannte weiße Handschuh zur Auswahl von Textzeilen existiert, man kann Umgebungen stark nach Gegenständen absuchen (in einer Szene treffe ich einen Clown in seiner Umkleide, sage ihm, dass er fliehen soll, er rennt raus, man hört einen Schrei des Entsetzens und... bevor ich Aya nachgucken lasse, muss ich erst mal den Spind des Clowns ausräumen. Den Kram braucht er jetzt wohl wahrscheinlich eh nicht mehr... Lalalalooooot!), hier und da drücken sich Bilder von Chocobos herum und die Musik des Spiels lässt einen denken, man würde die ganze Zeit in der Shinra-Villa herumlaufen.
Definitive Unterschiede zu anderen Rollenspielen, denn als Horror-Spiel lässt sich Parasite Eve wirklich nicht bezeichnen, sind allerdings der Gewaltgrad, die Darstellung von Monstern und die Inhalte der Gespräche. Von herumliegenden Brandleichen habe ich ja schon berichtet - manchmal reden die Menschen auch noch, bevor sie an ihren Schmerzen krepieren und in mindestens einer Video-Sequenz sieht man auch schön, wie sich Personen langsam in Asche verwandeln. In anderen FMVs werden unverhohlen Züge eines Melt Movies angenommen und Charakteren schmilzt das Fleisch von den Knochen oder man sieht, wie einem Hund die Haut aufplatzt, Knochen sich neu arrangieren und er zum Monster mutiert. Die Gespräche sind dabei nicht weniger hart: Künstliche Besamung, Gentherapien, Transplantationen und allerlei anderer Pipapo kommt zur Sprache. Der ist aber zum Glück schwer genug zu verdauen, als dass ein Kind sowieso jeden Durchblick verlieren würde. Definitiv nicht unter 16 geeignet.

Sie, äh... Sie haben da was.

Grafisch macht Parasite Eve, nicht nur in den, ahem, detailreichen Videosequenzen, ordentlich was her: Charaktermodelle sehen gut aus, die Bewegungen wirken für die damalige Zeit ausreichend flüssig und sämtliche Umgebungen sind wie gewohnt schön gerendert. Besonders manche Bossgegner haben mich schon ganz schön beeindruckt, da hätte ich nicht gedacht, dass sowas auf der alten Schlabberkonsole noch möglich gewesen wäre.
Ansonsten ist dieses etwas atypische Square-Spiel allen Freunden von Final Fantasy zu empfehlen, die gerne ein kurzes Abenteuer (etwa acht Stunden) in einer von Splatter gezeichneten Welt erleben würden. Rian
17.08.2010 | Rian | In-Game
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