Zeno Clash
Fliegende Fäuste im Zauberland
Portal war, mit Fug und Recht, eine positive Überraschung für die Spieler, Valve und die Gaming-Kultur allgemein: Ein kurzes, kleines, relativ simples Puzzle-Spiel mit Herz und einem gekonnten Erzählstil. Nun gibt es Zeno Clash, entwickelt von ACE Team, das zwar ein ein ganz anderes Setting als Portal, nämlich eine ziemlich abwechslungsreiche, mysteriöse und zuweilen sehr feindliche Welt Zenozoik, die es in einer Geschichte um Mord und Verrat zu Durchqueren gilt, und auch ein ganz anderes Grund-Genre hat (schließlich prügelt und schießt man sich in der Ego-Perspektive seinen Weg frei), unter der Haube haben die beiden Spiele allerdings viele Gemeinsamkeiten: Zeno Clash überrascht den Spieler durch seine erzählerische Brillanz, spielerische Finesse und einen subtilen Abwechslungsreichtum, den man glücklicherweise nicht auf zehn Stunden Standard-Spielzeit breitgetreten hat.

Erinnert ein bisschen an Star Wars, nur ohne Twi'lek

Wir beginnen die Geschichte als Ghat, der durch eine Explosion eine merkwürdige Kreatur namens Father-Mother getötet hat und nun selbst in einem Zustand zwischen Dies- und Jenseits schwebt. Dort begegnet ihm ein grobschlächtiger Kerl, der anscheinend Ghats Lehrmeister war. Dieser bringt ihm die Basis-Kontrollen des Spiels bei: Wir schlagen und treten mit den Maustasten, visieren einen Gegner mit E an und benutzen die Leertaste zum Blocken. Durch ein paar Richtungskombinationen können wir noch so extravagante Manöver wie AUSWEICHEN herbeirufen, aber im Großen und Ganzen war's das schon. Da jubelt auch gleich das Xbox-Herz, denn der Nahkampf erinnert stark an das beste Spiel der Welt, Breakdown. In beiden Spielen steckt merkliche Wucht hinter den Hieben, aber in Zeno Clash darf man zusätzlich am Boden liegende Gegner treten. Kick, punch, BAM!
Doch wo Nahkampf ist, da bleibt auch der Fernkampf nicht weit: Waffen lassen sich jederzeit benutzen, wenn man keinen Feind auto-locked, und haben unendlich Munition - die Pistolen, Armbrüste und "Granatwerfer" benutzen als Munition nämlich Steine und davon gibt es in Zenozoik mehr als ausreichend. Merkwürdigerweise steckt Ghat auch Schlagwaffen wie Hämmer oder dicke Stöcke Mann gegen Mann wieder weg. Nun ja. Aber warum sollte man bei niemals ausgehender Muni überhaupt noch die Fäuste heben? Dafür gibt es zwei einfache Gründe: Erst einmal sind die Knarren nie von sonderlich hoher Wertarbeit und in dem Sinne eigentlich nur bessere Steinschleudern, machen also nicht sonderlich viel Schaden. Zum anderen besteht eine hohe Chance, dass man alles, was man in der Hand hält, durch einen einzigen Nahkampfangriff fallen lässt - und man will seine Muskete doch lieber bei sich behalten, wo sie keiner aufsammeln kann.

Den dicken Elefanten kann man nur mit Keulen kaputthauen.

Ghat überlebt, aber seine... äh... Singular-Eltern sind tot. Klar, dass da seine rund hundert Geschwister mächtig angepisst sind und er schleunigst aus der Stadt Halstedon verschwinden will, wobei ihm seine Gefährtin Deadra unter die Arme greift. Die Geschichte wird nun in zwei Strängen erzählt: Einmal erklärt Ghat nach und nach, was ihn überhaupt dazu verleitet hat, den/die geliebte Father-Mother zu töten, zum anderen flieht das Pärchen vor dem Zorn seiner/ihrer Kinder und Ghats Geschwister und die Suche nach einem Ort, wo die zwei leben können.
Der erste Anlaufpunkt dabei ist ein Wald, wo die Corwids wohnen. Diese Individuen haben es sich zum Ziel gesetzt, jeweils genau eine Aufgabe zu erfüllen - nicht mehr und nicht weniger. Einer läuft etwa immer in einer geraden Linie, bis er sich entschließt, seine Richtung zu ändern. Ein anderer will unsichtbar sein, deswegen entfernt er jedem die Augen. Ghat erzählt, dass er auch mal unter den Corwids gelebt hat, aber er erklärt nicht, was seine Aufgabe war - was auch davon überspielt wird, dass sein Lehrmeister zu diesem Völkchen gehörte und nach der Ausbildung von Ghat einfach eine Bombe fraß.

Die beiden Protagonisten.

Die Reise von Ghat und Deadra wird im Folgenden zunehmend abstruser und surrealer, was sich auch sehr schön in Grafik und Gameplay zeigt: Die Optik ist häufig bunt und schön künstlerisch, nimmt aber auch im sich immer weiter verschlimmernden Verlauf der Reise monochromatische, dunkle Züge an. Gleichzeitig finden sich überall immer wieder unterschiedliche Aufgaben, die aber meistens auf Kämpfe hinauslaufen: Einmal muss man das Passwort für einen Club herausfinden und macht einen Deal mit einer Straßengaunerin, ihr irgendeinen Verräter zu liefern, ein andernmal beschießt man sich mit einem blinden Jäger, der explodierende Eichhörnchen nach einem wirft. Diese Kämpfe laufen meistens anspruchsvoll, aber nicht unfair ab, wenn man darauf aufpasst, sich nicht umzingeln zu lassen - in dieser Situation ist es nämlich, wie auch im richtigen Leben, schnell um einen geschehen. Häufig steht man mehreren Gegnern mit Nah- und Fernkampfwaffen gegenüber, um die man sich natürlich nicht alle zugleich kümmern kann, so dass es jederzeit gilt die Umgebung als Schutz zu benutzen und gleichzeitig clever einen Feind nach dem anderen abzuarbeiten.

Das mit den explodierenden Eichhörnchen war kein Witz.

Das Schönste an Zeno Clash ist meiner Meinung nach das Gefühl der Besonderheit und der Miteinbindung des Spielers. In den drei bis vier Stunden des Spielens fühlte ich mich häufig über einige Ecken an Portal erinnert, das mich immer wieder mit neuen Nuancen desselben Spielprinzips und gelungenen Charakteren erfreute. Gleichzeitig erinnert die Reise durch Zenozoik an Phantasia aus Michael Endes Die Unendliche Geschichte und die Abenteuer von Bastian und Atreyu: Es gibt so viele Eindrücke, die sich gar nicht erst als Fragen stellen, sondern als Teil einer andersartigen Welt einfach akzeptiert werden können. Nichtsdestotrotz werfen sich dem Spieler und den Hauptcharakteren viele Mysterien in den Weg, auf die man gerne eine Antwort hätte - aber ich fürchte, auf die meisten müssen wir erst bis zum zweiten Teil warten.

Der Kesselmann. ...Ich weiß auch nicht.

Meiner Meinung nach ist Zeno Clash ein wunderschönes Spiel, welches auf einem anderen Podest auf gleicher Höhe wie das legendäre Portal steht, allerdings dazu dessen kurze (wenn auch angebrachte) Spielzeit und den geringen Wiederspielwert adaptiert. Auf jeden Fall einen Blick oder ein paar Euro über Steam/Xbox Live Arcade oder mit Verpackung für's Regal wert. Rian
29.06.2010 | Rian | In-Game
Kommentieren
» Kommentare
Bisher gibt es keine Kommentare.
» Kommentar schreiben
Name (oder Registrieren) :
E-Mail (optional) :