Daedalic Entertainment
Der Noob und die Adventurer
Seid ihr es auch langsam leid, wie ich in jedem meiner GamesCom-Artikel davon erzähle, wie ich mich mit irgendwelchen hohen Tieren in kleine Räume setze, um mir Dinge präsentieren zu lassen? Steht Rian vor lauter Hinsetzen eigentlich auch mal wieder auf? Hey! Sitzen ist gar nicht so einfach! In meinen dicken Hintern sind viele Jahre des mühevollen Fleischwerdens hineingeflossen! Habt ein bisschen Respekt! Und wo wir schon bei Respekt sind: Leute, die in diesen Zeiten mit Point and Click-Adventures ihr Geld machen, verdienen auf jeden Fall welchen. Zum Beispiel Claas Paletta und Kevin Mentz, einerseits Chef von Daedalic Entertainment, andererseits Autor und Game Designer - mit denen habe ich mich übrigens HINGESETZT und ein bisschen über A New Beginning, Swords & Soldiers, Tales of Monkey Island und Adventures an sich gequasselt.


A New Beginning spielt an mehreren Orten zu mehreren Zeiten gleichzeitig: Die Geschichte startet an und für sich im Jahre 2500, wo die Menschheit kurz vor dem Aussterben steht, weil die kollabierte Umwelt der Erde die Oberfläche nicht vor einer bevorstehenden Sonneneruption bewahren kann. Zum Glück haben Menschen in der Zukunft ja Zeitmaschinen (warum haben wir die jetzt noch nicht? Müsste das nicht bald soweit sein?), deshalb schicken sie ein Team in die Vergangenheit, um die schlimmsten Fehler, die wir mit der Erde so angestellt haben, zu verhindern.

Klingt ein bisschen nach gutmenschlerischer Gewissensbestrafung? Sicher. Und die URL der Seite zum Spiel, earth-game.com, hilft nun auch nicht wirklich dabei, etwas anderes zu vermitteln, allerdings sollen wir als Spieler nicht mit einem puren, erhobenen Zeigefinger konfrontiert werden - gibt noch genug andere Elemente, die Spaß machen, selbst wenn man keinen Müll trennt. Zum Beispiel das Setting der Zukunft! Da sieht nämlich alles ungewöhnlich pulpig und sogar ein bisschen steampunkig aus, mit einer großen Analog-Uhr an der Zeitmaschine, metallene Flügel an Jetpacks, die an braunledrigen Ganzkörperanzügen hängen. Insgesamt sollen Dialoge, Charaktere und Design die Story um ein Vielfaches leichter machen als sie eigentlich ist, um eben nicht das Gefühl zu vermitteln, man müsste dringendst an die Nordsee joggen und Robben zurück in die Gezeiten schubsen. Ich finde die Idee gut, vor allem weil es in jedem zweiten Spiel ohnehin darum geht die Welt zu retten - muss ja jetzt nicht immer eine akute Bedrohung sein, man kann sie ja auch mal zur Abwechslung auf lange Sicht retten!


Das Gameplay beginnt allerdings nicht in der Zukunft, sondern im Hier und Jetzt, nämlich mit einem grummeligen Norweger namens Bent, der krampfhaft versucht, die Abgeschiedenheit seiner Fjordhütte zu genießen. Krampfhaft deshalb, weil er eigentlich der totale Workaholic ist und vergeblich versucht hat, aus Blaualgen Bionenergie zu gewinnen - soweit dass er total ausgebrannt ist und alles dafür aufgegeben hat.
Erste gute Nachricht: Es gibt wieder Hotspots! Das sind hilfreiche Markierungen auf dem Bildschirm, die per Tastendruck alle interaktiven Gegenstände anzeigen, so dass man nicht den Screen Pixel für Pixel absuchen muss, weil man unbeding das winzige Kaugummi braucht, das irgendwo unter einem Stuhl in der Oper klebt. Zweite gute Nachricht: Das Interface ist einfach gestrickt und wenig missverständlich. Das Inventar ist auf der rechten Maustaste, auf der linken kann man, wenn man sie gedrückt hält, ein Ringmenü öffnen, das kontextsensitiv anzeigt, was man mit dem Gegenstand so machen kann. Soll man das Brötchen essen, dann steht da auch "Essen" und man muss nicht auf den Papageienkopf klicken oder irgendsoeinen Unsinn.


Wir verfolgen weiterhin Bent in der wirklich schön gezeichneten Landschaft (ich habe keine Ahnung, wie der Kerl sich da nicht ausruhen kann) und, Junge, der Mann ist wirklich ein Griesgram. Der hat an nichts Spaß! War mir sofort sympathisch. Die andere Hauptcharakterin des Spiels ist Fay, ein Mitglied des Zurück-in-die-Vergangenheit-Teams. Leider haben sich die Leutchen ein bisschen verflogen und sind im Jahre 2050 stecken geblieben, wo die Zerstörung der Umwelt schon unaufhaltbar war. Mir ist vollkommen egal, wie ein post-apokalyptisches Szenario zustande kommt, hauptsache es ist da! Und die Frau drängt sich auch gleich wunderbar in den Vordergrund, denn das erste Drittel des Spiels besteht daraus wie sie Bent davon zu überzeugen versucht, dass sie wegen ihm und seinen Blaualgen aus der Zukunft gekommen ist und deswegen ihre Erlebnisse in der nahen Bälde nacherzählt - immer schön mit ungläubigen Kommentaren vom alten Norweger zwischengestreut. Insgesamt wird das Spiel acht Kapitel haben.


Was mir sehr wichtig war: Wie sind die Rätsel gehalten? Ich bin ein bisschen ein Adventure-Noob, zumindest was Adventures der Monkey Island-Sorte ausmacht. Deswegen musste ich bei Daedalics vorigem Titel, The Whispered World, auch stark aufgrund der Rätsel kotzen. Das habe ich den beiden Herren auch so gesagt, vergleichsweise von meinem Lieblings-Adventure The Neverhood erzählt, welches ausschließlich Logikrätsel beherbergt, und sie konnten mich zumindest etwas beruhigen: Die Rätsel werden logisch gehandhabt und sind nicht Marke Ausprobieren. Die Tester brauchten bisher auch keine Hilfestellung und sind alle irgendwie selbst durchgekommen. Phew. Das Spiel kommt voraussichtlich am 8. Oktober in den Handel.

Als nächstes auf dem Speiseplan stand ein Titel, der mal untypischerweise kein Klick-Abenteuer sondern ein Strategiespiel ist: Swords & Soldiers heißt der Spaß und ist, wenn man böse sein möchte, ein Age of War-Klon: Einer hat seine Basis links, der andere rechts. Man kann seine Gebäude aufwerten, wenn man genug Rohstoffe (Gold und Mana) hat, und fertiggestellte Einheiten wandern sofort auf den Feind zu.
Was die Spiele unterscheidet sind ganz klar Tiefgang und Charme: S&S wird über drei Völker verfügen - Wikinger, Azteken und Chinesen, natürlich alle mit unterschiedlichen Eigenschaften.
Ganz klar sind die Animationen der kleinen Figuren hammer und die Oberfläche ist ein Kuss für's Auge. Claas Paletta nannte das Spiel ein StarCraft meets Plants vs Zombies und vom Zugucken würde ich das auch einfach mal unterschreiben. Die kleinen, fleischfressenden Chibi-Wikinger sind mir sofort ans Herz gewachsen.


Das Spiel wird Online-Multiplayer unterstützen (dann wahrscheinlich nur für zwei Personen oder mehrere Personen auf derselben Seite) und wird unter anderem über Steam und WiiWare vertrieben.

Ein letztes noch: Daedalic kümmert sich um die Lokalisierung der Tales of Monkey Island-Serie. Das ist insofern eine gute Sache, weil man den Leuten vertrauen kann, den Wortwitz der Dialoge sinngemäß zu übersetzen und nicht irgendwelche lahmen Pointen reinzuhauen, wenn ihnen nichts besseres einfällt. Wir haben dann ein paar Minuten lang gemeinsam, wie es sich so gehört, über Monkey Island 4 gemotzt. Oh, und es wird sich um die bekannten Sprecher der Serie bemüht - mit einem anderen Guybrush als den von 3 und 4 wär's auch irgendwie nicht dasselbe. Wobei. Nicht dasselbe zu sein wie Monkey Island 4 ist wahrscheinlich gar nicht mal so übel... Rian
26.08.2010 | Rian | GamesCom 2010
2 Kommentare
» Kommentare
Ralle am 26.08.2010 um 23:41 Uhr
Ohne jetzt klugscheißern zu wollen, werde ich jetzt mal vorsichtig anmerken, dass Swords & Soldiers schon fast seit einem Jahr für Wii draußen ist (und zudem sehr cool und kurzweilig ist)... Falls einem das aber durch deinen Artikel schon klar sein sollte, entschuldige ich mich für die Bemerkung. :)
Rian am 27.08.2010 um 00:41 Uhr
Ja, danke noch mal für den Hinweis: Was Daedalic da macht ist die erweiterte Umsetzung des Spiels.
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