Heavy Rain
Sex, Drugs & Ethaaaaaan
Starker Regen ist in den letzten zwei Jahren Ethan Mars ständiger Begleiter gewesen. In einem tragischen Unfall verlor er ein Familienmitglied und seitdem war sein Leben nicht mehr dasselbe. Seine Frau trennte sich von ihm, die Beziehung zu seinem Sohn ist distanziert und zudem leidet er unter Blackouts, Depressionen und einer Furcht vor Menschenmengen. Nun muss er miterleben, wie sein Sohn Shaun vor seinen Augen vom Spielplatz entführt wird – ohne, dass er sich an irgendwas erinnern kann, da er nach einem Blackout mitten auf der Straße mit einem aus Papier gefalteten Schwan in der Hand aufwacht. Ein Markenzeichen des sogenannten Origamikillers, ein Serientäter, der im Herbst kleine Jungen entführt und sie im Regenwasser ertränkt, nie ohne ein Origami als Signatur in den toten Händen seiner Opfer zu hinterlassen. Als Ethan einen Brief des Killers mit einer Karte für ein Schließfach findet, beginnt für ihn ein Wettlauf mit der Zeit, denn seinem Sohn bleiben nur wenige Tage, bevor auch ihn der Regen ertränkt.

Die Geschichte des Origamikillers erlebt ihr dabei aus der Perspektive von vier verschiedenen Charakteren. Darunter befindet sich, neben Ethan, der kaltschnäuzige aber warmherzige Privatdetektiv Scott Shelby, der im Auftrag der Familien den Fall untersucht, die schlafgestörte Journalistin Madison Paige und der coole FBI-Ermittler Norman Jayden, der in seinem Job ein absoluter Überflieger ist, aber mit einem Drogenproblem zu kämpfen hat. Je nach Charakter erwarten euch andere Aufgaben. Damit Ethan seinen Sohn retten kann, muss er sich Prüfungen stellen, die so aus dem Film Saw entnommen sein könnten, Jayden sucht mit High-Tech-Spielzeug nach Spuren und der Detektiv versucht in Gesprächen an die für ihn benötigten Informationen zu kommen.


Das Spiel wird als „Interactive Drama“ beschrieben und spätestens wenn man zum ersten Mal eine Hand ans Gamepad legt wird klar, wieso: die etwas gewöhnungsbedürftige Steuerung ist sehr limitierend. Auf Knopfdruck wird euer Charakter nämlich weder springen, noch zuschlagen oder gar rennen. Stattdessen besteht eure übliche Kontrolloption daraus, euch umzuschauen, mit dem linken Stick, oder in normaler Geschwindigkeit zu laufen, durch Drücken des R2-Knopfes. Die Belegung ist sehr ungewohnt und der ein oder andere könnte sich dabei erwischen, sich über das zu langsame Tempo aufzuregen. Diese Beschränkung macht aber durchaus Sinn, würden die Charaktere nämlich immer wie kleine Mädchen auf Speed durch die Gegend sprinten, wäre ein gewisser Stimmungsverlust sicher die Folge. Das Spiel will langsam gespielt werden, ein effektives Eintauchen in die Atmosphäre ist im Schnelldurchlauf schwer möglich. Das entschuldigt allerdings nicht die gewisse Zickigkeit und Tendenz zum Festhängen in Ecken und engeren Durchgängen, die die spielbaren Figuren gerne zeigen.

Wird doch mal ein gewisses Mehr an physischer Aktivität von eurem Charakter verlangt, kommt der rechte Stick zum Einsatz. In der Nähe interessanter Objekte, sei es der Kühlschrank oder eure Haustür, taucht in der Szenerie eine Richtungsanweisung auf. Diese besitzt meist eine Ähnlichkeit zum Bewegungsablauf der ausgeführten Tätigkeit. Zum Hinsetzen wird nach unten gedrückt, um einen Schrank aufzumachen ein Viertelkreis vollführt. Für Dialoge werden hingegen die Blahblah-Buttons benutzt.

Schließlich gibt es auch in aller Regelmäßigkeit sogenannte Quick Time Events. Das sind die actionreichsten Sequenzen des Spiels und fordern von euch, dass ihr aufblinkende Knöpfe und Stick-Bewegungen in einem bestimmten Zeitraum vollführt. Diese Sequenzen bieten aber nur beschränktes Mitspielrecht, ihr schaut quasi einen Film und drückt im richtigen Moment die Tasten – aber je nachdem wie gut oder schlecht ihr verfahrt können unterschiedliche Resultate die Folge sein. In einer Schlägerei mit einem aufmüpfigen Freier einer Informantin kann es durchaus passieren, dass ihr ordentlich eines auf die Mütze bekommt und deswegen fliehen müsst – ohne an die Informationen zu gelangen, für die ihr gekommen seid.

Doch gerade dieses Element, dass man sich nie wirklich über den Ausgang einer Actionszene sicher ist – im Gegensatz zu beispielsweise einem Kampf in einem traditionellen Actionspiel, bei dem man das Ende sehr genau abschätzen kann, macht jeden einzelnen dieser Momente so spannend. Hinzu kommt, dass eure Charaktere die Möglichkeit haben zu sterben, wenn ihr in einem dieser QTEs zu oft die falsche Taste drückt und wenn das passiert erwartet euch kein „Game Over“-Bildschirm: das Spiel geht weiter. Wer nicht aufpasst sieht also die Entwicklernamen über den Bildschirm flackern ohne die Morde zufriedenstellend aufgeklärt zu haben.
Besonders hoch muss man den Entwickler den Mut anrechnen Sequenzen in das Spiel eingebaut zu haben, die eigentlich keinen spielerischen Wert haben, es dem Spieler dafür aber erlauben, emotionale Verbindungen mit den Charakteren zu knüpfen. Wenn man als Ethan seinen Sohn Shaun schaukelt, wird der Spieler berührt. Wenn er dann kurze Zeit später mit ansehen muss, wie Ethan seinen Sohn verliert und unmenschliche Prüfungen erträgt, um ihn irgendwie zu retten, dann blutet auch das Herz des Spielers – vielleicht stärker als in einem Film, weil man doch selbst die Kontrolle hatte in diesen Vater-Sohn-Sequenzen.

Dadurch, dass man emotional involviert ist und ständig unter Hochspannung steht, wird eine perfekte Atmosphäre geschaffen für die großartige Geschichte, die Quantic Dream erzählen will. Nach einem gemächlichen Anfang erwarten den Spieler rund 10 Stunden auf hohem Tempo mit wenigen Verschnaufpausen und vielen Wendungen. Und wenn sich das Werk langsam seinem Ende nähert und die Identität des Mörders herausgefunden wird, kann man eigentlich nur resümieren, dass es die Entwickler geschafft haben, den Spieler gut einzulullen – denn viele Hinweise sind versteckt, doch oft wird mit der Aufmerksamkeit des Spielers hantiert, so dass man sie erst wenn es schon zu spät ist als solche entdeckt.

Leider gaukelt euch das Spiel abseits der Hauptgeschichte auch oft eine gewisse Breite vor, die so nicht vorhanden ist. Nehmen wir die Schlägerei als Beispiel: egal ob ihr den Freier ausschalten könnt, von ihm verprügelt werdet oder ohne euch einzumischen abhaut – später kommt die Informantin trotzdem bei zu Besuch, um sich euch anzuvertrauen. Momente, die sich so anfühlen als wenn sie einen großen Einfluss auf das Spiel oder wenigstens die Psyche eurer Charaktere nehmen könnten, werden dann teilweise in der nächsten Szene in einem kurzen Dialog abgefertigt oder sogar nur als kleines, optisches Detail in Form eines blauen Auges vermerkt.

Zudem hat man manchmal den Eindruck, dass Informationen in dem Spiel unnötigerweise zurückgehalten wurden. Als Spieler ist man, egal welches Ende man erreicht, nicht schlauer über die Hintergrundgeschichten mancher Charaktere, obwohl diese Aspekte oft genug im Spiel angerissen werden. Das soll wohl als Karotte dienen, die sicherlich den ein oder anderem zum Kauf des bald erscheinenden DLCs mit zusätzlichen Kapiteln verführen wird, hat aber den Nachteil, dass man keine ganz runde Spielerfahrung geboten kriegt.

Während das Gameplay bei Heavy Rain eher Mittel zum Zweck ist, drängt sich vor allem der technische Aspekt in den Vordergrund – und der ist absolut gelungen. Man merkt, wie viel Wert die Entwickler auf Details gelegt haben. Man hat echte Schauspieler engagiert, die Stimme und Aussehen geliehen haben und sich auch für Motion Capturing-Aufnahmen bereitgestellt haben. Dadurch sind die Gesichtsanimationen lebensecht und Stimmen sind absolut lippensynchron. Der von einem Orchester eingespielte Soundtrack untermalt dazu alle Szenen passend, sodass insgesamt eine meist bedrückende, aber absolut treffende Atmosphäre erzeugt wird. Negativ fällt eigentlich nur das leicht plastische Aussehen der Charaktere auf und die Tatsache, dass Heavy Rain die Playstation 3 gelegentlich in die Knie zwingt: Ruckler und kurze Soundaussetzer sind die Folge.

Heavy Rain wäre ein würdiger Anwärter für den Titel Game of the Year… und gleichzeitig auch für den Oscar. Egal ob man selbst den Controller in der Hand hält oder nur zuschaut, in beiden Fällen kann das Spiel seinen vollen Charme entfalten und eine Reihe von Emotionen beim Spieler erwecken. Ein Mix, der sowohl Spiele- als auch Filmmacken mit sich bringt, diese können aber die exquisite Spielerfahrung kaum stören und das Endprodukt ist ein fantastischer Actionthriller, der den Spieler auf der Storyebene mitreißt wie kaum ein Spiel zuvor. Wer seine typischen Erwartungen an ein Videospiel zurückstecken kann und sich auf Heavy Rain einlässt, wird nicht enttäuscht werden. Evil
26.05.2010 | Evil | Interactive Drama
4 Kommentare
» Kommentare
Rian am 26.05.2010 um 12:55 Uhr
Hmhmhm, ich habe Heavy Rain noch nicht gespielt, werde dies aber noch nachholen. Was mir bisher so an Kritik zum Spiel über den Weg gelaufen ist: Für Muttersprachler sollen die Synchronsprecher ein Witz sein, weil man angeblich bei sehr vielen Charakteren hört, dass da ein Franzose sich an überzeugendem Amerikanisch versucht. Die Story soll, nach Filmmaßstäben, ein relativer Flop sein, weil regelmäßig nach einer sehr offensichtlichen Friss-oder-stirb-Methode irgendein Psychopath eingeführt wird, der der Origami-Killer sein könnte - also sehr unsubtiles Auf-die-falsche-Fährte-führen. Das Auswählen mancher Objekte über die Sticks, das ist mir auch in der Demo aufgefallen, sei mehr als unintuitiv, so dass man sich manchmal ganz schön einen abbricht, um eine simple Autotür zu öffnen. Oh, und was du schon angesprochen hast: Viele Entscheidungen geben nur die Illusion von Freiheit an, es soll QTEs geben, die man zum Beispiel überhaupt nicht verlieren kann.

Das alles sind Gründe, warum ich mit dem Kauf von Heavy Rain noch warte, wahrscheinlich werde ich demnächst einfach mal eine Videothek aufsuchen. Mehr Wiederspielwert als Fahrenheit wird das Ding wohl nicht haben.
Damien am 26.05.2010 um 13:49 Uhr
Also die deutsche Synchro ist wirklich lächerlich. Aber es zwingt dich ja keiner Deutsch zu wählen (Da macht sich das Bluray-Format endlich mal bezahlt).
Die Story ist anch Filmmaßstäben sicher kein Meisterwerk, aber meiner Meinung nach völlig ausreichend, um die Spannung und Atmosphäre zu erzeugen, die dieses Spiel auszeichnet.
Heavy Rain ist jedenfalls ein Spiel, das man einfach gespielt haben sollte.
Allgemein würde ich es begrüßen, in Zukunft noch mehr solche interaktiven Dramen auf den Konsolen zu sehen.
Nex am 26.05.2010 um 20:55 Uhr
Da mir Fahrenheit gefallen hat, denke ich, dass mir Heavy Rain auch gefällt. Zurücklehnen und genießen halt. Leider war es ja schon bei Fahrenheit so, dass Entscheidungen kaum Konsequenzen für das Ende hatten..
Jozu am 27.05.2010 um 20:23 Uhr
Ich würde es eigentlich auch gern noch mal spielen, aber mir wurde leider das Ende so nebenbei gespoilt, weil man davon ausging, ich hätte es schon gespielt...
» Kommentar schreiben
Name (oder Registrieren) :
E-Mail (optional) :