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Splinter Cell: Conviction
Ex-Spion sucht Ruhestand
Ich fand Splinter Cell schon immer besser als Metal Gear Solid. Das lag weder an der Story, die bei Metal Gear Solid bis auf kurze Ausnahmen immer besser war, oder an den Hauptcharakteren, denn einen von beiden als "cooler" zu erklären würde an Blasphemie grenzen; es ging um das Gameplay. MGS wurde oft als Schleichspiel missverstanden, war es doch eher ein Action-Titel, während Splinter Cell hingegen die Stealth-Erfahrung bot, die man sich sonst nur bei dem PC-Titel Thief abholen konnte.

Nach einer sehr langen Durststrecke kehrt Sam Fisher endlich zurück und ist stark gezeichnet. Nachdem er im Vorgänger unter anderem seinen besten Freund im Auftrag der Regierung umgebracht hat und noch immer damit kämpfen muss, dass seine Tochter ums Leben gekommen ist, hat er den Dienst bei Third Echelon an den Nagel gehängt und kämpft stattdessen auf eigene Sache: Sam hat nämlich Wind davon gekriegt, dass seine Tochter angeblich umgebracht wurde (anstatt einen Unfall zu erlitten zu haben) und macht sich auf die Suche nach den Schuldigen.


Die Storywendung, dass Sam nun nicht mehr für die Regierungorganisation arbeitet, hat vor allem eine große Auswirkung auf das Gameplay: Sam ist nicht mehr unbedingt darauf angewiesen ohne viel Aufsehenerregen vorzugehen. Bis auf ganz seltene Ausnahmen ist das Arsenal komplett freigegeben, Alarme müssen einen nicht sorgen und Körper verstecken kann man schon überhaupt nicht mehr.

So hat Sam, der mit dem fortschreitenden Alter ein paar Bewegungen, beispielsweise seinen Trademark-Spagatsprung, verlernt hat, einige neue Manöver kennengelernt, die einzig und alleine dem gewalttätigen Ausschalten von Feinden dienen. So kann er, vorhergehender Nahkampfkill vorausgesetzt, Feinde mit der RB-Taste markieren und dann mit Druck auf Y in sekundenschnelle exekutieren -- je nach Waffe zwei bis vier Feinde!


Zusätzliche Neuerungen sind beispielsweise, dass Sam nun per Druck auf die A-Taste von Deckung zu Deckung sprinten kann. Das ist praktischer (und sicherer) als der manuelle Gang zum nächsten Versteck. Und eine Silhouette Sams zeigt an, wo die Gegner den Ex-Spion zuletzt gesichtet haben: perfekt um Schergen, die gerade einen vermeintlichen Aufenthaltsort untersuchen, von hinten zu überraschen.

Dennoch haben es auch ein paar coole, alte Moves in den neuesten Teil geschafft: An Stangen klettert Fisher nämlich noch immer so gut wie kein Zweiter und die Möglichkeit, Gegner an Fenstern oder Geländern hängend in ihren Untergang zu ziehen, ist jedes Mal aufs Neue eine große Freude für jung und alt.

Dass Sam mittlerweile ein anderer Mensch ist, merkt man auch bei seinen Interaktionen mit anderen Charakteren: Sein beißender Sarkasmus ist fast vollständig verschwunden -- stattdessen stehen brutale Verhörungssequenzen, bei denen selbst ein Jack Bauer sich noch den ein oder anderen Trick abschauen könnte, auf der Tagesordnung.

Das Klo rechts verdankt sein Aussehen Sams neuen Gesprächsmethoden.

Auch insgesamt kann man dem gesamten Spiel einen 24-Vibe attestieren. Nicht zuletzt die Story, die alle üblichen Elemente wie Maulwürfe in hohen Regierungspositionen, unmögliche Wendungen und überraschende Auftritte längst verschollener Charaktere enthält, erinnert stark an die erfolgreiche Fernsehserie. Gerade Fans werden sich sicher freuen, aber dem ein oder anderen könnte die gesamte Geschichte zu klischeebehaftet und so schon tausende Male durchgekaut vorkommen.

Stilistisch ist das Spiel übrigens sehr gelungen. Nicht nur, dass man beim HUD stark auf Minimalismus gesetzt hat, Hinweise auf Missionsziele werden beispielsweise direkt in großer Schrift auf Wände im Level projiziert, genauso wie gelegentliche Flashbacks oder die Emotionen, die gerade in Sams Kopf herumschwirren. Und statt eines Sichtbarkeitsmessers sieht man nun direkt an der Grafik, ob Sam für den Feind erkennbar ist oder nicht: Sobald man in die Schatten schlüpft, verliert das Spiel seine Farben und wird schwarz-weiß, ist man so unterwegs, dass einen Gegner erblicken könnten, wird es wieder bunt.


Abseits der Solo-Kampagne gibt es nun nicht mehr nur noch den Multiplayer-Modus, bei dem man Missionen gegen eine Computer-AI erfüllt: auch eine komplett neue Ko-Op-Kampagne, die aber storytechnisch die Geschichte aus dem Einzelspielermodus ergänzt, wurde eingebaut. Dies ist auch bitter nötig, denn der Aufenthalt in Sam Fishers Haut hält nicht länger als 6-8 Stunden.
Diesen Sam hätte ich ja viel lieber gespielt...


Meiner Meinung nach ist das neue Splinter Cell als Schleichspiel gescheitert. Eingangs erwähnte ich ja, dass gerade durch die Stealth-Elemente Splinter Cell sich so wunderbar abheben konnte und für mich zu einer ganz besonderen Spielerfahrung wurde. Nun wandelt man aber nicht mehr auf den verdeckten Pfaden -- der Actionanteil ist sehr hoch, gerade ohne jemanden umzubringen durch die Level zu gelangen stellt sich bisweilen als unmöglich dar. Teilweise fühlt man sich, wenn man von Deckung zu Deckung sprintet und dabei immer wieder aus einem Maschinengewehr auf Gegner feuert, an Spiele in Richtung Gears of War erinnert. Somit hat Sams neuestes Abenteuer ein bisschen vom Alleinstellungsmerkmal der Serie verloren und schon fast traurig muss man fragen, ob das eigentliche Konzept für Conviction, welches ja mitten im Entwicklungsprozess verworfen wurde, nicht einen würdigeren Nachfolger der Serie hervorgebracht hätte. Splinter Cell: Conviction wäre als eigenständiges Spiel ziemlich gut, versagt aber so an den Erwartungshaltungen, die man bei einem Splinter Cell eben hat. Evil
18.04.2010 | Evil | In-Game
4 Kommentare
» Kommentare
Rian am 18.04.2010 um 21:50 Uhr
Ich werde mir das Ding auf jeden Fall noch mal angucken, aber wenn man wirklich durch Level nicht durchkommt ohne jemanden zu töten, dann... Jedes Mal, wenn ich in den alten SC-Teilen jemanden ums Eck bringen musste, dessen Tod nicht für den Erfolg der Mission vorgeschrieben war, hatte ich ein bahnbrechendes Gefühl des Fehlschlags.
Phno am 19.04.2010 um 13:04 Uhr
Ich find vorallem cool, wie stilistisch die verhörungen in Szene gesetzt wurden, dass Bilder und Videos an die Wände projiziert werden, etc.
Und "dein Sam" erinnert stark an Ethan aus Condemned. XD
Nex am 20.04.2010 um 17:55 Uhr
Ich hab irgendwie ziemlich viel Lust, mir den Titel zu holen! Weniger wegen der Story, die mich bei Splinter Cell noch nie sehr stark interessiert hat, als viel mehr wegen des Stealth-Gameplays, das zu den besten seiner Art zählt.
Rian am 24.10.2011 um 15:19 Uhr
Das Gameplay und die Schießereien sind wirklich ziemlich gelungen, auch mit dem Hand in Hand gehenden Feature des Herumschleichens - welches aber wirklich nur ein Feature darstellt. Man kann sich um die Schergen herumschleichen und sich den letzten Mann schnappen, um ihn dann als menschliches Kevlar zu missbrauchen und seine überraschten Kollegen zu markieren und umzulegen - genausogut lässt sich aber auf sehr einfache Weise eine Kopfschussserie aus der Deckung heraus erzeugen. Was mich stark nervt, ist der Schwarz-Weiß-Effekt. Gut, man verpasst dann keinesfalls, dass man sich im Schatten befindet, allerdings machen es einem die Graustufen schwieriger, Feinde oder den nächstbesten Schatten zu sehen - da fand ich die Farbleuchte auf Sams Rücken in Double Agent eleganter.
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