Sorcery Gewinnspiel!
Northcon
Auf der größten LAN-Party Deutschlands
An der Tür des Geschirrschranks in meiner Küche klebt eine Postkarte, auf der ein großer Haufen ungewaschenes Geschirr und die Worte "Der Geruch von Freiheit und Abenteuer" abgebildet sind. Das ist eine sehr schöne Metapher dafür, wie ich mir meinen ersten Besuch bei der Northcon, der über 2000 Teilnehmern wohl größten LAN-Party Deutschlands und gleichzeitig das Ereignis, das mich meiner Groß-LAN-Jungfräulichkeit berauben sollte, vorstellte. Im Nachhinein war dieses Bild gar nicht mal so abwegig. Begleitet mich doch bei meinem Erfahrungsbericht der in den Neumünsteraner Holstenhallen angesiedelten Feier von allem, was PC-Gaming ist.

Ihr werdet mir hoffentlich im Vorfeld verzeihen. Nach den vier Tagen Dauergezocke und den gefühlt sechs Stunden mir gegönnten Schlafes, bin ich eventuell nicht mehr GANZ dazu in der Lage, für vollständige Kohärenz meiner Berichterstattung zu garantieren. Ich versuche, mich einigermaßen an einer chronologischen Erlebnisaufzählung entlang zu hangeln, werde aber auch häufiger vorweggreifen - einfach nur weil ich denke, dass es so witziger ist.

Tag 1

Nachdem ich um 18 Uhr von Mit-LANern abgeholt wurde, wir etwa gegen 20 Uhr Kiel verließen (nicht zuletzt dank Fahrtalenten wie "Ich fahre in einer Einbahnstraße rückwärts, während mich Fahrradfahrer wie Delfine ein Schiff umkreisen") und dann kurz vor 21 Uhr in den Hallen eintrafen, hatte ich nicht viel zu tun. Am Eingang wurde ich nach Perso und Nickname gefragt ("Rianq" geht ja noch. Ich wüsste mal gerne, ob Spieler wie "[DERP]-~xXxH4xX0rxXx~-" ihren Gamertag bei der Anmeldung buchstabieren mussten) und wurde zügig zu meinem Sitzplatz durchgewunken. Im Willkommenspaket befanden sich unter anderem ein T-Shirt und Ohrstöpsel. Ersteres gab mir nach zwei Tagen die Gelegenheit, doch nicht ganz so schlimm zu stinken, während die Stöpsel tatsächlich dazu beitrugen, dass ich doch mal hier und da ein Auge zutun konnte.

Insgesamt kam ich mit vergleichsweise leichtem Gepäck - sprich: kein Festrechner, nur ein Laptop, Tastatur, Maus und ein paar überlebensnotwendige Dinge wie eine Packung Toast und ein paar Wasserflaschen -, brauchte dementsprechend nur wenig Zeit zum Aufbau in der doch recht gemütlichen Halle 5. Die Stühle waren ergonomisch, die Tische in guter Höhe, alles bestens. Daher hatte ich auch sofort Zeit, um mich nach Seltsamkeiten umzugucken, während viele andere Spieler noch am Aufbauen oder schon am Zocken waren. Diese Begegnungen der anderen Art ließen auch nicht lange auf sich warten. Die mich anstarrende Gummipuppe oder der Typ schräg links vor mir, der anscheinend seinen privaten Pornobilderordner anthropomorphizierter Tiere als Desktophintergrund geschaltet hat, waren nur die Spitze des Eisbergs.

Schnell meldete sich auch der Gott der Lautsprecheranlage, der mit seinem immerzu vorangestellten "Sooooooooo…" zu einem Northcon-Meme werden würde. Später würden bereits beim ersten Knacken des Mikrofons die Spieler um mich herum vollkommen unterbewusst laut oder leise "Soooooo…" wie ein Mantra vor sich hinbrummeln, noch bevor dieser überhaupt zu Wort kam. Der Gott sollte vor allem durch sein Lieblingsspiel bekannt werden: Abschlepp-Bingo! Wem das genannte Autokennzeichen bekannt vorkommt, einen passenden Schlüssel besitzt und sein Auto schnellstens woanders parkt, der gewinnt einen Preis. Der Preis lautet: das Auto bleibt auf dem Parkplatz.

Der große Umschlagpunkt und der offizielle Startschuss wurde dann von diesem obersten aller Aufseher spendiert, als die Lichter ausgingen. Bei den stark abgedunkelten Fenstern sah man außer den angestrahlten Gesichtern nun zufriedener Gamer kaum noch etwas und die Luminanzveränderung des Raumes wurde sofort mit lautem Klatschen gebührend gefeiert.

Als ich beim Aufbau der anderen helfen wollte, habe ich aus dem Netzwerk-Switch einmal aus Versehen das falsche LAN-Kabel gezogen. Ich hatte in dem Moment wirklich ein bisschen Bange um meine Gesundheit. Wer weiß, wem ich da gerade seinen Sieg in Counter Strike ruiniert habe! Ich hatte halb damit gerechnet, dass ein großer, beglatzter, bärtiger Mann aufsteht und mir eine in die Fresse haut. Glücklicherweise ist nichts dergleichen passiert und der Vorfall verstrich ohne bemerkt zu werden. Phew!

Den Rest des Tages habe ich eigentlich nur damit verbracht, mein frisch installiertes Windows zu aktualisieren. Da irgendwann die Update-Server versagten, musste ich irgendwie über Tricks bewerkstelligen, dass ich an die neuesten Versionen der Sicherheitssoftware rankomme. So gegen ein Uhr morgens konnte ich dann endlich mal was spielen, bin aber auch schon um zwei Uhr schlafen gegangen. Also typische Setup-Zeit für 'ne LAN.

Tag 2

Irgendwann nach sieben Uhr morgens aufgewacht. Mit Isomatte, Kopfkissen und Bettdecke gehöre ich zwar zu der absoluten Unterklasse der Schlafsucher - noch weit hinter Leuten mit Luftmatratze oder Feldbett, aber immerhin über den Leuten, für die die Tastatur am Sitzplatz immer noch die erschwinglichste Kopfstütze darstellt -, habe aber im Kombination mit Ohrstöpseln in der doch schon lauter werdenden Halle bei einigem Geschrei ziemlich gut geschlafen. Da hörten die Überraschungen nicht auf, denn der Geruchspegel lag zu diesem Zeitpunkt immer noch durchaus im erträglichen Maße. Einmal wurde sogar gelüftet! Ich fühlte mich so frisch, dass ich nur mein Gesicht wusch und etwas Deo benutzte. Was ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste: Die Stiefel, die ich am Vortag angezogen hatte, würde ich bis zum Sonntagnachmittag vier Tage später nicht wieder ausziehen. Denkt mal kurz darüber nach, was das hygienisch bedeutet.

Aber mal generell zur Geräuschkulisse, denn die allein ist schon ein Grund dafür, die etwas über 40 Euro Eintritt zu bezahlen. Hier wird, ganz dem Durchschnittsbesucher Ende zwanzig / Anfang 30 entsprechend, gerülpst, gefurzt, geschrien, gegröhlt und geflucht. Und wie geschrien und geflucht wird! Das beginnt bei einem "Fuck, nein!" und schaukelte sich dann so weit hoch, dass ich einem FIFA-Spieler eine halbe Stunde lang dabei zuhören durfte, wie ihn irgendjemand während des Spiels zulaberte und er deswegen ein Tor kassierte.

"Ach, scheiße, kacke! Jetzt habe ich nicht aufgepasst, FUCK! Wenn er mich nicht vollgelabert hätte, hätte ich das Spiel gewonnen! MANN, das regt mich jetzt auf!"
Später: "Das kotzt mich so an, OH-NE WITZ. Muss der mich im Spiel volllabern?!"

Andere ulkige Dialoge sahen ein abwechselndes "Neiiiiin!" "Doooooch!" "NEEEEEIN!" "DOOOOOOCH!" oder ein wiederholtes "HALT DIE FRESSE!" vor, welches im Finale klatschend schon fast gejubelt wurde. Und mein Liebling war der Moment, an dem jemand einfach aus dem Blauen heraus "JAAAAAAAA!" schrie. Ich stellte mir dabei vor, er hätte gerade eine besonders knifflige Partie Minesweeper gewonnen.
Der dominanteste Ruf ist dabei aber immer noch der allgegenwärtige Festivalgänger gewesen: Helga! Spätestens einmal jede halbe Stunde gab es einen Helga-Ausbruch, der wie eine Tsunamiwelle durch die gesamte Halle tobte, von den Wänden ein Echo schlug und wieder zurückschwabbte, bis dann jeder einmal geschrien hat. Ich höre die Rufe immer noch in meinem Kopf, das werde ich wohl für ein paar Tage nicht mehr los.

Ich bekam an diesem Zeitpunkt gerade Hunger, als Gratispizza verteilt wurde. Uhhhh, yeaaaaah. Rettung! War zwar nicht viel, aber man verbrennt auf der Northcon ja ohnehin nicht viele Kalorien. Das Pizza-Essen nach 20 Uhr wurde von einem am Ende der Halle an die Wand gestrahlten Porno begleitet. In der Hinsicht traten noch ganz andere Ereignisse auf den Plan. Pornos kamen immer mal vom Beamer, wenn auch nicht häufig frequentiert, schöner war's aber noch, als ich mal zur Toilette ging und sich dort quasi die ganze Reihe an Leuten Schmutzfilme reinzogen.

Da ich bis dahin eigentlich immer noch nichts Handfestes gezockt habe, schloss ich mich den Leuten links neben mir in einem Left 4 Dead-Kampagnenspiel an. Es ist ulkig, dass es immer noch Leute gibt, die L4D anscheinend noch nie gespielt haben, so dass ich nach meiner xten Rettungsaktion dann doch mal leise nachfragen musste, ob ihnen bekannt war, dass Spielern, die sich von der Gruppe abspalten, von der CPU die fiesesten Zombies auf den Hals gehetzt werden. Ansonsten haben wir uns aber alle sehr ordentlich angestellt und wenn in der letzten Mission nicht die ganze Zeit mein Spiel abgestürzt wäre, hätten wir die Horden auch alle gemeinsam gemeistert. In diesem Sinne Grüße an Flo, Misch0r und Relentless!
Da keines meiner sonstigen mitgebrachten Spiele sich im Netzwerk finden ließ, habe ich angefangen, mich irgendwelchen anderen Sachen anzuschließen. Hier machte ich erste Kontakte mit League of Legends, welches ich auch in den nächsten Tagen immer mal wieder anschmiss, und verlor kontinuierlich mein Gesicht im Kampf um die Bestzeit bei Trackmania Nations Forever.

Inzwischen trafen auch immer mehr Teilnehmer ein, so dass sich die Sitzplätze gut füllten. Gleichzeitig stieg die Temperatur und der Odorlevel. Schnüffel, schnüffel. Ging aber noch. Unter all den Neuankömmlingen befanden sich auch einige Damen der Schöpfung, was bei einer derart großen Würstchenfete doch eine schöne Abwechslung für's Auge darstellte. Ich bin mir auch relativ sicher, dass sämtliche Spielerinnen höflich von ihren Mitspielern behandelt wurden. Von einigen vielleicht zu höflich. Aber das lag vielleicht auch daran, dass ausnahmslos alle Northcon-Gängerinnen niedlich waren. Habt ihr das gehört? Ihr seid niedlich! Ihr alle! Lasst euch niemals etwas anderes sagen!

Die Aufbauarbeiten der anderen Spieler gingen mit dem Verteilen von LED-Lichtern und USB-Hub-Tannenbäumen einher, so dass inzwischen so etwas wie eine weihnachtliche Atmosphäre aufkam. Eine weihnachtliche Atmosphäre mit virtuellem Blut und Morden, aber immerhin!
Nachdem ich mit meinen Leuten ein bisschen die WarCraft-III-Mod "Legion" gezockt habe, machten wir uns zu einem Guitar-Hero-Fun-Turnier auf. Welches ziemlich stark suckte. Da waren nur Luschen auf der Bühne und es wurde spontan dem Controller für's Versagen die Schuld gegeben, so dass wir uns wieder ziemlich schnell aus dem Staub machten. Das Interessanteste war noch vorher der anderthalb Meter große Aufblas-Penis, der mit seinem Besitzer in den Zuschauerrängen saß. Die unbewegte Kamera hielt voll auf ihn drauf und zur zufällig eingespielten Musik hatte dieser wackelnde, tänzelnde Schwengel auf der Leinwand etwas vollkommen Hypnotisierendes.

Tag 3

Der Samstagmorgen begann ohne besondere Ereignisse. Zocken. LoL, Call of Duty, Legion, Trackmania. Irgendwann sind wir mittags zu einer Gruppe anderer Spiele in Halle 1 gelatscht. Auf dem Weg dorthin machten wir für eine Raucherpause halt und ich erblickte zum ersten Mal seit gut zwei Tagen wieder Sonnenlicht. HSSSSS! Schmerzen in den Augen!
Der Weg in die Loge allein war schon sehr interessant. Die befindet sich nämlich in Halle 1 - der größeren, lauteren. Auf der Treppe zum oberen Spielerbereich lag schon eine Bierleiche herum, die es zu umschiffen galt. Die nächste halbe Stunde haben wir dann Halbprofis dabei zugeguckt, wie sie ein anderes Team bei Left 4 Dead 2 in Grund und Boden stampften. War sehr interessant, da habe ich noch was über die Versus-Mechaniken lernen können. Cooler war aber definitiv die Aussicht auf die gefüllte Halle und die ganzen lichterzeugenden Monitore, Rechner und alles, was sonst noch so glüht und mitgebracht wurde. Kronjuwel des Ausblicks waren immer die zwei, drei Leute, die qualvoll ihren 52-Zoll-Flachbildschirm mitgeschleppt haben, um bei Battlefield 3 AUCH JA JEDEN PIXEL ZU ERKENNEN OLOLOLO.

Bei unserer Rückkehr in Halle 5 wurde das Abschleppbingo immer heißer. Erst kamen so viele Nummern auf, dass die Übeltäter als Folie an der Wand erschienen, dann hieß es irgendwann, es gäbe bei einem Auto starke Rauchentwicklung. "Also, wer an den verkohlten Überrestens seines Fahrzeugs interessiert ist, der sollte dann doch mal gucken kommen."

Irgendwann trafen dann auch endlich mal Benny und Lennart ein. Odor-level rising! Inzwischen war der Hallengeruch wirklich gesättigt, aber ohne diese leichte Stickigkeit in Zusammenspiel mit dem Duft von Schweiß, Alk, Deo, Methan, Popcorn und Zigarettenrauch (nein, in den Hallen wurde nicht gepafft, aber manche Leute riechen halt irgendwann von selbst so) wäre das alles auch einfach nicht dasselbe gewesen.

Wir drei haben dann erst mal unser Standardprogramm für den PC abgezogen: Call of Pensi, immer wieder! Wir waren sogar ziemlich erstaunt, als wir auf den Northcon-Servern nicht vollkommen am Verkrüppeln waren, sondern gemeinsam sogar mal Spiele gewannen. Unerhört! Aber gut, die ganzen Profis sind wahrscheinlich eh zu Modern Warfare 2, 3 oder Battlefield migriert.

Das nachts fing es dann an, an den Tischen zu rumoren: Die ersten Rechner wurden eingepackt. Schlafen, aufstehen, aff nach huus! Währenddessen wurde mir klar, dass ich wahrscheinlich noch nie etwas Beruhigenderes gesehen habe als das vom LED-Schein eines Bildschirms erhellte Gesicht eines seelig auf einer Soldatenliege schlummernden, unter einer Decke eingekuschelten Gammers. Dazu fehlte eigentlich nur noch, dass im Hintergrund leise "Mad World" spielte...

Tag 4

Wir brachen so etwa gegen Mittag auf. Den Morgen haben wir noch damit zugebracht, mit wildfremden Leuten LoL zu spielen und von einem Kerl direkt hinter uns über Guerilla-Taktiken zu lernen. Der Dschungel ist dein Freund.
Mit "wir" meine ich übrigens nicht Lennart. Der hat sich, ohne einen Wecker zu stellen, auf meiner Isomatte breit gemacht. Ich war irgendwann zu müde, um noch aufrecht zu sitzen, und zu höflich, um Lennart zu vergraulen, also habe ich zwei Stunden lang mit dem Kopf auf einem zusammengeknüllten Handtuch verbracht. Das wäre auch fast noch angenehm gewesen, wenn ich beim Aufwachen nicht bemerkt hätte, dass mir mein Rücken abhanden gekommen war. Wiederkommen tut er wohl auch nicht mehr.

Als wir zu Hause angekommen waren, fing ich an, mich aus den Zwiebelschalen meiner Kleidung zu pulen und musste entsetzt feststellen, was für einen räudigen Gestank meine Klamotten erfolgreich über die letzten vier Tage konserviert haben müssen. Ich wollte meine Sachen eigentlich verbrennen, aber mit jedem entledigten Teil wurde der Geruch nur schlimmer, so dass ich kurz mit dem Gedanken spielte, das Feuer zu legen ohne mich auszuziehen. Habe dann aber doch einmal tief eingeatmet, die Luft angehalten und bin sofort unter das fließende Wasser gesprungen, unter dem ich auch etwa eine Stunde lang nicht mehr hervortrat.

Nächstes Jahr wieder, hat richtig Spaß gemacht! Rian
18.12.2011 | Rian | Northcon 2011
2 Kommentare
» Kommentare
Zernturio (Gast) am 05.01.2012 um 16:13 Uhr
Nächt mal geh doch einfach in einer der 4 Duschen! :-)
Rian am 05.01.2012 um 22:08 Uhr
Wie? Aufstehen, ausziehen, duschen, abtrocknen, anziehen, wieder zurück? Looooooool, was ein Aufwand :D
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